Matthias Gehring blitzt mit Selbsttests aus China ab
«Das BAG legt uns nur Steine in den Weg»

Unternehmer Matthias Gehring wollte für seine Mitarbeitenden Selbsttests aus China beschaffen, um die Strategie des Bundesrates umzusetzen. Doch das BAG lässt diese nicht zu. Blick liegt ein brisantes E-Mail der Behörde vor. Gewerbeverbandspräsident Bigler poltert.
Publiziert: 10.04.2021 um 18:56 Uhr
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Aktualisiert: 26.04.2021 um 18:44 Uhr
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In Apotheken sind seit Mittwoch die gratis Selbsttests von Roche verfügbar.
Nicola Imfeld

Die Test-Strategie des Bundesrats nimmt Fahrt auf. Seit Mittwoch kann jeder Schweizer fünf gratis Selbsttests in der Apotheken abholen. Auch Firmen werden vom Bund in die Pflicht genommen. Sie sollen ihre Mitarbeitenden regelmässig testen, um Ansteckungsherde zu vermeiden.

Unternehmer Matthias Gehring (42) wollte die Teststrategie umsetzen. Kurz nach der Ankündigung Mitte März hat der Geschäftsführer der Thurgauer Firma Swiss Licht versucht, eine Bewilligung für einen Spucktest aus China zu erhalten. Doch sein Gesuch wird vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) abgelehnt.

«BAG hat kein Interesse an Selbsttests»

Der Grund: Gehring hat den Test nicht in der Schweiz validieren lassen. Er holte sich eine positive Bewertung beim renommierten Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland ein. Dieses genügt den Qualitätsansprüchen des BAG aber offenbar nicht.

«Ich habe den Eindruck, das BAG hat gar kein Interesse, dass sich die Leute selber testen», poltert Gehring vor zwei Wochen denn auch in der «SonntagsZeitung».

Zu Blick sagt Gehring, dass er extra einen Mitarbeiter angestellt habe, um ein Schweizer Labor für die Überprüfung des Spucktests zu finden. «Das BAG hat eine Liste mit den zulässigen Laboratorien in der Schweiz. Mein Angestellter hat es bei allen versucht, doch niemand hatte die nötige Zeit.»

Gehring schreibt BAG-Direktorin

Der Fall ist nun eskaliert. Die «Gewerbezeitung» berichtet über einen E-Mail-Verkehr zwischen Gehring und dem BAG. Auch Blick liegen die Nachrichten vor. Der enttäusche Swiss-Licht-Geschäftsführer schrieb am 30. März ein E-Mail an BAG-Direktorin Anne Lévy (49). Man werde von der Behörde an der Umsetzung der Teststrategie des Bundesrates gehindert, so Gehring. «Ich erwarte eine zügige und rechtlich belastbare Prüfung meines Anliegens.»

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Das BAG lässt sich eine Woche Zeit für die Antwort. «Die Listung durch das Paul-Ehrlich-Institut ist nicht mit unseren definierten Mindestkriterien konform und kann daher nicht anerkannt werden», teilt ihm das Amt mit. Es unterstreicht nochmals «Im Unterschied zu anderen Nachbarstaaten verlangen wir in der Schweiz eine unabhängige Validierung.»

Pikant: Das BAG gibt in der Folge zu, dass dies praktisch unmöglich ist. «Derzeit ist es in der Tat sehr schwierig, in der Schweiz ein Labor zu finden, dass diese unabhängigen Validierungen durchführen kann und freie Kapazitäten hat.»

«Diese Bürokratie nervt mich»

Ein Hohn für Gehring. «Das BAG legt uns nur Steine in den Weg. So können wir die Teststrategie des Bundes nicht umsetzen», sagt er. Dass die Schweiz für Selbsttests eine höhere Messlatte als das benachbarte Ausland setzt, kann er nicht nachvollziehen. «Diese Bürokratie nervt mich.»

Auch Gewerbeverbands-Präsident Hans-Ulrich Bigler (63) bläst ins gleiche Horn. Er schreibt in einem Brief an Lévy, der Blick vorliegt: «Einerseits baut das BAG bürokratische Hürden auf und andererseits weiss es selbst, dass die Hürden nicht zu überwinden sind.» Und weiter: «Das BAG weigert sich also faktisch, die Teststrategie des Bundesrates umzusetzen.»

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Das BAG will auf Anfrage das Gesuch von Gehring nicht konkret kommentieren. Die Behörde schreibt aber, dass man sich der Kapazitätsengpässen bei den Laboratorien bewusst sei. Deshalb können Selbsttests auch von ausgewählten europäischen Institutionen wie dem Robert Koch Institut anerkannt werden. Das BAG gibt zu, dass man in der Schweiz höhere Qualitätsanforderungen habe.

Nur ein Schnelltest für alle zugelassen

Was Gehring und Bigler nicht erwähnen: Seit Mittwoch sind die gratis Selbsttests von Roche in den Apotheken erhältlich. Dass die Mitarbeitenden von Swiss Licht diese nun einfach abholen könnten, lässt Gehring nicht gelten. «Jede Person soll sich mit möglichst wenig Aufwand selber testen können, egal ob zu Hause, in der Firma oder in der Schule.»

Der einzige Selbsttest, der in der Schweiz für alle zugelassen ist, ist jener von Roche. Er funktioniert mit einem einfachen Nasen-Abstrich. Spucktests sind zwar auch auf dem Markt, in der Schweiz aber für Privatpersonen nicht zulässig. In Schulen und Unternehmen kommen hierzulande geprüfte Spucktests aber zur Anwendung.

So startet die Post an zwei Standorten demnächst einen Pilotversuch. Die Mitarbeitenden sollen einmal wöchentlich zum Spucktest antraben. Dabei wird der Speichel gepoolt und ins Labor geschickt. Fällt eine Probe positiv aus, muss die betroffene Gruppe mit dem PCR-Standard nachgetestet werden.

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Gehring nimmt neuen Anlauf

«Auch das ist keine befriedigende Alternative. Wenn eine Person aus einer 10er-Gruppe positiv getestet wird, müssen alle nachher einen PCR-Test machen. Das müsste doch einfacher gehen», sagt Gehring.

Der Unternehmer ist am Freitagmorgen nach Deutschland geflogen, um einen neuen Anlauf zu nehmen. Dort hat er sich über einen Selbsttest, der in Deutschland und China entwickelt wurde, informiert. Dieser ist in unserem Nachbarland bereits zugelassen worden. Bis am Montag will er ein neues Gesuch beim BAG einreichen.

Weil er den Test aufgrund der überlasteten Laboratorien nicht in der Schweiz validieren lassen kann, sind seine Erfolgschancen gering.


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