Es waren unterhaltsame Schlagabtausche, die sich Jannik Sinner (24) und ServusTV-Moderatorin Barbara Schett (49), früher selbst Top-Spielerin, lieferten. Schauplatz war das ATP-500-Turnier in Wien vor knapp vier Wochen. Der Südtiroler, dessen Muttersprache Deutsch ist, gab die Interviews beim österreichischen Sender jeweils in seinem (urchigen) Dialekt. Allein dies wäre schon Grund genug gewesen, einzuschalten. Einmal verriet Sinner auf Schetts Nachfrage, weshalb seine Mutter «nie» in seiner Box Platz nehme: «Sie versteckt sich immer ein bisschen – auch wegen der Nerven. Sie ist in dieser Hinsicht nicht so gut wie ich.»
Sinner sagte es im Scherz. Und doch sprach er damit seine wohl allergrösste Stärke an: Der Mann aus dem Pustertal ist ein «Mentalitätsmonster», wie er medial gerne bezeichnet wird. Das gilt auch für die ATP-Finals in Turin, die er nun zum zweiten Mal hintereinander gewinnt. Sinner bewahrt im engen Endspiel gegen die wiederum neue Weltnummer eins Carlos Alcaraz (22) kühlen Kopf und siegt 7:6 (7:4), 7:5.
Versöhnung mit den Italo-Fans
Sinners mentale Stärke hat ein Stück weit mit seinem Naturell zu tun und dem Eindruck, dass er sich kaum einmal aus der Ruhe bringen lässt. Aber vor allem damit, dass er bislang den grössten Stürmen trotzte, als wären sie nur laue Lüftchen. Der Tornado, der wegen des Doping-Verdachts um ihn tobte, hatte null Einfluss auf seinen Erfolg. Sinner gewann trotzdem. Und meist gerade dann, wenn die Kritik am lautesten war. Als er kürzlich die Teilnahme an den Davis-Cup-Finals im eigenen Land absagte, reagierten selbst die italienischen Medien empört. Doch Sinner blieb cool, gewann erst Wien, dann Paris – und jetzt auch noch die ATP-Finals. Also notabene vor dem eigenen Anhang, der gerade noch sauer auf ihn war.
Nun, jene Enttäuschung scheint in der Heimat mittlerweile verdrängt, so frenetisch wie er in Turin angefeuert wird. Sinner lässt sich tragen vom Publikum, kämpft sich im zweiten Satz nach 1:3-Rückstand zum Sieg. Wobei: Die Direktduell-Statistik gegen Alcaraz hätte das «Mentalitätsmonster» bestimmt auch dann auf 6:10 verkürzt, wenn die Arena ihn gnadenlos ausgepfiffen hätte.