Ueli Kestenholz verliert Leben in Lawinenunglück
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Nach aktiver Karriere:Kestenholz fokussierte seither auf Freeriding und Film

Zum Tod von Ueli Kestenholz
Der Freigeist, der sich alles vom Leben holte

Die Sportwelt trauert um Ueli Kestenholz. Marcel Allemann hat ihn zu seinen Glanzzeiten im Snowboard als Blick-Reporter eng begleitet. Ein persönlicher Nachruf.
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Ueli Kestenholz ist im Alter von 50 Jahren gestorben.
Foto: keystone-sda.ch
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Marcel AllemannReporter Eishockey

Ueli Kestenholz ist tot. Es zu glauben, fällt mir schwer. Es zu akzeptieren, noch viel mehr. Ueli war für mich der Inbegriff von Leben und Inspiration. Ein nie ruhender Künstler, der sich vom Leben all das holt, was es zu bieten hat. Dass ihn nun seine grösste Passion das Leben gekostet hat, macht mich tief traurig. Ueli, warum ausgerechnet du?

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Der 50-jährige Ueli Kestenholz galt in der Schweiz als Snowboard-Pionier.

Wir lernten uns Mitte der 90er-Jahre kennen. Ich neu und der Grünschnabel beim Blick, für Snowboard zuständig. Er noch keine 20 und eine der auffälligen, aufstrebenden Erscheinungen in der neuen Boom-Sportart. Lange blonde Haare, rehbraune Augen, charmanter Berner Dialekt, stets ein Lächeln im Gesicht, Frauenschwarm und ein bedingungsloser Carving-Schwung auf dem Brett, der seinesgleichen suchte.

Durchbruch mit WM-Bronze in Davos

1995 wurde der Snowboard-Sport mit der ISF-Heim-WM in Davos erstmals einem breiteren Schweizer Publikum zugänglich gemacht. Und mittendrin Ueli Kestenholz, der im Riesenslalom Bronze holte und nach den ersten Duftmarken im Weltcup seinen ersten ganz grossen Erfolg feierte.

Mein damaliger Chef war begeistert von diesen jungen, wilden und zugleich so authentischen und unverbrauchten Schweizer Snowboardstars. Zu denen neben Kestenholz unter anderem auch Fabien Rohrer, Reto Lamm, Anita Schwaller, Bertrand Denervaud, Steffi von Siebenthal und die Gebrüder Cla und Fadri Mosca gehörten. Ich wurde immer öfter an die Weltcuprennen geschickt. In dieser Zeit lernte ich Ueli, seine Frohnatur und seine Tiefgründigkeit als Mensch noch besser kennen.

Der Drang nach Powder

Oft trafen wir uns nach Rennen in einem Partyzelt oder an einer Hotelbar zum Bier, hatten es lustig. Ich vergesse nie mehr, wie wir irgendwo an einer Weltcupstation in Österreich im Ausgang die Rapperin Lee von der damals sehr populären Girl-Group Tic Tac Toe trafen. Sie sich mit den Worten «Ich bin die Lee» vorstellte, ihr Ueli die Hand entgegenstreckte und in seiner coolen Art entgegnete: «Und ich bin der Ue-Lee.»

Doch Ueli war kein Party-Animal wie einige andere. Schon gar nicht, wenn es abends schneite. Dann wollte er am anderen Morgen früh raus und zum Freeriden in den Powder. Das war für ihn das Grösste. Noch schöner, als Rennen zu gewinnen oder Medaillen einzuheimsen. Das war für ihn das wahre Leben und das ultimative Freiheitsgefühl auf dem Brett.

Angst nur vor nicht selbst kontrollierbaren Risiken

Natürlich sprachen wir an solchen Abenden auch über Gott und die Welt – und über die Risiken beim Freeriden. Ueli vermittelte mir dabei, dass er sich der Gefahr bewusst sei, nur Risiken eingehe, die er verantworten könne, und eigentlich mehr Angst vor Risiken habe, die er selbst nicht kontrollieren könne – wie etwa im Strassenverkehr. Ich habe ihm so gerne zugehört, aber der Gedanke an seine Worte schmerzt heute.

Ueli war ein ständig Treibender, der kaum stillsitzen konnte. Er konnte aber auch ein Revoluzzer sein. Das wurde im Vorfeld von Nagano 1998 deutlich, als Snowboard olympisch wurde. Dabei wurde der damals noch bestehende Snowboard-Weltverband ISF von der FIS ausmanövriert. Nur via FIS-Weltcup konnte man sich für die Olympischen Spiele qualifizieren. Die Empörung der ISF-Fahrer war riesig und Ueli gehörte zu jenen, die am meisten Stimmung gegen die FIS machten.

Mit der Faust im Sack zu Olympia-Bronze

Weil Ueli sich wie die meisten den Olympia-Traum trotzdem erfüllen wollte, fuhr er die geforderten Quali-Rennen bei der FIS mit der Faust im Sack dennoch und holte in Nagano mit einem Husarenritt Bronze. In den Folgejahren wurde die ISF dann finanziell an die Wand gefahren, einerseits wegen der Macht der FIS, aber auch durch Selbstverschulden. Ueli trauerte den alten ISF-Zeiten oft nach. Dass ein Skiverband über Snowboarder befand und die entstandene Struktur mit Nationalteams und Einheitsdresses – all das war nicht die Welt von Freigeist Ueli Kestenholz.

Nach seinen dritten Olympischen Spielen 2006, 14 Weltcupsiegen und zwei Triumphen im Snowboardcross an den X-Games beendete er mit 30 seine Wettkampfkarriere und konzentrierte sich fortan auf Freeriden, Foto- und Filmprojekte. Auch Paragliding und andere Abenteuersportarten waren in seinem Angebot enthalten – einfach Outdoor musste es sein. Es war der Zeitpunkt, als auch wir uns aus den Augen verloren, aber gelegentlich noch an Anlässen über den Weg liefen. Das Wiedersehen war immer warm.

«Das Leben ist zu kurz – für nur einen Sport», steht auf seiner Homepage. Ueli, ich weiss, dass du dein Leben mit jeder Faser genau so gelebt hast, wie du das wolltest. Dafür habe ich dich bewundert, und so werde ich dich in Erinnerung behalten.

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