Zirkus-Familie nach dem Aus: «Wir mussten vor sieben Personen auftreten»(02:58)

Das war ein hartes Jahr für Royal, Breu und Nock
Kleine Zirkusse müssen ihre Zelte abbrechen

Der Circus Royal steht vor dem Aus. Beim Circus Beat Breu fiel der letzte Vorhang schon nach 14 Vorstellungen. Auch der Traditionszirkus Nock tourt nach 159 Jahren nicht mehr durchs Land.
Publiziert: 26.12.2019 um 23:06 Uhr
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Aktualisiert: 19.08.2020 um 15:51 Uhr
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Fredy Knie jun. bei seiner letzten Show im Circus Knie.
Patrik Berger

Was für ein turbulentes Zirkusjahr! Das 100-Jahr-Jubiläum des Circus Knie hat alles überstrahlt. Am 24. November stand Fredy Knie jun. (70) in Rapperswil-Jona SG zum letzten Mal in der Manege. An der Dernière gab er die Verantwortung für den National-Circus an die nächste Generation weiter. Ein Gänsehautmoment, medienwirksam inszeniert. Noch einmal stand Fredy Knie mitten im Scheinwerferlicht.

Weit weniger Glanz fiel auf die übrigen Zirkusse des Landes ab. Für fette und vor allem negative Schlagzeilen sorgten sie dennoch. Denn diverse Zirkusunternehmen hatten 2019 schwer zu beissen.

Circus-Royal-Direktor macht sich aus dem Staub

Der Circus Royal, nach eigenen Angeben die Nummer zwei im Lande, steht kurz vor dem Aus. Mit einer Raubtiernummer wollte der windige Direktor Oliver Skreinig (40) wieder mehr Publikum ins Zelt locken. Ohne Erfolg. Selbst mit eiligst gedruckten Gratistickets blieben die Vorführungen schlecht besucht.

Mitte November machte sich Skreinig zusammen mit seiner Sekretärin mitten in der Nacht aus dem Staub. Seine Angestellten warten teilweise seit sechs Monaten auf ihren Lohn. Auf den traditionellen Weihnachtszirkus in Emmen LU verzichtet Skreinig. Er schuldet der Gemeinde noch die Hälfte der Platzmiete des Vorjahrs.

Es scheint unwahrscheinlich, dass der Royal 2020 noch einmal auf Tournee geht. Fragen von BLICK will der Zirkus keine beantworten. Laut Insidern führt der Direktor des Circus Royal derzeit im deutschen Main-Tauber Weihnachtscircus in Bad Mergentheim durchs Programm. Nebenbei sucht er verzweifelt nach neuen Geldgebern für die Royal-Tournee 2020.

Nur 14 Vorstellungen für Direktor Breu

Nach nur 13 Tagen war die Karriere von Beat Breu (62) als Zirkusdirektor bereits wieder vorbei. Er hat sich mit dem eigenen Zirkus einen Bubentraum erfüllt. Und sich nach 14 Vorstellungen mit seinem Geschäftspartner überworfen, der ihm Zelt und Artisten vermietet hat – für 10'000 Franken pro Woche. Bei der Premiere in Winterthur ZH war das Zelt mit 600 Gästen noch gut gefüllt. Wenige Tage später verloren sich nur noch ein paar Dutzend zahlende Zuschauer im weiten Rund.

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Der ehemalige Tour-de-France-Etappensieger lebt mit seiner Frau Heidi (65) mittlerweile auf einem Campingplatz in Küssaberg (D). Dort steht bereits ein neues Zirkuszelt, zwei Nummern kleiner als das letzte. «Ich will Zirkus machen, ich komme zurück in die Manege», verspricht das Stehaufmännchen BLICK. «Ich habe mit dem ersten Zirkus einen Schuh voll herausgezogen. Ich möchte nicht so in Erinnerung bleiben.»

Das Aus vor der grossen Nock-Jubiläumstournee

Im Mai gingen beim Circus Nock, dem ältesten Zirkus des Landes, die bunten Lämpchen aus. Nächstes Jahr hätte er sein 160-jähriges Bestehen gefeiert. Aus der geplanten Jubiläumstournee wird nichts mehr. Finanzielle Probleme, der Widerstand von Tierschützern und steigende Platzmieten haben dem Zirkus das Genick gebrochen.

Reto Hütter (59), derzeit Pressesprecher beim Zirkus Charles Knie in Deutschland, beobachtet die Branche seit Jahrzehnten. «Zentral ist, dass man sich als Zirkus eine Nische sucht. Der Circus Knie ist die klare Nummer eins im Land. Man kann und soll ihn nicht kopieren», sagt der Zirkusprofi. Zudem müsse man realistisch kalkulieren. «Man erstellt lieber ein Budget für 150 bis 200 Zuschauer. Wenn dann 300 im Zelt sitzen, umso besser.»

«Mit einem kleinen Zirkus kann man Geld verdienen»

Grossen Verbesserungsbedarf sieht er im Marketing. «Es reicht längst nicht mehr, einfach ein paar Plakate aufzuhängen. Heute muss man etwa aktiv auf Schule, Altersheime zugehen oder Firmenfeste und andere Events organisieren. Viele Zirkusse haben zudem Nachholbedarf, was die Homepage oder den Auftritt auf Social Media angeht. «Da liegt einiges im Argen.»

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Ohne Stammpublikum, das jedes Jahr wieder die Vorstellung besucht, habe man heute keine Chance mehr. «Dazu muss man in einer bestimmten Region über Jahre präsent sein. Oder man spielt in Ortschaften, wo sonst nie ein Zirkus ist», sagt er.

Die Zeiten für Zirkusse seien aber definitiv härter geworden. Die Kosten für Platzmiete, Logistik sowie Wartung der Fahrzeuge steigen von Jahr zu Jahr. «Da muss man ganz genau rechnen können.» Und doch: «Mit einem kleinen, romantischen Zirkus kann man immer noch Geld verdienen. Man muss den Leuten ein Erlebnis bieten, dann kommen sie nächstes Jahr wieder.»

Zirkus-Fan sammellt Geld

René Schumann (60) aus Kollbrunn ZH ist ein grosser Zirkusfan. Seinen runden Geburtstag hat er mit 30 Gästen im Zirkus Stey gefeiert. Eben erst hat er dem Circus Royal geholfen, einen Wohnwagen in die Schweiz zurückzuholen. Der Versicherungsangestellte war dabei, als beim Circus Nock in Aarau der letzte Vorhang fiel. «Es hat mich sehr getroffen, zu sehen, wie die Tiere abtransportiert wurden», sagt er zu BLICK.

Seine Ferien verbringt er mit seiner Frau Iwona (54) am liebsten in seinem Wohnwagen bei einem Zirkus. Auf den Geschmack gekommen ist er vor Jahren beim Circus Knie. Dort durfte er einige Tage im Wohnwagen eines befreundeten Elefantenpflegers mitreisen. «Diese intelligenten und gutmütigen Tiere faszinieren mich», sagt er.

«Es kann nicht sein, dass ein Zirkus nach dem anderen eingeht»

Nun will Schumann den Schweizer Zirkusunternehmen helfen und Geld sammeln. Zusammen mit dem Zirkuspfarrer Adrian Bolzern (40) aus Aarau. Erste Gespräche mit finanzkräftigen Sympathisanten haben bereits stattgefunden. «Es kann nicht sein, dass in einem so reichen Land wie der Schweiz ein Zirkus nach dem anderen eingeht», sagt er zu BLICK. Schumann will nicht, dass die einheimische Zirkuskultur, die ihn von Kindesbeinen an begeistert hat, ganz verschwindet.

Er hofft, dass ein fünf- oder sechsstelliger Betrag zusammenkommt. Damit will Schumann «Betriebe mit Potenzial» unterstützen – nicht etwa «hoffnungslose Fälle», wie er sagt. Und zwar mit ganz konkreten Projekten, etwa einer neuen WC-Anlage, einem frischen Anstrich oder Reparaturen. Weiter will er pensionierten Handwerkern die Möglichkeit geben, tageweise helfend einzugreifen. «Für Schlosser, Schweisser oder Maler gibt es in einem Zirkus immer etwas zu tun», weiss er.

René Schumann (60) aus Kollbrunn ZH ist ein grosser Zirkusfan. Seinen runden Geburtstag hat er mit 30 Gästen im Zirkus Stey gefeiert. Eben erst hat er dem Circus Royal geholfen, einen Wohnwagen in die Schweiz zurückzuholen. Der Versicherungsangestellte war dabei, als beim Circus Nock in Aarau der letzte Vorhang fiel. «Es hat mich sehr getroffen, zu sehen, wie die Tiere abtransportiert wurden», sagt er zu BLICK.

Seine Ferien verbringt er mit seiner Frau Iwona (54) am liebsten in seinem Wohnwagen bei einem Zirkus. Auf den Geschmack gekommen ist er vor Jahren beim Circus Knie. Dort durfte er einige Tage im Wohnwagen eines befreundeten Elefantenpflegers mitreisen. «Diese intelligenten und gutmütigen Tiere faszinieren mich», sagt er.

«Es kann nicht sein, dass ein Zirkus nach dem anderen eingeht»

Nun will Schumann den Schweizer Zirkusunternehmen helfen und Geld sammeln. Zusammen mit dem Zirkuspfarrer Adrian Bolzern (40) aus Aarau. Erste Gespräche mit finanzkräftigen Sympathisanten haben bereits stattgefunden. «Es kann nicht sein, dass in einem so reichen Land wie der Schweiz ein Zirkus nach dem anderen eingeht», sagt er zu BLICK. Schumann will nicht, dass die einheimische Zirkuskultur, die ihn von Kindesbeinen an begeistert hat, ganz verschwindet.

Er hofft, dass ein fünf- oder sechsstelliger Betrag zusammenkommt. Damit will Schumann «Betriebe mit Potenzial» unterstützen – nicht etwa «hoffnungslose Fälle», wie er sagt. Und zwar mit ganz konkreten Projekten, etwa einer neuen WC-Anlage, einem frischen Anstrich oder Reparaturen. Weiter will er pensionierten Handwerkern die Möglichkeit geben, tageweise helfend einzugreifen. «Für Schlosser, Schweisser oder Maler gibt es in einem Zirkus immer etwas zu tun», weiss er.

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