Diesen Moment wird Edith Hunkeler (53) nie vergessen: Ihre Tochter Elin, damals in der dritten Klasse, sass eines Abends mit der Familie zu Hause in Dagmersellen LU auf dem Sofa. Im Fernsehen lief eine Sportsendung. Plötzlich zeigte Elin auf den Bildschirm und sagte: «Das möchte ich einmal sein.» – «Wirklich? Du willst Sportlerin werden?», fragte die Paralympics-Legende nach. Elin schüttelte den Kopf. «Nein, nicht das. Ich werde Moderatorin.»
Ihr Ziel verfolgt Elin seither konsequent. Sie ist bereits als Sprecherin an Events auf der Bühne gestanden, hat beim SRF reingeschnuppert und für eine Radiostation Hockeyspieler interviewt. Jede dieser Erfahrungen bestärkte Elin in ihrem Traumberuf.
Diese Zielstrebigkeit bewundert Edith Hunkeler an ihrer Tochter: «Ich selbst wollte Bäuerin werden, habe mich dann aber fürs KV entschieden. Das gefiel mir damals, heute wäre mir der Kontakt zu den Menschen viel wichtiger.»
Elin ist sich ihrer Stärken bewusst, weiss aber auch, wo sie noch Aufholbedarf hat: «Ich mag Französisch, aber ich spreche es leider noch nicht fliessend.» Deswegen plant der Teenager, nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit für ein Jahr nach Lausanne zu ziehen. «Ich bin überzeugt, dass mir Sprachkenntnisse helfen werden, meinen Berufswunsch zu erreichen», sagt die 15-Jährige.
Die Fähigkeit, zu träumen, habe Elin von beiden Elternteilen geerbt, sagt Edith Hunkeler. «Ich bin ein enthusiastischer Mensch.» Das innovative und zielstrebige Denken verdanke sie aber ihrem Vater, Mark Wolf, 51, Leiter Trainerbildung an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen BE. «Das hilft, meine Träume auch in die Realität umzusetzen», findet Elin.
Zwischen Herzschmerz und Stolz
Für Elin ist der bevorstehende Auszug kein Abschied, sondern ein Abenteuer. Sie freut sich riesig darauf – auch wenn es noch knapp ein Jahr bis dahin ist. Edith Hunkeler fällt die Abnabelung schwerer. Ihre Tochter langsam loszulassen, findet sie zwischendurch ganz schön hart. «Elin und mich verbindet ein starkes Band. Und jedes Mal, wenn es sich weiter dehnt, zieht es in meinem Herzen.»
Edith Hunkeler ist aber auch stolz auf Elins selbstständige Pläne. «Für uns stand als Eltern immer fest: Wir wollen ihr all unsere Liebe geben und die Geborgenheit, die sie braucht, um sich als eigenständiger Mensch zu entwickeln. Von Anfang an war es unser Ziel, Elin starke Flügel zu verleihen – damit wir sie mit gutem Gefühl loslassen können, wenn sie bereit ist, das Nest zu verlassen.» Sorgen mache sie sich um ihre Tochter keine, sagt Edith Hunkeler. «Mein Urvertrauen in Elin ist riesig. Sie soll möglichst viel erleben und glücklich sein.»
Wie positiv sich eine Auszeit in der Fremde aufs Leben auswirken kann, haben beide Elternteile selbst erlebt. Mark Wolf lebte vier Jahre als Unihockey-Profi in Schweden. Und für Edith Hunkeler bedeutete ein Sprachaufenthalt in den USA ihren Neuanfang.
Im Februar 1994 erlitt die damals 21-Jährige auf dem Weg zur Arbeit einen schweren Autounfall. Seither ist sie querschnittgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Nach der Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU reiste sie für ein halbes Jahr nach Florida, um Englisch zu lernen. Diese Reise sollte ihr Leben in eine neue Richtung lenken.
Am Anfang sei es nicht leicht gewesen, mit der Invalidität Frieden zu schliessen, erinnert sich Hunkeler. Die Frage nach dem Warum stand immer wieder im Raum. Doch die Teilnahme an einem Rollstuhlrennen in den USA veränderte alles: Edith Hunkeler entdeckte den Sport für sich und wurde zu einer der erfolgreichsten Rollstuhlathletinnen aller Zeiten. Bis zu ihrem Rücktritt vor zehn Jahren gewann sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter acht paralympische Medaillen. «Es waren jedoch nicht nur die Erfolge, sondern auch die Menschen, denen ich im Sport begegnen durfte, die Hochs und die Tiefs, die mich stark machten.»
Heute fährt Edith Hunkeler ihren Rollstuhl nicht mehr über Rennbahnen, sondern lieber über die Feld- und Waldwege rund um Dagmersellen – Hand in Hand mit ihrer Tochter. Die gemeinsamen Spaziergänge in der Natur werde sie vermutlich schon vermissen, meint Elin an diesem Nachmittag. Das Duo hält am Wegrand Ausschau nach Sauerampfer – ein Nachmittagssnack, den sie lieben. Plötzlich zupft Edith einen langen Grashalm ab, spannt ihn zwischen beide Daumen und erzeugt durch Pusten einen lauten Pfeifton. Elin macht es ihr nach. Schon bald tönt ein Pfeifkonzert über die weiten Felder. «Mit solchen Dingen können wir uns stundenlang beschäftigen», sagt Edith Hunkeler. «Wir haben noch nie viel Drumherum gebraucht, um eine gute Zeit zu haben.»
Viel Platz für Träume und Wünsche
Etwas will Elin vor ihrem Auszug noch mit der Familie erleben: «Ich möchte wirklich einmal nach Portofino reisen», sagt sie und zwinkert ihrer Mutter zu. Ein Insiderwitz der Familie. Als Elin klein war, liebte sie den Disney-Film «Luca». Seitdem schwärmt sie für das ligurische Küstendorf – ohne es wirklich zu kennen. «Vielleicht werden wir diese Reise tatsächlich machen», antwortet Edith Hunkeler. «Erinnerungen sind schliesslich das Einzige, was wir Kindern mitgeben können: schöne gemeinsame Momente, von denen sie in Zukunft immer wieder erzählen können.»
Sie selbst schaut nicht gern wehmütig zurück, sondern lebt im Moment und macht das Beste daraus. «Zwanghaft an etwas festzuhalten, ist nicht meine Art. Das Leben hat so viele Phasen – und jede verdient es, richtig gelebt zu werden. Der Fokus auf das Positive war und bleibt meine Einstellung.»
So kommt es, dass Edith Hunkeler sich auch auf den neuen Lebensabschnitt freut, der nach dem Auszug ihrer Tochter auf sie zukommt. «Jahrelang war ich in erster Linie Mutter und Managerin des Hauses. Jetzt entsteht viel Platz für Neues.» Langweilig werde es ihr bestimmt nicht, dafür habe sie noch zu viele Träume und Wünsche, die sie sich erfüllen möchte. Was zum Beispiel? «Vielleicht eine Ausbildung», meint sie achselzuckend. Entschieden ist noch nichts.
Elin dreht sich zu ihrer Mutter um und runzelt die Stirn: «Sag mal, Mama – wer wird mich eigentlich ersetzen, wenn ich weg bin?» Was für eine Frage! «Natürlich niemand», antwortet Edith Hunkeler ihrer Tochter. «Du bist unersetzbar.»
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 28. August 2025.