Darum gehts
Es gibt nicht viele Parallelen zwischen dem Bauernhof und dem Börsenparkett. Aber ganz sicher diese: Auf beiden tummeln sich Leitsätze, die komplexe Begebenheiten verallgemeinern sollen. Die sogenannten Bauernregeln und Börsenweisheiten überschneiden sich sogar in manchen Fällen.
Während der Bauer «Kommt der Januar vor Februar, wird das Jahr, wie es immer war» sagt, meint die Anlegerin: «Wie der Januar, so das ganze Jahr.» Oder: «Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.» Warren Buffett formuliert es so: «Investiere nicht in ein Geschäft, das du nicht kennst.» Und manchmal haben sogar beide recht.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
Wie entstehen Börsenweisheiten?
Börsenweisheiten sind historisch gewachsene Faustregeln, die sich aus Beobachtungen von Marktteilnehmern über viele Jahrzehnte – teils Jahrhunderte – entwickelt haben. Es ist schwer zu sagen, welches die älteste Börsenweisheit ist, einige dieser Leitsätze reichen sogar bis ins späte 17. Jahrhundert zurück. So zum Beispiel die Regel «Sell in May and go away», die besagt, dass Anleger, die im Mai verkaufen und von September bis Oktober wieder zukaufen, langfristig mehr Rendite erzielen würden als diejenigen, die den Sommer über die Aktien halten.
Börsenweisheiten entstammen einer Mischung aus Erfahrung, Finanzmarktanalyse und anekdotischer Evidenz. Investorenlegenden wie Warren Buffet, Martin Zweig und André Kostolany selbst verbreiteten in ihren Büchern oder in Interviews so manche Faustregel. Sie verdichteten damit komplexe Finanzmarktphänomene in einprägsamen Formeln – die dann zu Börsenweisheiten wurden.
Wie überschneiden sich Börsenweisheiten und Verhaltenspsychologie?
Börsenweisheiten lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: psychologisch-verhaltensorientierte und zeitbezogene Marktweisheiten. Zur ersten Kategorie zählt die Weisheit von Martin Zweig: «The trend is your friend.» Sie besagt: Es ist einfacher, einem bestehenden Trend zu folgen, als selbst einen neuen zu entdecken.
Das galt beispielsweise in der Anfangswelle der künstlichen Intelligenz. Manche sahen, dass die Technologie auf leistungsfähigere Chips angewiesen ist, und investierten in den Tech-Konzern Nvidia, der dazumal als Einziger solche herstellte. Das führte dazu, dass Nvidia im Januar 2026 den E-Automobilhersteller Tesla als teuersten Konzern der Welt ablöste.
Aber: Investoren können mit dieser Weisheit auch Verluste einfahren, wie in den Jahren 2000 und 2001, als die Dotcom-Blase platzte. Die Börsenlegende Irving Kahn pflegte daher zu sagen: «Günstig zu kaufen und teuer zu verkaufen, ist nicht möglich, wenn man der Masse folgt.»
Warum ist Timing ein beliebtes Thema für Börsenweisheiten?
Die zweite grosse Kategorie sind zeitbezogene Börsenweisheiten: «Kaufe, wenn die Kanonen donnern, verkaufe, wenn die Violinen spielen», sagte der Banker Carl Mayer von Rothschild. Dass sich viele Börsenregeln mit der Frage des richtigen Einstiegs und des Timings befassen, überrascht nicht, denn rechtzeitiges Kaufen und Verkaufen entscheidet am Ende über den Gewinn.
Wie geht es den Schweizer Firmen? Was läuft an der Wall Street? Und wie entwickelt sich der Goldpreis? Wir halten dich über die neusten Entwicklungen an den Märkten auf dem Laufenden – hier im Liveticker.
Wie geht es den Schweizer Firmen? Was läuft an der Wall Street? Und wie entwickelt sich der Goldpreis? Wir halten dich über die neusten Entwicklungen an den Märkten auf dem Laufenden – hier im Liveticker.
Von Rothschild beschreibt mit seiner Regel antizyklisches Investieren: In Krisen fallen die Kurse, weil viele aus Panik verkaufen, in ruhigen Zeiten kaufen Investoren zu – und antizyklische Anlegerinnen versuchen, durch umgekehrtes Verhalten Gewinne zu erzielen.
Eine weitere Einstiegsweisheit lautet: «Buy the rumor, sell the fact» von Autor Michael Maiello. Gerüchte, so Maiello, lassen den Kurs in die Höhe klettern. Wenn die Neuigkeit aber kommuniziert wird, tut sich in der Kurve nicht mehr viel. Das Ganze geht allerdings nur auf, wenn das Gerücht wahr war und eine gute Nachricht für das betreffende Unternehmen beinhaltet – zum Beispiel ein üppiges Übernahmeangebot.
Sind Börsenweisheiten empirisch belegt?
Einige Börsenweisheiten wurden inzwischen intensiv untersucht – mit teilweise ernüchternden Ergebnissen. Ein prominentes Beispiel ist die Januarregel, die hier in Frage eins bereits angesprochen wurde. Sie traf zwar in einzelnen Jahren zu, insgesamt scheint das aber Zufall zu sein.
Anders sieht es mit «Sell in May, but remember to come back in September» aus. Der Effekt wurde 2002 von den Ökonomen Ben Jacobsen und Sven Bouman in einer Studie belegt. Es zeigte sich, dass Anlegerinnen und Anleger, die Ende April ihre Anlagen verkaufen und Anfang Oktober wieder einsteigen, langfristig mehr Rendite erzielen als solche, die über den Sommer kaufen und halten.
Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, darunter auch die Länge der Sommerferien. Ganz geklärt ist dieser Effekt jedoch nicht. Anleger können zudem nur davon profitieren, wenn sie die Strategie langfristig und diszipliniert verfolgen. Kurzfristig erzielt sie keine Überrendite, viel eher macht das «Hin und Her die Taschen leer».
Ist auf Börsenweisheiten Verlass?
Langjährige Datenbeobachtung zeigt: Finanzmärkte folgen zuweilen wiederkehrenden Mustern. Bestimmte davon wie «Sell in May» lassen sich statistisch nachweisen. In stabilen, vergleichbaren Marktumfeldern können daraus abgeleitete Börsenweisheiten durchaus Orientierung bieten. Sie funktionieren aber weniger als Prognoseinstrument, sondern viel eher als grobe Heuristik.
Und wie die Januarregel zeigt, treffen Börsenweisheiten nicht immer zu. Problematisch wird es nämlich, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Denn Börsenweisheiten ignorieren zentrale Einflussfaktoren wie die Inflation, das Zinsniveau oder die Marktvolatilität. Hochinflationsphasen oder stark schwankende Märkte können historische Muster daher verzerren oder überlagern.
Fazit
Börsenweisheiten sind stark vereinfachte Merksätze wie die oben erwähnten «The trend is your friend» oder «Kaufe, wenn die Kanonen donnern». Sie sind so alt wie das Börsengeschehen selbst. Sie verdichten komplexe Marktbeobachtungen zu eingängigen Formeln, blenden dabei aber marktbestimmende Faktoren aus.
Ihre Aussagekraft wird ausserdem dadurch gemindert, dass sie die Anlegerin und den Anleger selbst aussen vor lassen. Denn die Börsenweisheiten berücksichtigen nicht den Anlagehorizont, die Risikotoleranz und die finanzielle Lebenssituation der Investorinnen und Investoren.
Wer Börsenweisheiten als das versteht, was sie sind – verdichtete Erfahrungswerte und psychologische Warnschilder –, kann sie kritisch einordnen. Die Kunst im Umgang mit Börsenweisheiten (und Bauernregeln ebenso) besteht darin, sie nicht als Anleitung zu befolgen, sondern als Denkanstoss für die eigene Strategie zu nutzen.
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Meinungen und Einschätzungen beruhen auf sorgfältiger Recherche, können jedoch nicht die individuelle Prüfung und Beratung durch Fachleute ersetzen. Börsenentwicklungen sind von vielen Faktoren abhängig und nicht vorhersehbar. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte bergen Risiken, einschliesslich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals.
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Meinungen und Einschätzungen beruhen auf sorgfältiger Recherche, können jedoch nicht die individuelle Prüfung und Beratung durch Fachleute ersetzen. Börsenentwicklungen sind von vielen Faktoren abhängig und nicht vorhersehbar. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte bergen Risiken, einschliesslich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals.