110 Euro pro Dose. 11 Millionen Euro insgesamt. So viel zahlte der Bund 2022 für den Mpox-Impfstoff Jynneos des dänischen Herstellers Bavarian Nordic. Fast doppelt so viel wie der Preis, den die Uno für denselben Impfstoff bezahlte.
Drei Jahre und mehrere Bundesordner Akten brauchte es, bis SonntagsBlick und das WAV-Recherchekollektiv diese Zahl ans Licht holen konnten. Bavarian Nordic wehrte sich bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Die Anwälte des Pharmagiganten versuchten sogar, den zuständigen Richter loszuwerden.
Jetzt ist klar, warum: Der Konzern nutzte eine Notlage und verdiente kräftig.
Überrannt von Anfragen: Was war Mpox?
Diese Notlage herrschte im Sommer 2022. Eine Pandemie traf die Schwulen-Community. Gerade hatte die Menschheit Covid überstanden, jetzt breitete sich Mpox aus – eine Pockenerkrankung, die über Sexualkontakte übertragen wird. Sie führt zu schmerzhaften Pusteln im Genitalbereich, manchmal auch zu Fieber und Blutungen. Bis August 2024 zählte die Weltgesundheitsorganisation über 100’000 laborbestätigte Fälle, 220 davon endeten tödlich.
Gerade in diesen Tagen steigt die Zahl der Fälle wieder. Hauptbetroffen sind Männer, die Sex mit Männern haben. Loïc Michaud vom Checkpoint in Genf erinnert sich an den Sommer 2022. «Wir wurden überrannt von Anfragen», erzählt er. Menschen mit Mpox, Angst, Pusteln und nirgends ein Impfstoff. Der Checkpoint berät und behandelt sexuell übertragbare Krankheiten. Doch bei Mpox waren sie hilflos: In der Schweiz gab es keine Impfungen. «Manche fühlten sich zurückversetzt in das Trauma der Aids-Pandemie», sagt Michaud.
Sommerferien statt Verhandlungen
Die späte Impfung war kein Zufall: Schuld waren die Sommerferien. Während Frankreich und Deutschland bereits Mitte 2022 impften, spielte sich in der Schweiz ein Trauerspiel der behördeninternen Kommunikation ab.
Als das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Frühsommer 2022 Mpox-Impfungen beschaffen wollte, war auch das Verteidigungsdepartement (VBS) interessiert. Gegen Mpox wirkt die gleiche Impfung wie gegen die Pocken – und diese gelten als Biowaffe, weshalb Armeen Impfreserven horten.
Wie Recherchen des Onlinemagazins «Das Lamm» und des WAV- Recherchekollektivs enthüllten, übernahm das VBS früh die Führung bei den Vertragsverhandlungen mit dem Hersteller Bavarian Nordic. Noch Ende Juni 2022 versichert es dem BAG schriftlich: Die Gespräche «laufen gut». Doch dann, statt zu verhandeln, verreisen die zuständigen Beamten. Geplante Sitzungen platzen. Am Schluss steht das BAG Anfang August mit leeren Händen da. Das VBS erklärt trocken, der Impfstoff sei «für die Armee nicht so dringlich wie für das BAG».
Das Resultat ist bekannt: Die Impfungen verzögern sich bis in den November. Frankreich impfte da schon seit einem halben Jahr.
Und mittendrin erhöht Bavarian Nordic den Preis
Es gibt aber noch eine andere Folge des Schlamassels: Am 14. September 2022 schrieb das VBS: «Bezüglich Preiserhöhung: BN hat in den Verhandlungen einen anderen Preis für die Impfstoffe genannt als ursprünglich kommuniziert.» Bavarian Nordic hat die Gunst der Stunde genutzt und den Preis erhöht.
Doch um wie viel sie den Preis erhöht haben, das wollte Bavarian Nordic partout nicht bekannt geben. Per Einsichtsgesuch verlangten die Journalisten auch den Kaufvertrag.
Das BAG wäre bereit gewesen, diesen offenzulegen. Doch Bavarian Nordic weigerte sich, den Preis und die Unterlagen preiszugeben. Obwohl im Kaufvertrag ausdrücklich festgehalten ist, dass der Vertrag dem Öffentlichkeitsprinzip untersteht.
Öffentliche Preise senken den Profit
Eine bekannte Zürcher Anwaltskanzlei wird beauftragt, die Veröffentlichung zu verhindern. Die Anwälte verfassten Beschwerden, wollten das Verfahren sistieren, den Richter in den Ausstand zwingen. Die Verfahrensakten füllen mehrere Ordner und vom Einsichtsgesuch bis zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verstrichen knapp drei Jahre.
Vor Gericht erklärte die Kanzlei, eine Offenlegung würde den in der Schweiz bezahlten Preis international «faktisch zum Maximalpreis» verwandeln. Denn, «das schweizerische Preisniveau wird generell als höher empfunden», so die Kanzlei. Und weiter: «Dies hätte eine massive Auswirkung auf das Geschäftsergebnis der Beschwerdeführerin.»
Brisant daran: Obwohl die meisten Medikamente im Ausland produziert werden, sind sie in der Schweiz deutlich teurer. Erst im Dezember 2025 kritisierte die Krankenkasse Helsana in einem Bericht, undurchsichtige Preise hätten zur Explosion der Gesundheitskosten in den letzten Jahren beigetragen. Nur in den USA ist das Gesundheitssystem teurer als in der Schweiz.
Wer mit dem Bund handelt, muss transparent sein
Während Monaten bringt die Zürcher Kanzlei immer wieder neue Argumente ins Feld. Doch im Januar 2026 entschied das Bundesverwaltungsgericht, das öffentliche Interesse an der Veröffentlichung sei grösser als mögliche Geschäftsgeheimnisse. Sprich, die Verträge müssen offengelegt werden.
Jetzt wissen wir: Bavarian Nordic verdiente an den Koordinationsproblemen des Bundes kräftig mit.
Das Urteil steht nicht allein. Kurz danach, im Februar 2026, entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass auch die Covid-Impfstoffverträge offenzulegen sind. In diesem Fall hatten Einzelpersonen gegen das BAG geklagt.
Beide Entscheidungen zeigen in die gleiche Richtung: Wenn der Bund bei Privaten für Millionen Impfstoff kauft, dann hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, zu wissen, für wie viel – gerade dann, wenn eine Notlage existiert.
Hinweis der Redaktion: Diese Recherche wurde finanziert vom Journafonds.