Rafael Nadal (39) sitzt in der Rod-Laver-Arena in der ersten Reihe. Der Spanier sieht aus nächster Nähe, wie ihm einer seiner Rekorde an diesem australischen Abend entgleitet, weil sein 17 Jahre jüngerer Landsmann Carlos Alcaraz einmal mehr einfach zu gut ist. Zu gut für den 38-jährigen Novak Djokovic, der zwar fulminant startet, dann aber den spektakulär aufspielenden Jungspund davonziehen lassen muss. Alcaraz ist der neue Melbourne-Champion und sichert sich seinen siebten Major-Triumph mit einem 2:6, 6:2, 6:3, 7:5-Sieg.
Der Mann aus El Palmar ist nun mit 22 Jahren der jüngste Spieler aller Zeiten, der alle vier Grand Slams gewonnen hat. Nadal, der die Bestmarke bis dato für sich reklamieren durfte, spendet warmen Applaus. Immer wieder huscht dem zurückgetretenen Altmeister, dem das Karriere-Grand-Slam-Kunststück mit 24 Jahren gelang, ein Lächeln über die Lippen. Zum Beispiel zu Beginn des dritten Satzes, als Djokovic einen sensationellen Ball ums Netz spielt, Alcaraz aber die passende Antwort parat hat und den Punkt für sich entscheidet.
Unglaubliche Djokovic-Serie gerissen
Die Weltnummer eins hat jedes andere Grand-Slam-Turnier schon zweimal gewonnen, nur in Australien tat er sich bislang immer schwer. Er kam nie über das Viertelfinale hinaus, auch wegen Djokovic, der ihn im Vorjahr dort eliminierte. Und genau danach sieht es zu Beginn des Endspiels in Melbourne erneut aus. Djokovic spielt fantastisch, unwiderstehlich. Doch er kann das ausserirdische Niveau nicht halten, während Alcaraz immer besser in die Partie findet und den 24-fachen Major-Sieger mit seiner Power und Leichtfüssigkeit phasenweise überfordert. Der Iberer nimmt Djokovic im Verlauf des Spiels die Hoffnung, an diesem Tag als ältester Grand-Slam-Gewinner in die Geschichte einzugehen. Djokovics 25. Titel auf allerhöchster Ebene, der ebenfalls alleiniger Rekord wäre, muss weiter warten.
Für den Serben reisst in der Millionenmetropole «Down Under» eine unglaubliche Serie. Er verliert nach 3:02 Stunden seinen ersten Final, nachdem er zuvor bei all seinen zehn Endspielen jeweils die Trophäe in die Höhe gestemmt hatte. Alcaraz entzaubert den Rekordmann – und sieht seinen Namen nun auf einer illustren Liste: Alle vier Grand Slams zu gewinnen, gelang auf Männer-Seite bislang nur acht weiteren Spielern: Fred Perry, Donald Budge, Rod Laver, Roy Emerson, Andre Agassi, Roger Federer, Nadal und Djokovic.
Djokovic sorgt für Lacher
Bei der Siegerehrung gibt Alcaraz übrigens den Applaus an Nadal zurück. Er – und auch Djokovic in seiner Rede – lassen Nadal auf der Tribüne noch einmal hochleben, beide sprechen von einer «grossen Ehre», vor den Augen der spanischen Legende zu spielen.
Alcaraz' erstes Wort für den Meilenstein, den er gerade erreicht hat, ist: «Wow!» Derweil bezeichnet ihn Djokovic als «legendär», um gleich noch den Scherz nachzulegen: «Du bist noch so jung. Du hast noch so viel Zeit. Genau wie ich. Ich bin sicher, dass wir uns in den nächsten zehn Jahren noch viele Male begegnen werden.» Als er wenig später etwas ernster wird, meint Djokovic jedoch: «Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nicht gedacht, dass ich nochmals bei einer Siegerzeremonie eines Grand-Slams-Turniers dabei sein werde.» Er wisse nicht, was morgen, in sechs Monaten oder in einem Jahr passieren werde. Der Titel-Hunger in ihm scheint aber noch lange nicht gestillt. Und jener von Alcaraz sowieso nicht.
