Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie gross sind, gib ihnen Flügel. So lautet eine geflügelte Weisheit.
Im Toggenburg klappt das besonders gut. Aus der Gegend zwischen Churfirsten und Säntis stammt der legendäre zweifache Skisprung-Weltmeister Walter Steiner. Der «Vogelmensch» der 70er-Jahre.
Vor 27 Jahren wächst in der Region ein weiterer Jungadler heran. Ich solle den einmal besuchen, wird mir an der Redaktionssitzung aufgetragen.
Der Interviewtermin mit Simon Ammann findet 1998 in Wattwil statt. Dort, wo Simon, das mittlere von fünf Kindern einer Toggenburger Bauernfamilie, zu dieser Zeit die Kantonsschule besucht.
Ich habe dann in meiner Reportage festgehalten: «Im letzten Jahr ist er aus dem Nest gefallen und gleich geflogen. Plötzlich war er da, unvermittelt tauchte er in der Weltspitze auf. Die Schweiz hat einen neuen Adler. Ein Adler, der noch ein Spatz ist. 48 Kilogramm schwer und 1,65 Meter gross, das sind die Masse des 17-jährigen Kantonsschülers. Der kleine Junge mit dem unschuldigen Ministranten-Gesicht, ist das grösste Talent in der Schweizer Skisprungszene. Ohne Druck und völlig unbelastet ist er am letztjährigen Weihnachtsspringen durch die Luft und später via Vierschanzentournee bis nach Nagano gesegelt.»
Schon damals ist der quirlige Ammann mit seiner Brille auf der Nase mehr Harry Potter als Vogelmensch. Zu welch herausragender Figur des Schweizer Sports dieser analytische Tüftler wird, zeigt sich mit einiger Verzögerung. Sein Doppel-Olympiasieg in Salt Lake City ist ein Stück Sportgeschichte. Acht Jahre danach wiederholt er in Vancouver dieses Husarenstück.
Die Frage nach dem Antrieb
Und sorgt für Höhenflüge in einer goldenen Ära des Schweizer Sports. Eine Ära, die geprägt wird von drei Männern mit Jahrgang 1981. Roger Federer, Fabian Cancellara, Simon Ammann. Zwei sind längst zurückgetreten. Der 44-jährige Simi fliegt immer noch.
Was treibt ihn weiter an? Vielleicht hat er in der Luft seinen Frieden, seine Freiheit, seine Ruhe. Alle träumen von Höhenflügen, von der Freiheit über den Wolken, von der Leichtigkeit des Seins und der Schwerelosigkeit. Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit.
Simis Flügel sind mittlerweile etwas lahm geworden. Über seinen Rücktritt spekuliert man seit Jahren, viele raten ihm auch dazu. Als vierfacher Olympiasieger braucht er aber keine Ratschläge.
Er soll auch mit 44 Jahren weiterfliegen, solange er vom Schanzentisch wegkommt. In der Luft hört er die kritischen Stimmen nicht. Da pfeift nur der Wind.
Man soll sich im Alter nicht darüber ärgern, was nicht mehr geht. Sondern sich darüber freuen, was noch geht. Auch wenn es nur noch 50 Meter sind.
Müssten das Grounding akzeptieren
Schön wäre, wir würden Simon Ammann nochmals bei den Olympischen Spielen sehen. Vielleicht gibt es ein Märchen. Vielleicht schafft er die Qualifikation im letzten Moment. Und vielleicht schickt der Himmel dann eine Böe, die ihn ins Tal trägt.
Sonst müssen wir akzeptieren, dass 25 Jahre nach der Swissair auch die Simi-Air gegroundet wird. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine charismatische Figur im silbernen Mäntelchen.
Die Erinnerung an einen Bauernbub aus dem Toggenburg, der vom Spatz zum Adler geworden ist.