Novartis streicht jede zehnte Stelle
«Nach der Kündigungswelle kommt die Burnout-Welle»

Die Wirtschaft läuft heiss, vom Bodensee bis zum Genfersee werden Fachkräfte dringend gesucht. Ausgerechnet jetzt kündigt Novartis einen massiven Stellenabbau an. Was steckt dahinter?
Publiziert: 29.06.2022 um 19:53 Uhr
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Novartis-CEO Vas Narasimhan (45) hat dem Konzern eine Schrumpfkur verordnet. Mehr als jede zehnte Stelle in der Schweiz verschwindet.
Sarah Frattaroli

Novartis trimmt sich fit für die Zukunft. Zu fit, wenn man die Gewerkschaften fragt: Der Verband Angestellte Schweiz kritisiert den am Dienstag angekündigten Stellenabbau als «brutale Fitnesskur». 1400 Arbeitsplätze will Novartis in der Schweiz im Verlauf der nächsten drei Jahre abbauen. Mehr als jede zehnte Stelle ist betroffen.

Ein Stellenabbau in dieser Grössenordnung ist in der Schweiz nicht alltäglich. Besonders dann nicht, wenn der Konjunkturmotor brummt. Während andere Firmen aus sämtlichen Branchen mit dem Fachkräftemangel kämpfen und händeringend nach Personal suchen, hat Novartis offenbar das gegenteilige Problem.

Pierre Derivaz (33) von Angestellte Schweiz ist darüber sichtlich erschüttert. «Alle Indikatoren für Novartis stehen auf Grün», sagt er gegenüber Blick. «Auf der einen Seite des Rheins baut Roche seinen neuen Turm. Auf der anderen Seite baut Novartis Stellen ab. Das ist schwer verständlich.» Dass die bei Novartis Entlassenen allesamt bei Konkurrentin Roche unterkommen, ist unwahrscheinlich: Zu viele Pharma-Arbeitskräfte fluten gleichzeitig den Markt. Auch die Gewerkschaft Unia spricht von einem Stellenabbau «ohne Not».

Nur Aktienkurs im Kopf?

Der Angestellten-Verband wirft Novartis vor, nur den Aktienkurs statt die Mitarbeitenden im Kopf zu haben. Aufzugehen scheint das Kalkül bisher nicht: Die Novartis-Aktie zeigt wenig Reaktion auf die Ankündigung des Stellenabbaus. Das überrascht: Sparübungen kommen bei den Investoren für gewöhnlich gut an, der Aktienkurs an der Börse steigt dann meist.

«Da der Stellenabbau bereits mit der Ankündigung des neuen Organisationsmodells im April angetönt wurde, reagierte die Börse kaum auf die konkrete Ankündigung», gibt Pharma-Analyst Stefan Schneider (55) von der Bank Vontobel zu bedenken.

Trotzdem hält er den Stellenabbau für richtig – oder zumindest für konsequent: «Das entspricht der neuen Strategie, die Novartis schon vor Monaten angekündigt hat.»

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Der Pharmamulti will sich wieder vermehrt aufs Kerngeschäft – die Pharmazie – konzentrieren und lässt andere Geschäftsbereiche über die Klinge springen. Das soll Einsparungen von einer Milliarde Franken im Jahr bringen.

Vom Gewerkschafts-Vorwurf, Novartis baue ausgerechnet ab, während die Konjunktur heiss läuft, hält Schneider wenig. «Ein Stellenabbau geschieht ja nicht über Nacht. Er hängt daher auch nicht vom momentanen Konjunktur- oder Börsenumfeld ab.» Sondern eben von der längerfristigen Strategie.

Leichtere Jobsuche als auch schon

Derivaz hingegen befürchtet, dass die verbleibenden Mitarbeitenden in den verkleinerten Teams stark unter Druck geraten. «Wir kennen das von anderen Restrukturierungen. Nach der Kündigungswelle kommt die Burnout-Welle.»

Novartis teilt diese Befürchtungen – naturgemäss – nicht: Mit dem Stellenabbau würden Doppelspurigkeiten ausgemerzt, die neue Struktur werde schlanker, heisst es beim Konzern. «Es ist also nicht so, dass der gleiche Umfang an Arbeit auf weniger Köpfe verteilt werden soll», schreibt Novartis dazu.

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Der Basler Pharmamulti verspricht, die betroffenen Angestellten zu unterstützen: etwa mit Hilfe bei der Jobsuche. Das immerhin ist die gute Nachricht für die Betroffenen: Dank Fachkräftemangel und Konjunktur dürfte ihnen die Jobsuche leichter fallen als auch schon.

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