Altes Handwerk, neue Freuden
Edle Holzschlitten sind plötzlich wieder gefragt

Sie sind aus einheimischem Holz, handgefertigt und schnell. Auf dem Chäserrugg im Toggenburg durften die Schlitten zeigen, was in ihnen steckt.
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Prächtige Teststrecke: Das Team von BILANZ auf der Schlittelpiste von Iltios nach Unterwasser im Skigebiet Chäserrugg.
Foto: Gian Marco Castelberg für BILANZ

Darum gehts

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Erik Nolmans
Bilanz

Es ist ein prächtiger Wintertag Mitte Januar, die Sonne scheint, der Schnee glitzert. Nur die Schlittelbahn hier am Chäserrugg im Toggenburg, ohnehin bekannt als eine der anspruchsvollsten der Schweiz, ist an diesem Tag nicht perfekt, weil stellenweise arg vereist. Der obere Teil vom Gipfel bis zur Mittelstation Iltios ist deshalb geschlossen, für den unteren Teil bis zur Talstation Unterwasser bekommen wir für unsere Reportage eine Spezialbewilligung, müssen aber unterschreiben, dass wir auf eigenes Risiko schlitteln.

Umso wichtiger ist das richtige Material. Und das haben wir: fünf Holzschlitten vom Feinsten, am frühen Morgen in Sulgen TG geholt. Dort ist eine der traditionsreichsten Schlittenmanufakturen der Schweiz mit dem heutigen Namen 3R, gegründet ursprünglich als Wagnerei und seit 1930 in Sulgen ansässig. 1936 wurde in einem Anbau die Dampfbiegerei eingerichtet. Das Biegen von Holz, Voraussetzung für die Produktion von Schlitten, ist bis heute eine der Kernkompetenzen des Betriebs. Besitzer Erwin Dreier ist ein umgänglicher Typ, stolz zeigt er uns seinen Handwerksbetrieb und das Lager, in dem sich Dutzende Modelle stapeln. 2002 hat er den Betrieb übernommen. Dreier hat eine Lehre als Wagner gemacht und dann die Prüfung als Schreinermeister und Marketingplaner.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Kindheitserinnerungen

Bis heute ist der Schlittenbau ein klassisches Winterhandwerk, zwischen Dezember und März schiessen die Verkaufszahlen in die Höhe. Corona hatte dem Schlitteln zu einem Boom verholfen, über 4000 Schlitten verkaufte Dreier jährlich in jener Zeit, inzwischen ist es noch knapp die Hälfte. «Der einzige Nachteil unserer Schlitten: Sie halten viel zu lang», sagt er schmunzelnd. Wer einmal einen Holzschlitten gekauft hat, kann den meist eine oder zwei Generationen weitergeben. «Schlitteln ist oft mit Kindheitserinnerungen verbunden», sagt Dreier. Oft komme es vor, dass ein Paar, wenn es selbst Kinder bekomme, sich an diese Zeiten erinnere und sich im Keller umsehe, ob der alte Schlitten wohl noch taugt – oder eben bei ihm ein neues Modell erwerbe.

Der eigentliche Holzschlitten-Klassiker, der sogenannte Davoser Schlitten, gehört auch bei ihm zu den am besten verkauften Modellen. Der Preis liegt zwischen 239 und 349 Franken. Was viele nicht wissen: Ein Davoser Schlitten muss nicht aus Davos kommen und ist auch keine geschützte Marke, sondern einfach eine Bezeichnung für ein gewisses Modell, meist etwas höher und mit mehreren fest verleimten oder geschraubten Querstreben. Die Schweiz hat es verpasst, den Markennamen zu schützen, wodurch heute Davoser Schlitten auch in Polen oder der Ukraine hergestellt werden. Als Vater des Klassikers gilt aber der Davoser Wagner Emanuel-Heinz Friberg, der 1865 erste Schlitten gebaut hat.

Breitensport

Heute ist es auch bei Erwachsenen sehr angesagt, Holzschlitten zu fahren. Es passt ja auch gut zur jetzigen Zeit – naturverbunden, nachhaltig und stilvoll. Laut einer Studie aus dem Jahr 2021 fahren über 400’000 Personen in der Schweiz zumindest ab und zu Schlitten, 5,8 Prozent der Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nennt es als ausgeübte Sportaktivität. Dabei liegt der Frauenanteil mit 63 Prozent klar höher. Allerdings wird zwar sehr breit Schlitten gefahren, aber nicht sehr oft: Im Durchschnitt geht man an zwei Tagen pro Jahr schlitteln und sitzt pro Aktivität rund eine Stunde auf dem Schlitten. Die Studie zeigte auch, dass die Entwicklung stark zugenommen hat.

Die Schlitten, die uns Dreier mitgibt, gehören zu seinen eher sportlichen Modellen: Es sind die rassigen Rodel. «Im Grunde ist ein Rodel die Bezeichnung für einen lenkbaren Schlitten», sagt Dreier. Im Gegensatz zum Davoser sind die Gleitflächen leicht gebogen, zudem ist die Bank beweglich mit den Kufen verbunden und nicht fest verleimt. Sie sind leicht lenkbar, und die leicht gebogenen Kufen ergeben einen tieferen Schwerpunkt, was für Stabilität sorgt. Die schönen Stücke kosten je nach Modell bis zu 594 Franken.

Schon beim Einstieg in die Drahtseilbahn, die uns zur Mittelstation bringt, zeigt sich ein Vorteil: Trotz ihrer Robustheit sind die Schlitten nicht allzu schwer. Auf dem Schnee zeigen sie dann ihre tollen Fahreigenschaften: stabil in der Spur und doch leicht lenkbar. Ohnehin hat man es schnell raus, wie die Dinger zu manövrieren sind: Gewicht verlagern und vor allem mit den Füssen auf den Kufen Druck erzeugen, um nach links oder rechts zu steuern. Um besser bremsen zu können, hat uns Dreier spezielle Sohlen mit Spikes mitgegeben, die man unten an den Schuhen anbringen kann. Gerade auf den vereisten Abschnitten wirken diese Wunder.

Schlitteln macht vor allem in der Gruppe Spass. Dabei kann jeder sein eigenes Tempo bestimmen. Für die Testfahrt wurden der BILANZ-Redaktion die etwas sportlicheren Rodel-Schlitten zur Verfügung gestellt.
Foto: Gian Marco Castelberg für BILANZ

Die «Schümli-Pflümli» (Kaffee mit Schnaps), die sich Einzelne von uns vor der Fahrt auf der Terrasse des Bergrestaurants Iltios noch genehmigten, um sich etwas Mut zu verschaffen, wären also eigentlich gar nicht nötig gewesen – die Abfahrten sind ein Genuss.

Für jeden etwas

Das Angebot an Schlittelpisten in der Schweiz ist gross – es gibt für jeden Geschmack etwas. Unbestrittene Nummer eins in der Schweiz ist die Piste Preda–Bergün im Bündnerland, die bequem mit dem Zug zu erreichen ist und die gesperrte Passstrasse hinunterführt. Doch die Schweiz verfügt auch über die längste Schlittenabfahrt der Welt, «Big Pintenfritz», 15 Kilometer lang, in Grindelwald BE. Wer es romantisch mag, geht ans «Schlitteln im Mondlicht» auf dem Berner Niederhorn, wo man auf einer mit Laternen markierten Piste hinuntergleitet.

Was im 19. Jahrhundert als Zeitvertreib schon einmal sehr populär war (ja, auch dies, wie vieles im Wintersport, ursprünglich von den Engländern propagiert), lag danach im Dornröschenschlaf und wurde von den Wintersportorten lange kaum ernst genommen. Heute gehört eine Schlittelpiste an den meisten Orten zum Standardangebot.

Die Produktion von Schlitten ist ein althergebrachtes Handwerk in der Schweiz. Nebst der erwähnten Manufaktur in Sulgen gibt es rund ein halbes Dutzend weitere Spezialhersteller, die hochwertige Holzschlitten herstellen. Dreier schätzt, dass in der Schweiz jährlich 10’000 bis 20’000 Schlitten verkauft werden.

Die Schweizer Produzenten verwenden meist einheimisches Holz, in der Regel Esche, seltener Buche oder Nussbaum. Kernelement der Verarbeitung ist das Biegen, wofür das Holz in speziellen Öfen erwärmt wird. Damit das Ganze bei der Verarbeitung nicht bricht, wird nur das beste Holz verwendet. Dann wird der Schlitten noch lackiert und mit der gewünschten Sitzfläche bezogen. Eines unserer Modelle aus Sulgen etwa war mit einem schön wärmenden Kunstpelz bezogen.

Spezielle Gravuren

Dreier hat sich zudem kürzlich eigens eine neue Lasermaschine angeschafft, um spezielle Gravuren anzubringen. Viele würden einen Namen wählen oder ein Herzchen, es gebe aber auch verrücktere Sachen. Zwei junge Männer aus Grossbritannien hätten jüngst auf ihrer Fahrt nach Klosters GR bei ihm im Thurgau einen Zwischenhalt eingelegt, um auf ihre Schlitten «Speedy McFly» gravieren zu lassen – wohl die etwas schnellere Version von Marty McFly aus dem Film «Zurück in die Zukunft». Solche Kleinigkeiten beim Dienst am Kunden sind es wohl auch, die dazu beitragen, dass das traditionelle Handwerk des Schlittenbaus bis heute in der Schweiz Bestand hat.

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