Export-Verbandschefin über Personalnot, Bürokratie und Digitalisierung
«KI ist wie ein Tsunami»

Claudia Moerker (60) ist seit zwanzig Jahren Geschäftsführerin vom Verband Swiss Export. Sie wehrt sich gegen die steigende Bürokratie und schlägt neue Wege vor, wie dem akuten Fachkräftemangel begegnet werden soll.
Publiziert: 27.06.2023 um 00:13 Uhr
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Aktualisiert: 27.06.2023 um 16:28 Uhr
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Claudia Moerker ist seit 2003 Geschäftsführerin von Swiss Export, dem Verband der exportierenden Schweizer KMUs.
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Rolf KromerRedaktor Wirtschaft

Noch vor wenigen Jahren hätte es bei den aktuellen Wechselkursen mit der Geschäftsführerin eines Exportverbandes nur ein Interview-Thema gegeben: der starke Franken. Jetzt ist der Franken härter als damals. Und doch drückt der Schuh an anderen Stellen, besonders beim fehlenden Personal, sagt Verbands-Chefin Claudia Moerker (60) von Swiss Export.

Blick: Es ist erstaunlich ruhig um den Wechselkurs. Dabei ist der Franken pickelhart. Warum ist das so?
Claudia Moerker: Es ist wie bei den Schmerzen: Man spürt nur das akuteste Leiden, obwohl es verschiedene Leiden gibt. Am meisten weh tut im Moment der Fachkräftemangel.

Inwiefern schmerzt der Fachkräftemangel auch die Export-Branche?
Wir sind stark betroffen! Unsere Branche braucht Mitarbeitende, die die Extrameile gehen und oft auch im Schichtbetrieb arbeiten wollen. Solche zu finden, ist derzeit extrem schwer.

Ein Job im internationalen Umfeld ist doch spannend!
Das finde ich auch. Das ist ein grosses Plus bei der Rekrutierung. Klar ist aber auch, dass Unternehmen bei der Suche nach Talenten neue Wege gehen müssen.

Haben Sie Beispiele?
Für die Generation Z etwa sind Werte wichtig. Für diese Generation sind Unternehmen spannend, die in Nachhaltigkeit investiert haben. Attraktiv kann auch das Export-Unternehmen sein, das eine Viertage-Arbeitswoche anbietet. Auch der Auftritt auf Social Media ist entscheidend. Ein Verbandsmitglied hat mit einer kreativen Social-Media-Kampagne innert Kürze 30 neue Leute gefunden.

Persönlich: Claudia Moerker

Claudia Moerker (60) ist seit 2003 Geschäftsführerin des Verbands Swiss Export, der sich seit 1973 zur grössten privaten Exportförderungsorganisation mit rund 700 Mitgliedsfirmen entwickelt hat. Ihren Berufseinstieg hat Moerker im Gesundheitsbereich gemacht und unter anderem zehn Jahre bei der 3M (Schweiz) AG in verschiedenen leitenden Funktionen gearbeitet. Neben einer Marketing- und Verkaufsausbildung absolvierte sie verschiedene Managementweiterbildungen sowie eine Mediations- und Coachingausbildung.

Claudia Moerker (60) ist seit 2003 Geschäftsführerin des Verbands Swiss Export, der sich seit 1973 zur grössten privaten Exportförderungsorganisation mit rund 700 Mitgliedsfirmen entwickelt hat. Ihren Berufseinstieg hat Moerker im Gesundheitsbereich gemacht und unter anderem zehn Jahre bei der 3M (Schweiz) AG in verschiedenen leitenden Funktionen gearbeitet. Neben einer Marketing- und Verkaufsausbildung absolvierte sie verschiedene Managementweiterbildungen sowie eine Mediations- und Coachingausbildung.

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Die künstliche Intelligenz (KI) könnte auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Wo wird sie in der Export-Branche wichtig?
Schon heute wird in der Logistik stark mit Robotern gearbeitet. Hochregallager beispielsweise sind chaotisch organisiert. Eine KI hilft dabei, den verfügbaren Raum optimaler zu nutzen und das Lager zu verdichten, ohne die Verfügbarkeit zu verschlechtern.

Sind Arbeitsplätze in Gefahr durch KI?
Es wird wie an vielen Orten eine Verlagerung geben. Informatikwissen wird wichtiger werden. Logistik lebt von Geschwindigkeit und hoher Prozesssicherheit. Beide Anforderungen rufen nach Digitalisierung. Entsprechend wird die Brain-Power einer Unternehmung immer wichtiger. Noch ist aber offen, wie stark und wie rasch diese Transformation erfolgen wird.

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Ist KI ein Traktandum an den Vorstandssitzungen des Verbandes?
Nein, sie war bis jetzt noch nicht traktandiert. KI ist wie ein Tsunami, der plötzlich aufgetaucht ist: 1999 dauerte es 3,5 Jahre bis Netflix eine Million User hatte. Bei ChatGPT dauerte es bei der Lancierung im letzten November fünf Tage.

Haben Sie Berührungsängste mit KI, wenn Ihr Verband noch nie darüber debattiert hat?
Im Moment setzt die Industrie noch stärker auf Automatisierung. KI wird aber die Exportwirtschaft zunehmend unter Druck setzen, um die Geschäftsmodelle anzupassen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Wir haben das Thema mit Veranstaltungen am Swiss-Export-Tag aufgenommen, den wir kürzlich durchgeführt haben. Ziel: die KMU auf die kommenden Herausforderungen frühzeitig aufmerksam zu machen.

Woran liegt das, dass sich viele kleinere und mittlere Unternehmen nur zögerlich mit dieser Zukunftstechnologie befassen?
Logistik bedeutet physische Waren von A nach B zu bewegen. Die gibt es also schon, seit Menschen Waren tauschen. Vieles ist bereits erfunden, hat sich bewährt und wird ganz selbstverständlich weiterentwickelt. Gibt es neue Hilfsmittel, dauert es halt eine gewisse Zeit, bis diese in der Breite ankommen.

Eigentlich müsste das Thema zuoberst auf Ihrer Agenda stehen, weil KI Potenzial hat, die ganze Arbeitswelt auf den Kopf zu stellen.
Zweifellos bieten KI-basierte Anwendungen auch für mittelständische Betriebe insbesondere in den Bereichen Logistik, Vertrieb, Produktion, Einkauf und Kundenmanagement grosse Potenziale. Die intelligente Nutzung und Verknüpfung von Daten ermöglicht eine Optimierung der Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

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Wo sehen Sie die Chancen beim Einsatz künstlicher Intelligenz bei den Exporteuren?
Wie gesagt, KI hilft primär organisieren und optimieren. Zentral in unserem Geschäft ist die Zeit. Und da sehe ich ein grosses Potenzial. Eine internationale Zollformalitäten-KI würde die Arbeitswelt tatsächlich auf den Kopf stellen.

Vielleicht hilft die KI irgendwann, bürokratische Hürden im Export abzubauen, die Ihre Unternehmen nach eigenen Angaben massiv belasten?
Ja, die vielen Regulierungen sind anspruchsvoll! Es wäre toll, wenn KI helfen könnte, Bürokratiehürden abzubauen. Zoll, Steuern, Gesetze und Regulationen werden immer komplexer. Unternehmen sind gezwungen, ihre Daten permanent zu prüfen und so zu strukturieren, dass die vielfältigen Auswertungen erstellt, Prozesse lückenlos nachverfolgt und Fragen rasch beantwortet werden können. Die Bürokratie muss abgebaut werden!

Wie sind die Export-Unternehmen vom CS-Niedergang betroffen?
Früher hatten die Unternehmen zwei Optionen für ihre Bankgeschäfte. Jetzt ist eine weggefallen. Das heisst auch: Ein Sponsoringpartner weniger, ein Ansprechpartner weniger, eine Konkurrenzofferte weniger. Das trifft alle. Kantonalbanken und ausländische Grossbanken in der Schweiz springen hier in die Bresche.

Was erwartet der Verband von der neuen UBS?
Dass wir an die gute Zusammenarbeit anknüpfen können. Und, dass es nicht zu einem Abbau kommt.

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Welche Bank war bisher für die Export-Unternehmen wichtiger: UBS oder CS?
Die UBS ist auch eine KMU-Bank und war das schon immer.

Ihre Antwort überrascht jetzt aber. Man sagt doch immer, die CS Schweiz sei die Firmenkunden-Bank.
Bei unseren Verbandsmitgliedern war das nicht so.

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