Zwei Kreuzband-Operationen in vier Tagen
Das Drama um Ski-Ass Marco Kohler

Eine knappe Autostunde von Franjo von Allmens Wohnort entfernt begegnen wir einem Skirennfahrer, der in den letzten Wochen keinen Grund zum Jubeln hatte. Sein Name: Marco Kohler.
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Der Berner Oberländer Abfahrts- und Super-G-Spezialist Marco Kohler war in Kitzbühel auf dem Weg zu einer Topklassierung.
Foto: AP
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Marcel W. PerrenSki-Reporter

Bin ich überhaupt für diesen Sport gemacht? Diese Frage hat sich Marco Kohler in den letzten Wochen immer wieder gestellt. Die Zweifel des Berner Oberländers sind aufgrund seiner Verletzungsakte nachvollziehbar. Im Januar 2020 hat der Sohn eines Garagiers aus Meiringen als Vorfahrer am Lauberhorn einen Totalschaden im linken Knie erlitten. Ein Arzt prophezeite Kohler damals, dass er nie mehr Leistungssport betreiben können.

Doch dank dem ausgefeilten Rehatraining mit seinem Kraft- und Kondi-Coach Roland Fuchs kam Marco Odermatts Jugendfreund relativ schnell wieder auf die Beine. Im Dezember 2023 klassierte sich «Köhli» in Gröden erstmals in den Top Ten eines Weltcuprennens, ehe er im Januar 2024 erneut am Lauberhorn in Form eines Kreuzbandrisses den nächsten schmerzlichen Tiefschlag einstecken musste.

Die schmerzliche Wahrheit

Im laufenden Weltcupwinter kam der 28-jährige Speed-Spezialist immer besser in Schuss – 11. in Gröden (Abfahrt) und in Livigno (Super-G), 13. bei der Lauberhornabfahrt. Damit war das Olympiaticket für den Stöckli-Piloten zum Greifen nahe, zumal er bei der Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel auf dem Weg zu einer Top-Ten-Rangierung war. Beim Sprung über die Hausbergkante wurde für Kohler die siebtbeste Zwischenzeit gestoppt. Doch dann fuhr der Haslitaler an einem Tor vorbei. Dass er sich bei dieser Aktion wehgetan hatte, wurde für die Zuschauer ersichtlich, als sich Kohler im Ziel mit schmerzverzerrtem Gesicht ans rechte Knie griff.

Am selben Abend machte ein MRI deutlich, dass das Kreuzband kaputt ist. «Bei meinen ersten schweren Knieverletzungen haben mich die Diagnosen nicht überrascht, weil ich in beiden Fällen heftig abgeflogen bin. Aber diesmal habe ich mir das Kreuzband gerissen, ohne zu stürzen. Und deshalb habe ich mir mehrmals die Frage gestellt, ob mein Körper tatsächlich für diesen Sport geschaffen ist», erzählt Kohler.

Unerwarteter Befund

Nach diesem Drama in Kitzbühel wurde ein Kreuzbandriss von Kohler kommuniziert. In Wahrheit wurde aber vier Tage nach dem rechten Knie auch das linke Knie operiert. Marco lüftet im Gespräch mit Blick ein Geheimnis mit Sprengstoff: «Eine Untersuchung nach dem ersten Abfahrtstraining in Kitzbühel hat gezeigt, dass auch mein Kreuzband am linken Knie kaputt war. Der Arzt ist sich sicher, dass dieses Band schon vor Jahren gerissen ist.»

Niemals hatte Kohler mit einem solchen Befund gerechnet: «Das Verrückte daran ist, dass mein Knie bis zu diesem Tag nie instabil gewesen ist. Ich bin ja im Winter zuvor in Bormio unter schwierigsten Bedingungen in der Abfahrt Neunter geworden. Deshalb weiss ich nicht, ob ich das linke Knie operiert hätte, wenn ich mir nicht das rechte Kreuzband gerissen hätte.»

Beim Schwingerkönig einquartiert

Knapp vier Wochen nach der letzten OP geht es Kohler nun besser, als viele erwartet haben. Zur Erinnerung: Sein Teamkollege Josua Mettler war im letzten Winter während mehrerer Wochen auf den Rollstuhl angewiesen, nachdem er sich in Bormio beide Kreuzbänder gerissen hatte. «Das war bei mir zum Glück nie der Fall. Und jetzt kann ich schon wieder beide Beine belasten. Die Krücken benötige ich nur noch als Absicherung, damit ich nicht irgendwo blöd ausrutsche.»

Kohler, der im letzten Sommer seinen Hauptwohnsitz von Meiringen nach Beckenried verlegt hat, ist derzeit unweit von Interlaken in der Wohnung von Schwingerkönig Matthias Glarner einquartiert. Glarner ist der Geschäftspartner von Kohlers Athletiktrainer Roland Fuchs. «Normalerweise setze ich die Trainingspläne von Roli in Nidwalden um. Aber jetzt habe ich mich kurzfristig ins Berner Oberland zurückgezogen, weil ich im Trainingszentrum von Roli und Mätthel alles bekomme, was ich für eine erfolgreiche Reha benötige.»

«Das hätte mir zu sehr wehgetan»

Kohler absolviert bereits wieder leichte Einheiten auf dem Fahrradergometer und hält an der Kraftmaschine den Oberkörper fit. Er macht aber klar, «dass es diesmal etwas länger gehen wird, bis ich das Vertrauen in meinen Körper wieder aufgebaut habe. Weil ich mich in einer Situation verletzt habe, in der ein Kreuzband normalerweise ganz bleibt.» Aber natürlich setzt der jüngste Einschnitt Kohler mental auch deshalb besonders zu, «weil ich kurz davor war, mich im Weltcup richtig zu etablieren. Doch nach dieser Verletzung werde ich am Ende der Saison nicht in den Top 30 der Weltrangliste sein.»

Kohler gibt auch zu, «dass ich mir die Männer-Skirennen bei den Olympischen Spielen nicht anschauen konnte. Es hätte mir zu sehr wehgetan, ein Rennen, das ich so gerne selber bestritten hätte, im Fernsehen zu sehen.»

Marco Kohler steckt den Kopf nicht in den Sand. Er macht bereits neue Pläne, verbunden mit grossen Träumen. Spätestens bei den Olympischen Spielen in vier Jahren will er dann richtig zuschlagen und nachholen, was er gerade verpasst hat.

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