Darum gehts
- Franjo von Allmen in Kvitfjell Zweiter hinter Dominik Paris bei Abfahrt
- Paris gewinnt 25. Weltcup und bleibt trotz Kritik kompromisslos
- Von Allmen holte 15 Podestplätze in zwei Jahren
Rund 24 Stunden vor dem Start zur finalen Abfahrt in diesem Weltcup-Winter ist Franjo von Allmen in Kvitfjell der Verzweiflung nahe. «Der Schnee ist schmierig und sulzig – ich fühle mich bei diesen frühlingshaften Bedingungen überhaupt nicht wohl», stöhnt der Olympiasieger und Weltmeister nach dem 21. Rang im Abschlusstraining.
Doch am Morgen danach versprüht der Berner Oberländer bei der Streckenbesichtigung wieder Zuversicht. Grund: Die Temperaturen sind in über Nacht etwas gesunken. «Mein Herz blüht richtiggehend auf, weil ich sehe, dass die Piste wesentlich kompakter ist als in den Trainings». Bevor sich der gelernte Zimmermann mit der Nummer 14 aus dem Starthaus hinauskatapultiert, nimmt er eine besondere Reaktion eines Betreuers von Dominik Paris wahr. «Nachdem dieser ‹Yes› gerufen hat, bin ich davon ausgegangen, dass dem Domme eine richtig gute Fahrt gelungen ist. Somit war mir auch klar, dass auf dieser Piste auch mit meiner Nummer noch eine richtig schnelle Fahrt möglich ist.»
15 Weltcup-Podestplätze in zwei Jahren
Von Allmen gelingt tatsächlich eine sehr gute Fahrt. Für den sechsten Weltcupsieg reicht es aber nicht ganz. Der Head-Pilot ist knapp zwei Zehntel langsamer als Italiens Speed-Dinosaurier Paris (36) und wird in der Endabrechnung Zweiter. Damit kann der 24-jährige Shooting-Star aber sehr gut leben. «Nach den Schwierigkeiten im Training bedeutet mir dieser Podestplatz sehr viel». Es ist zum 15. Mal, dass FvA von einem Weltcup-Podium grüsst, während der zwölf Jahre ältere Paris seinen 25. Weltcupsieg feiert. «Ich mag ihm diesen Erfolg von Herzen gönnen», betont von Allmen und ergänzt, «dass der Domme eine richtig coole Socke ist. Er bringt mit seiner Art viel Positives in den Abfahrts-Zirkus rein. Er sagt dir aber auch fadengerade ins Gesicht, wenn du ein Arschloch bist. Ich mag seine geradlinige Art sehr.»
Der Kompromisslose
Paris schmunzelt, als er auf von Allmens Worte angesprochen wird. «Ich versuche grundsätzlich, mit allen gut auszukommen. Aber wenn mir jemand auf den Sack geht, dann sage ich das halt auch.»
Dass der aus dem Südtiroler Ultental stammende 100-Kilo-Koloss in nahezu jeder Lebenslage kompromisslos sein Ding durchzieht, hat sich auch im letzten September in Chile gezeigt. Der Grossteil der italienischen Abfahrtsmannschaft ist nach dem tödlichen Unfall von Matteo Franzoso vorzeitig aus Südamerika abgereist. Aber Paris hat auf der Todespiste in La Parva weiter trainiert. «Das Drama um Matteo ist auch mir sehr nahegegangen. Trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, dass diese Piste plötzlich viel zu gefährlich sein soll. Fakt ist: Auf dieser Piste in La Parva wird seit ungefähr 40 Jahren Abfahrt trainiert und bis in diesem Herbst ist hier nie etwas Schlimmes passiert. Und ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass an der Stelle, wo Matteo gestürzt ist, etwas derart Schreckliches geschehen könnte.»
Gleichzeitig erinnert der zweifache Familienvater daran, «dass bereits Menschen zu Hause beim Treppensteigen tödlich verunglückt sind. Und es kommt immer wieder vor, dass Bauarbeiter nach einem Sturz vom Gerüst sterben. Aber deshalb wird nicht die ganze Baubranche infrage gestellt.»
Paris wird es in der Heimat von Odermatt und von Allmen krachen lassen
Auch in der Musik mag es Paris knallhart. Er ist Sänger der Metal Band «Rise of Voltage» und dröhnt sich vor dem Rennstart am liebsten mit dem Sound der US-Band «Pantera» zu. Auch in diesem Bereich versteht sich Paris sehr gut mit Franjo von Allmen, der sich regelmässig mit den heftigen Klängen der kalifornischen Metal-Band «System of a Down» auf eine Abfahrt einstimmt. «Ich glaube aber, dass mein Musikgeschmack breiter ist als der vom Domme. Im Gegensatz zu ihm, höre ich neben dem knallharten Metal zur Abwechslung auch mal ein Song von ABBA», erzählt von Allmen.
Aber was hält von Allmen von den musikalischen Darbietungen von Paris? «Ich finde es geil, wenn Domme in sein Mikrofon reinbrüllt. Im kommenden August wird er mit seiner Band unweit von meinem Wohnort in Boltigen am Open Air in Mannried aufspielen. Ich freue mich riesig darauf.» Am Tag nach dem Open Air in Mannried wird Paris mit seiner Kapelle in der Heimat von Marco Odermatt auf der Konzertbühne der «Teffli-Ralley» in Ennetmoos stehen.
«Die Musik von Domme ist zwar nicht meine Welt, aber zu ihm passt dieser Sound perfekt», sagt Odermatt, der nach der Kvitfjell-Abfahrt die kleine Kristallkugel in Empfang nehmen durfte. Ob Paris im nächsten WM-Winter noch einmal am Abfahrtstart stehen wird, ist derzeit unsicher. «Ich werde mir in den nächsten Monaten darüber Gedanken machen, ob ich als Rennfahrer weiter mache oder nicht.» Sicher ist, dass Paris am Sonntag in Kvitfjell im Super-G richtig Gas geben wird.