55'000 Menschen an Massendemo: Teneriffa hat die Nase voll von Touristen(01:46)

Eintrittsgeld und gesperrte Gassen
Neue Massnahmen im Kampf gegen den Massentourismus

Der Sommer steht vor der Tür – und mit ihm die touristische Hauptreisezeit des Jahres. In Venedig wird diesen Sommer erstmals ein Eintrittsgeld fällig, und Japan lässt nicht mehr jeden auf den Berg Fuji. Massnahmen gegen Massentourismus aus aller Welt.
Publiziert: 21.04.2024 um 20:39 Uhr
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Aktualisiert: 06.05.2024 um 17:00 Uhr
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Unzählige besteigen den Fuji in Japan und hinterlassen Müll oder bringen sich selber in Gefahr.
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Sarah FrattaroliStv. Wirtschaftschefin

Zwischen der niederländischen Hauptstadt Amsterdam und den zu Spanien gehörenden kanarischen Inseln liegen mehr als 3000 Kilometer. Doch zumindest in einem Belang sind sich die beiden Destinationen ganz nah: wenn es um die Probleme mit dem Massentourismus geht.

Amsterdam hat gerade beschlossen, dass in der Stadt keine neuen Hotels mehr gebaut werden dürfen. Auf den Kanaren haben derweil dieses Wochenende 55'000 Menschen gegen den Massentourismus demonstriert. Sie forderten eine Obergrenze für die Zahl der Touristen, bezahlbaren Wohnraum für Einheimische, Begrenzungen beim Kauf von Immobilien durch Auswärtige sowie eine Umweltsteuer.

Rund um die Welt kämpfen Reisedestinationen gegen die negativen Auswirkungen des Massentourismus – mit teils kreativen Ansätzen.

Eintrittsgeld für Venedig

In der italienischen Lagunenstadt fällt für Tagestouristen dieses Jahr an 20 Tagen ein Eintrittsgeld von 5 Euro an. Es handelt sich um einen Testlauf – 2025 soll das Eintrittsgeld an sämtlichen Tagen erhoben werden.

Touristen müssen das Eintrittsgeld vorab online entrichten und erhalten dann einen QR-Code auf ihr Handy, den sie im Falle einer Kontrolle vorweisen müssen. Ein zentrales Eingangstor in die Stadt gibt es nicht, der QR-Code wird daher nicht standardmässig bei allen Gästen kontrolliert, sondern auf Stichprobenbasis.

Wer für mindestens eine Nacht in Venedig bleibt, ist von der Eintrittsgebühr ausgenommen – diese Touristen bezahlen bereits heute über das Hotel eine Touristentaxe. Darüber hinaus gibt es weitere Ausnahmen, etwa für Geschäftsreisende, Kinder unter 6 Jahren oder Menschen, die Verwandte in Venedig besuchen.

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Japan: Geishas und Fuji

Der Stadtteil von Kyoto Gion ist für seine Geishas bekannt, die traditionellen japanischen Unterhaltungskünstlerinnen. Touristen fotografierten die Geishas in der Vergangenheit ungefragt, klingelten an privaten Wohnhäusern oder verfolgten die Frauen durch die Gassen. Im April haben die Behörden nun für bestimmte Gassen ein Verbot ausgesprochen: Touristen dürfen sie gar nicht mehr erst betreten. Wer es dennoch tut, muss mit einer Busse von umgerechnet 55 Franken rechnen.

Auch für den weltbekannten Vulkan Fuji gibt es ab diesem Jahr neue Regeln: Täglich dürfen nur noch 4000 Wanderer den 3776 Meter hohen Berg über die Hauptroute besteigen. Sie müssen neu ausserdem eine Gebühr von umgerechnet 12 Franken bezahlen. Die Menschenmassen sorgten am Fuji in der Vergangenheit nicht nur für Müllprobleme – sondern auch für Bergnotfälle, weil nicht alle angemessen für den Aufstieg ausgerüstet und vorbereitet waren.

Drehkreuz am Brienzersee

Auch in der Schweiz gibt es ein prominentes Beispiel: Ein unscheinbarer Holzsteg in Iseltwald BE am Brienzersee erlangte durch eine koreanische Netflix-Serie in Asien Kultstatus. Die kleine Ortschaft wurde von Touristenmassen überrannt – und baute am Steg kurzerhand ein Drehkreuz auf. Wer ein Foto schiessen will, muss seither 5 Franken bezahlen. Auch Cars, die im Ort für Verkehrsprobleme sorgten, müssen seither eine Gebühr entrichten.

Philippinen: sechsmonatige Zwangsschliessung

Die wohl extremste Massnahme gegen Massentourismus führte die philippinische Regierung im Jahr 2018 ein: Die damals als Partyhotspot bekannte Insel Boracay wurde ein halbes Jahr lang kurzerhand für den Tourismus geschlossen. Während der Schliessung wurden Hotels, Restaurants und andere Gebäude abgerissen, die zu nahe am Meer oder an Naturschutzzonen standen. Das Abwassersystem und die übrige Infrastruktur wurden ausgebaut. Nach der Zwangsschliessung wurde Boracay wiedereröffnet – mit strengen Regulierungen. Unter anderem gibt es Höchstgrenzen zur Anzahl Besucher pro Tag. Die Zwangsschliessung löste zwar viele Probleme, besonders mit Blick auf den Umweltschutz – sie kostete aber auch Zehntausende Jobs.

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Kroatien: App und Rollkoffer-Richtlinien

Die malerische kroatische Hafenstadt Dubrovnik wurde im Rekordjahr 2019 von 1,4 Millionen Touristen regelrecht überrannt. Zum Vergleich: Die Einwohnerzahl der Stadt liegt bei gerade einmal 41'000. In der historischen Altstadt war aufgrund der Menschenmassen oft kein Durchkommen mehr. Die Gassen dienten als Kulisse für die Erfolgsserie «Game of Thrones» und erlangte dadurch Weltruhm – Dichtestress inklusive.

Die lokalen Behörden haben in der Zwischenzeit eine Obergrenze für Kreuzfahrtschiffe festgelegt: Maximal zwei pro Tag dürfen anlegen. Ausserdem gibt es eine App, die – auch mithilfe von Wetterdaten – vorhersagt, wann die Altstadt besonders überfüllt sein wird, und wie man die Menschenmassen am besten umgeht.

Die Behörden rufen ausserdem dazu auf, Rollkoffer auf den historischen Pflastersteinen der Altstadt zu tragen statt zu ziehen, um die Bewohner nicht mit dem Kofferkrach aufzuschrecken. Fürs Kofferziehen gibt es allerdings – anders als von manchen Medien weltweit letztes Jahr berichtet – keine Bussen.

Die Zahl der Touristen ist seither auf 1,2 Millionen jährlich gesunken – das hat allerdings mehr mit den Nachwehen der Pandemie als mit den oben genannten Massnahmen zu tun.

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Frankreich: Besuch nur mit Anmeldung

«Réserver c'est préserver», reservieren bedeutet erhalten, heisst es auf der Website des Calanques-Nationalparks in Frankreich. Wer die malerischen Buchten innerhalb des Parks in der Nähe von Marseille in der Hauptsaison besuchen will, braucht eine Reservation. Diese ist gratis, wird aber kontrolliert. Wer sich keines der 400 Tickets täglich sichern konnte, muss umkehren.

Ähnliche Systeme gelten auch für die Mittelmeerinsel Porquerolles (vor der Côte d'Azur) sowie die Inselgruppe Lavezzi zwischen Korsika und Sardinien.

Bali: Touristentaxe für die Umwelt

Immer mehr Destinationen führen Einmalzahlungen für sämtliche Besucher ein, deren Ertrag in den Umwelt- und Naturschutz fliesst. Darunter die indonesische Insel Bali: Dort müssen Besucher seit Februar umgerechnet rund 8.50 Franken bezahlen. Mit dem Geld sollen Umwelt und Kultur in Bali besser geschützt werden. Die Steuer müssen Besucher vor der Einreise online via eine App bezahlen und den Grenzbehörden bei der Einreise eine entsprechende Bestätigung vorlegen.

Auch in Hawaii steht ein ähnliches Modell zur Debatte. Und in Griechenland wird seit Anfang Jahr eine Klimasteuer fällig, die im Hotel berappt wird. Je nach Hotelkategorie und Saison kostet sie bis zu 10 Euro pro Tourist und Nacht. Das Geld fliesst in die Katastrophenhilfe und soll insbesondere helfen, die verheerenden Auswirkungen von Waldbränden abzufedern.

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