Kolumne von Stefan Meierhans
Eine homöopathisch dosierte Tarifsenkung

Wenn Tarife im Gesundheitswesen sinken, ist das per se sehr erfreulich. Doch leider ist es in diesem Fall nicht mehr als ein kleines Pflästerchen, das einen grossen, klaffenden Missstand nicht abzudecken vermag.
Publiziert: 11.07.2022 um 09:00 Uhr
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Aktualisiert: 15.07.2022 um 17:10 Uhr
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Stefan MeierhansPreisüberwacher

Eine zehnprozentige Tarifsenkung heisst in Zahlen: 140 Millionen Franken werden gespart. Plus nochmals 30 Millionen Franken, die durch Änderungen bei der Vitamin-D-Bestimmung eingespart werden können. Schöne Zahlen – auf den ersten Blick.

Die Freude währt kurz, wenn man sie ins Verhältnis setzt. Meine Untersuchung zeigte, dass die Labortarife in den Schweizer Arztpraxen durchschnittlich 4,5 Mal so hoch liegen wie im internationalen Vergleich. Im Spitalbereich bzw. bei Privatlabors sind sie 2,3-fach so hoch wie im internationalen Vergleich. Zehn Prozent sind also bestenfalls eine homöopathisch dosierte Tarifsenkung.

Deutsch und deutlich: Ich finde sie ungenügend. Aber einen Anfang.

Bevor nun das Klagelied der hohen Kosten einmal mehr angestimmt wird, möchte ich ein paar Fakten ins Feld führen, die für wesentlich massivere Tarifsenkungen sprechen: Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die aktuelle Analyseliste zuletzt 2009 revidiert wurde. 13 Jahre, in denen die Automatisierung und die technologische Entwicklung grosse Fortschritte gemacht haben. Wo sind die Effizienzgewinne eingepreist, die es ohne Zweifel gegeben hat?

Eine andere Frage: Reagenzien – das sind die Stoffe, welche die Nachweise möglich machen – können seit Anfang des Jahres 2022 auch im Ausland zu markant günstigeren Preisen beschafft werden. Das gilt übrigens auch für alle anderen benötigten Produkte. Wieso werden immer noch die grosszügigen, «alten» Tarife vergütet?

Teilweise bezahlen Labors Kick-backs (Prämien) von zehn Franken pro Auftrag an Ärzte. Das zeigt, dass die Labors viel zu hohe Gewinne machen und deshalb Ärzte bezahlen können, um ihnen noch mehr Aufträge zuzuschanzen. Was dem Arzt wiederum Anreiz gibt, unnötig viele Laboranalysen zu veranlassen. Auch das macht deutlich, dass eine viel weitergehende Senkung der Laborpreise dringend nötig wäre.

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Will man ein austariertes Preis-Leistungs-Verhältnis für die Laboranalysen, dann muss der Tarif jeder einzelnen Analyse neu berechnet werden. Basis der Berechnung müssen die Gestehungskosten bei guter Qualität und effizienter Erbringung sein. Mitberücksichtigt werden sollten auch die Auslandspreise.

Die zehnprozentige Tarifsenkung ist eine kleine Sofortmassnahme – die allerdings nur die Vorhut einer ernst zu nehmenden Revision der Labortarife sein sollte.

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