Darum gehts
Fünf Stockwerke passiert der Lift von der Tiefgarage bis zur Finanzdirektion des Kantons Zug an der Baarerstrasse 53. Nur wenige Sekunden dauert die Fahrt, und trotzdem ist sie Metapher für den Zentralschweizer Kanton. Ein Stockwerk unter den Behördenbüros residieren ein globaler Rohstoffhändler und ein Private-Equity-Unternehmen. Ein Chemiehersteller hat sich im selben Gebäude niedergelassen, ein Investmentmanager und ein Vermögensverwalter. Auch das nationale Testinstitut für Cybersicherheit ist hier heimisch. Sowie Zahnärzte, Arztpraxen, ein Fitnesspark, der Fast-Food-Anbieter Subway, Coiffeuse Adriana und das Nagelstudio Your Beauty.
Nirgendwo sind Politik und Wirtschaft derart eng, nirgendwo sind die Wege derart kurz. Und wohl nur in Zug haben derart viele Unternehmen die gleiche Postanschrift wie die kantonale Finanzdirektion. Mehr als 80 aktive Unternehmen sind an der Baarerstrasse 53 gemeldet. Heinz Tännler (65) verwirft die Hände. «Wir haben immer noch viele Briefkastenfirmen, was nicht unser Ziel ist. Aber der Kanton Zug ist nun mal ein Magnet. Wir fokussieren auf Unternehmen mit Substanz, die Jobs schaffen.»
Der Zuger Finanzdirektor empfängt an diesem trüben ersten Dezember-Montag in seinem Eckbüro. Im Sideboard thront ein dunkles Cap mit Holcim-Aufschrift. Der weltgrösste Baustoffkonzern hat vor wenigen Jahren erst Haupt- und dann Steuersitz von Zürich nach Zug verlegt und verlagert per Anfang 2026 rund 200 Arbeitsplätze vom historischen Holcim-Sitz Holderbank an den Zugersee. Solche Substanz will Tännler in Zug sehen.
Der Blick geht über die Stadt, Siemens im Norden, Bauprofile im Südwesten, der 25-stöckige Park Tower in Griffnähe; es ist mit seinen 81 Metern das höchste Zuger Gebäude. Im zweitobersten Stockwerk des Implenia-Baus hat die Stadt Zug den «Gesellschaftsraum Panorama 24» für kulturelle und gesellschaftliche Anlässe eingerichtet. An bester Wohnlage ein Raum, offen für die Bevölkerung.
Wie Tännlers Büro, in dem er zuletzt öfters Besuch aus Genf erhalten hat. Im Januar 2026 disloziert der traditionsreiche Genfer Warenprüfkonzern SGS nach Baar in die ehemaligen Gemäuer des Private-Equity-Unternehmens Partners Group. Der Konzern folgt seiner Chefin Géraldine Picaud. Die ehemalige Holcim-Finanzchefin wohnt seit einigen Jahren im Kanton Zug. Beim Zuger Finanzdirektor dauert der Tag der offenen Tür ein ganzes Jahr und noch viel länger. Und das in angenehmer Atmosphäre. Dezentes helles Holz trifft auf schwarze USM-Haller-Möbel, vorbildlich ordentlich ist es, ein Wohlfühlsessel in der Ecke sieht einer Stillecke ähnlich, dient aber Tännlers Aktenstudium. Auf dem Pult stehen zwei Bildschirme, ein Tablet zur Rechten, fast wie in einem Handelsraum.
Heinz Tännler ist der bekannteste Finanzdirektor der Schweiz, nie um einen Spruch verlegen, stets etwas grantig und grinsend zugleich. «Ich bringe das Geld nicht zum Tempel raus», liess er die «NZZ» einst wissen. Die Zeilen bleiben ewig am SVP-Politiker kleben. Sie machten den Juristen und früheren Einzelrichter im Eishockey landesweit bekannt – und zum Feindbild der Linken, die im Modell Zug wirtschaftliches Sodom und Gomorrha sehen. «Als würden die Linken es besser können als wir», frotzelt Tännler. «Ich kenne wirklich keinen links regierten Kanton oder eine Stadt, die erfolgreicher ist als der Kanton Zug.»
Tännler ist erkältet und strotzt dennoch vor Energie. Er hat ein erfolgreiches Wochenende hinter sich. Die Zuger Bevölkerung hat mit fast 70 Prozent das neunte Steuerpaket verabschiedet. Bis 2029 sinkt der kantonale Steuerfuss auf 78 von aktuell 82 Prozent. Gingen die vergangenen Steuersenkungen noch klarer durch, gab es dieses Mal erstmals Opposition – auch von bürgerlicher Seite. Die Mitte lehnte die Vorlage zusammen mit der SP und der Alternative – die Grünen ab. Die Luft für weitere Steuersenkungen schien dünner zu werden. Dass die unterlegenen Parteien in ihrer Analyse über eine wachsende «Skepsis gegenüber dem permanenten Tiefsteuerkurs» schwadronierten, wirkte arg ratlos angesichts der klaren Akklamation. Die Mitte-Basis gewichte wirtschaftliche Elemente eben auch höher als «die ewige Jammerei über die Wohn- und Preissituation. Die Wohneigentümer in der Partei haben von der Zuger Entwicklung doch auch profitiert», sagt Tännler.
Ein Supermagnet namens Zug
In Zug steigt der Wohlstand fast von alleine. Für viele. Wenn auch nicht für alle. Aber dazu später. Obwohl andere Kantone die steuerpolitischen Stellschrauben noch vor Zug betätigt haben, ist und bleibt der Kanton Zug der wirtschaftspolitische Primus inter Pares. Und der Supermagnet Zug zieht immer noch mehr an. Selbst mit Einführung der OECD-Mindeststeuer Anfang 2024 (sie liegt mit 15 Prozent für Unternehmen mit mehr als 750 Millionen Euro über dem Zuger Unternehmenssteuersatz) ist Zug attraktiver denn je – für Firmen und Privatpersonen.
Nur an den tiefen Steuern kann es also nicht liegen. Gianni Bomio muss es wissen. Der gebürtige Ur-Zuger war während 35 Jahren für die Zuger Volkswirtschaftsdirektion tätig, davon 25 Jahre als Generalsekretär. Er hat die wirtschaftspolitische Entwicklung seines Kantons von 1985 bis heute in den 400-Seiten-Wälzer «Boomjahre. Eine Annäherung an das Erfolgsmodell Zug» gepackt und hält nüchtern fest: «Zug bietet seit vielen Jahrzehnten Stabilität, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Das führt zu einer positiven Wechselwirkung unter den Unternehmen, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit starkem Wachstum, innovativen Unternehmen, einer gut ausgebildeten Bevölkerung, guter Erreichbarkeit, kurzen Wegen und wirtschaftsfreundlichen Behörden.»
In Zahlen heisst das: Mehr als 300 Millionen Franken Überschuss für 2024; doppelt so viel wie budgetiert. Ähnliches wird für 2025 erwartet. Und das, obwohl der Kanton Zug der mit Abstand grösste Nettobeitragszahler im nationalen Finanzausgleich ist und trotz OECD-Doktrin. Der Steuervorteil für grosse Konzerne fällt damit weg. Doch Zug müsse sich nun auch nicht mehr mit den bekannten Steueroasen messen, sagt PwC-Steuerexperte Rolf Röllin. «Das ist ein Gamechanger. Zudem bleiben die Steuern für Privatpersonen wettbewerbsfähig tief.» Gute Aussichten also. Mittlerweile beläuft sich das Eigenkapital auf 2,6 Milliarden Franken und damit auf fast 140 Prozent eines jährlichen Verwaltungsaufwands.
Zum Vergleich: Der gut finanzierte Kanton Zürich weist ein Eigenkapital-Aufwand-Verhältnis von etwas mehr als 60 Prozent aus. Die Einnahmen aus den Kantonssteuern sprudeln weiterhin. Seit 2007 haben sie sich fast verdoppelt, und die direkten Bundessteuern sind um mehr als 70 Prozent gestiegen. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf wird nur vom Pharmakanton Basel-Stadt getoppt. Zug ist mit Abstand Gründungschampion und vereint mit 29 an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen am zweitmeisten. Bezüglich Marktkapitalisierung pro Kopf wird Zug mit rund 1,3 Million Franken nur von Basel-Stadt distanziert. Mit Sika, Partners Group, Holcim und Amrize ist zudem ein Fünftel der Schweizer SMI-Schwergewichte im 134’000 Einwohner zählenden Kleinkanton domiziliert; einzig übertroffen von Zürich mit deren sechs.
Zuhause der Konzernchefs
Nicht nur die Firmen selbst, auch deren Manager lassen sich gerne im Kanton nieder, der mit seiner Lage zwischen Zürich und Luzern, seinen Seen, der guten Anbindung an den Flughafen Zürich und dem touristischen Angebot glänzt – etwa für Freunde des Wintersports, die ab Zug mit dem Auto in 50 Minuten an der Talstation zum Skigebiet Hoch-Ybrig stehen und auch nach Andermatt nicht viel länger fahren als eine Stunde. Mit Sergio Ermotti (UBS), Thomas Schinecker (Roche), Morten Wierod (ABB), Miljan Gutovic (Holcim) und Thomas Hasler (Sika) wohnen gleich fünf SMI-CEOs im Kanton Zug. Dazu mit Marcel Erni ein Mitgründer der Zuger Partners Group, Glencore-CEO Gary Nagle oder Flemming Ørnskov, Chef des Kosmetikherstellers Galderma. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.
Die Zuzüge von Gutverdienern und Firmen mit gut bezahlten Jobs füllen den staatlichen Kassenschrank. Doch Zug hat sich auch zu einem Platz entwickelt, den sich Normalverdiener kaum noch leisten können. Nur in fünf anderen Kantonen gibt es weniger Eigenheimbesitzer. Zug ist schlicht zu teuer. Und nur im Kanton Genf stehen noch weniger Wohnungen leer. Die Verknappung führt zu hohen Mieten. In Genf, Zug und Zürich sind die Mietpreise pro Quadratmeter landesweit klar am höchsten. Die vom Kanton seit Jahrzehnten praktizierte Wohnraumförderung sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein, schreibt Bomio in seinem Buch «Boomjahre». Nicht selten ziehen Familien weg in die umliegenden Kantone, während Teile der wohlhabenden und international mobilen Klientel gleichzeitig kalte Betten produziert. Und trotzdem hält sich die Kritik in Grenzen.
Denn der Kanton versteht es, seine Steuerrevisionen mit sozialen Themen für Normalverdienende zu koppeln. Tännler mag es denn auch nicht verputzen, wenn dem Regierungsrat unsoziale Politik vorgeworfen wird. Der Kanton Zug gewährt als einziger einen Mieterabzug bis zu 30 Prozent des Einkommens, finanziert die stationäre Behandlung für die nächsten zwei Jahre zu 100 Prozent, unterstützt Kitas in den Gemeinden mit 40 Millionen Franken. «Vor zwei Jahren haben wir sogar eine Million gesprochen für einen Velorat. Von wegen, wir sind nicht sozial», so Tännler. Damit schafft er politische Mehrheiten und hält die Linke auf Distanz.
Dass sich das Who’s who von Corporate Switzerland in Zug niedergelassen hat, hat viel mit den niedrigen Steuern zu – aber längst nicht nur. Dass Zug so wurde, wie es ist, hängt mit Entwicklungen zusammen, die ein paar Jahrhunderte weiter zurückliegen. Einen Steinwurf entfernt vom Zuger Bahnhof sitzt Christian Raschle im Confiserie-Café Speck, einer Zuger Institution. Hier sagt man sich Grüezi und nicht «How are you?», und die Kellnerin serviert Café crème statt Flat White. In der Auslage posieren Zuger Kirschtorte, Kirschstängeli und Chriesistürmli. Mit Raschle sitzt selbst eine Institution am Tisch. 32 Jahre lang unterrichtete er Geschichte an der Kantonsschule Zug und war fast gleich lang Stadtarchivar. Wie ist Zug geworden, wie es ist, Herr Raschle? Er holt einmal Luft und legt los. Das gehe auf die Reformation zurück, sagt der passionierte Geschichtenerzähler. «1526 entschied der Rat von Zug, beim katholischen Glauben zu verbleiben, wodurch sich die bisher enge Partnerschaft mit Zürich in Gegnerschaft verwandelte.» Zug wandte sich der katholischen Innerschweiz zu, wurde zum Frontgebiet und verlor in gewisser Weise auch den innovativen und wirtschaftlichen Anschluss. Von 1531 bis zum Ende des Ancien Régime (1798) entstand in der Stadt Zug kein bedeutendes öffentliches Gebäude mehr.
«Aus dieser Notlage heraus entwickelte Zug eine gewisse Offenheit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, da man sich bewusst war, zu klein zu sein, um eine Machtrolle zu spielen», so Raschle. Der Kanton Zug hatte früh erkannt, dass er nur als Nischenplayer Erfolg haben kann, der sich mit den wichtigen Playern im Norden und Süden arrangiert; ähnlich der Schweiz im Jahr 2025. Zug agierte ideologisch pragmatisch und pickte sich das Beste aus beiden Welten: Das katholisch ideologische Konzept aus der Innerschweiz verband man mit dem Zürcher Wirtschaftskonzept.
Zug habe die sich bietenden Chancen genutzt, «wie etwa 1990, als der Kanton Zug in das Netz der Zürcher S-Bahn einbezogen wurde und so eine noch bessere Anbindung an den Wirtschaftsraum Zürich erhielt.» Diese Nähe ist bis heute einer der Trümpfe im Standortwettbewerb, und dieser Pragmatismus war es auch, der den bis vor dem 19. Jahrhundert wenig entwickelten Agrarkanton erfolgreich ins Industriezeitalter katapultierte. Zuvor hatte Zug etwas Handel auf der Nord-Süd-Achse betrieben, und mit bäuerlichen Spinnereien hatten sich die Haushalte ein Zubrot verdient, später war der Viehhandel dazugekommen. Noch heute ist Zug bekannt für seinen Stierenmarkt – den grössten der Schweiz. Internationales Flair trifft auf jahrhundertealte Traditionen.
Startschuss mit einer Spinnerei
Eigentlicher Startschuss der Zuger Industriegeschichte ist das Jahr 1834 mit dem Bau der Spinnerei in Unterägeri. Sie machte Zug zum wichtigsten Industriestandort der Zentralschweiz. Ohne die arbeitsamen Zürcher wäre das aber nicht möglich gewesen. Know-how und vor allem Kapital aus dem Norden waren das Schmiermittel für die Zuger Industrie; auch für die zweite Welle ab dem 20. Jahrhundert. Damals wurden Unternehmen gegründet, die noch heute bestehen und gar in der Stadt produzieren, während sie in der Stadt Zürich zu grossen Teilen verschwunden sind. Der Stromzählerproduzent Landis+Gyr, das prägendste Zuger Unternehmen überhaupt, beschäftigt nach einer wechselvollen Geschichte wieder 200 Mitarbeitende in Cham, ein Grossteil ist indessen im Zuger Standort des Industriegiganten Siemens aufgegangen.
Die ursprüngliche Metallwarenfabrik und die Verzinkerei Zug fusionierten zur V-Zug. Das Unternehmen produziert bis heute in der Stadt Zug und entwickelt auf dem eigenen Gelände derzeit einen Tech-Cluster etwa für Industriebetriebe oder Start-ups. Ab 2026 fertig dort SHL Medical unter anderem Autoinjektoren für die Pharmaindustrie. Auch die Bossard Gruppe zählt zu den wichtigen Firmen dieser zweiten Industrialisierungsphase und ist weiterhin Teil des Stadtbildes. Selbst die Wurzeln des grössten Nahrungsmittelkonzerns der Welt gehen bis nach Zug zurück – genauer nach Cham. 1866 siedelte die Anglo-Swiss Condensed Milk Co. in Cham an und fusionierte rund 40 Jahre später mit Farine Lactée Henri Nestlé zum heutigen Nestlé-Konzern. In Cham befindet sich noch immer das Aktienregister des Unternehmens mit einer Handvoll Angestellten.
Nach 1. Weltkrieg wächst Finanzbedarf
Dass der ehemalige Industriekanton Zug zu seinem heutigen Ruf als Tiefsteuerkanton gekommen ist, hängt mit der Entwicklung ab den 1950er-Jahren zusammen. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs der Finanzbedarf, was zu den Steuergesetzrevisionen führte, die Holdings, Domizilgesellschaften und gemischte Gesellschaften begünstigten. 1946 modernisierte Zug das Steuersystem. 75 Prozent der Gewinne, die im Ausland anfielen, mussten in Zug nur zu 25 Prozent besteuert werden. Das war der eigentliche Urknall für das Zug, das wir heute kennen, und hatte internationale Sogwirkung – etwa für die grossen Rohstoffhändler, auch weil kurze Zeit später der Flughafen Zürich eröffnet wurde, was die Schweiz wesentlich einfacher erreichbar machte. Bereits 1957 verlegten die Philipp Brothers den Sitz nach Zug, bei denen der legendäre Rohstoffhändler Marc Rich seine Karriere begann. 1974 gründete dieser die Marc Rich & Co., Vorgängerin der heutigen Glencore. Mit ihm kamen viele andere. Von 1950 bis 1980 kletterte die Zahl der Domizilgesellschaften und Holdings von 10 auf rund 5500. Gemessen an den Arbeitskräften dominierte zwar noch bis 1970 die Industrie. Danach startete aber der Dienstleistungssektor durch, der heute gut 80 Prozent der Arbeitskräfte stellt.
Auch die bekannten Branchencluster nahmen damals Gestalt an. Sie sind für viele Neuansiedlungen entscheidend. Den Handelscluster lancierten die Philipp Brothers beziehungsweise Marc Rich, und den Grundstein für den Pharma- oder Life-Sciences-Cluster legte unter anderem der Basler Pharmamulti Roche, der Ende der 1960er-Jahre via eine Akquisition in Zug landete und heute in Rotkreuz den globalen Hauptsitz der Diagnostiksparte hat, im Übrigen gleich neben Novartis. Roche ist heute mit rund 3000 Angestellten der mit Abstand grösste Arbeitgeber des Kantons, gefolgt von Siemens Smart Infrastructure – in der Teile der alten Landis & Gyr aufgegangen sind – mit knapp 2000 Mitarbeitenden.
Oder das ganze «Crypto Valley», das 2013 seinen Ursprung hat; oder in den Worten des Finanzdirektors Tännler: «Auf einmal kamen eine Handvoll Spinner nach Zug, weil die bei uns mit ihren Stiftungslösungen Rechtssicherheit vorfanden. Wir haben diese Leute unterstützt im Wissen, dass wir von dieser Technologie nichts wissen. Zum Glück.» Unterstützt heisst in diesem Fall: Anschubfinanzierungen des Kantons – und das im durch und durch bürgerlichen Zug. Man habe halt das Portemonnaie dafür. Aber es funktioniere auch, sagt Tännler. Pragmatisch oder opportunistisch. Je nach Perspektive. «Wir schlafen nicht, wir bewirtschaften und betreiben eine aktive Willkommenskultur. Tiefe Steuern, ein grosser Pool an Fachkräften, verschiedene Branchencluster, die geografische Lage, die Natur, kurze Wege, der Dienstleistungswille: All diese Faktoren machen aus dem Zuger Modell das Zuger Erfolgsmodell.»
Am Stadtrand begrüssen zwei Hunde mit Gebell. Ueli Straub sitzt am Küchentisch und führt Tännlers Gedanken weiter. Die nachhaltige Entwicklung basiere im Wesentlichen auf einem über Jahrhunderte gewachsenen Ökosystem, sagt Straub, der aus einer der Gründerfamilien von Landis & Gyr stammt und die Wirtschaftsgeschichte Zugs mit dem Historiker Tobias Straumann aufarbeitet. Er nennt die frühzeitige Infrastrukturentwicklung, die Attraktion von nationalem und internationalem Human- und Finanzkapital und die pragmatische, weltoffene Politik als Faktoren.
Es sind die immer gleichen Gründe, die für Zugs Erfolg angeführt werden, auch wenn die Steuern natürlich der Katalysator waren. Servicegedanke, kurze Wege, einfacher Behördenzugang: Schönfärberei, möchte man meinen. Allerdings locken viele andere internationale Märkte ebenfalls mit tiefen Steuern. Für viele internationale Multis sei neben den üblichen Faktoren gerade dieser Diskurs auf Augenhöhe mit den Behörden Neuland, sagt Rolf Röllin von PwC. Und oft entscheidend für die Standortwahl. Über die «Big Four» KPMG, EY, Deloitte und eben PwC landen die meisten Konzerne in der Schweiz. «Vor allem die USA haben ein starkes Clusterdenken. Zug mit seinem Pharma-, Rohstoff- oder Kryptocluster hat bei Unternehmensansiedlungen daher gute Karten», so Röllin.
Nobody wird Prügelknabe
Reduziert zu werden auf die Steuern, das mögen sie nicht in Zug, schliesslich fahren andere Kantone die gleiche oder eine noch aggressivere Strategie. Zug hat zum Beispiel nie befristete Steuererleichterungen (Tax Holidays) gewährt, wie etwa die Kantone Waadt, Schaffhausen oder Basel-Stadt. Und viel aggressiver war der Kanton Genf unterwegs, der früh ankündigte, den Unternehmenssteuersatz von 24 auf 13 Prozent senken zu wollen. «Dies und die internationalen Entwicklungen haben letztlich dazu geführt, dass auch Zug den Steuersatz stark reduzierte», sagt der Zuger Steueranwalt Andreas Müller von der Kanzlei MME. Dass ein Steueranwalt seine Pfründe verteidigt, mag man verstehen.
Doch auch der ehemalige Stadtarchivar Raschle sagt: «Vor Jahrzehnten galt Zug, eingeklemmt zwischen den katholischen Luzernern und den reformierten Zürchern, als unbedeutender Faktor im schweizerischen Geschehen. Als dann im Lauf des 20. Jahrhunderts das revidierte Steuergesetz zu greifen begann, wurde der Nobody zum Prügelknaben». Die Behörden hätten die Chancen erkannt und seien pragmatisch genug gewesen, den Neuankömmlingen entgegenzukommen. «Als mit Philipp Brothers der erste Rohstoffhändler nach Zug kam, lernte die Verwaltung halt Englisch, während in anderen Kantonen die Devise galt, die Neuen sollten sich anpassen und Deutsch lernen», so Raschle.
In Neuem die Chancen sehen. Darin sind die Zuger Meister. Beispiel OECD-Mindeststeuer. Damit verliert Zug einen Standortvorteil, und die Belastung für die Firmen steigt. Und was machen die Behörden? Sie geben drei Viertel der errechneten Mehreinnahmen von 200 Millionen zurück an Wirtschaft und Bevölkerung.
Doch selbst in Zug wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Der Platz ist begrenzt. Oder im Tännler-Duktus: «Wenn es keinen Platz mehr hat, dann hat es halt keinen Platz mehr. Wir haben noch Potenzial bis maximal 170’000 Einwohner und für rund 30’000 Arbeitsplätze. Das Potenzial ist theoretisch vorhanden. Jetzt müssen wir es geschickt umsetzen.»
Geschickt heisst in Zug: Die zehnte Steuerrevision ist bereits aufgegleist. Bei guter Finanzlage soll der Kantonsrat für Privatpersonen und Unternehmen einen Steuerrabatt gewähren können. Einführung: spätestens per 1. Januar 2027. Das Geld muss nun mal zum Tempel raus.