Darum gehts
Es gibt nicht viele Skirennfahrer, die in den letzten fünf Jahren so viel Dreck fressen mussten wie der Bündner Sandro Simonet (30). Obwohl der 1,93 Meter-Mann im Januar 2021 beim Weltcupslalom in Chamonix (Fr) hinter Henrik Kristoffersen und Ramon Zenhäusern auf den dritten Rang kurvte, kam er bei der anschliessenden WM in Cortina (It) nicht zum Einsatz.
13 Monate danach wurde der Sohn eines pensionierten Bus-Chauffeurs aus Tiefencastel GR durch einen Kreuzbandriss zurückgeworfen. Weil der Slalomspezialist ab diesem Zeitpunkt im Weltcup nie mehr den Sprung in die Top zehn geschafft hatte, wurde er im April 2024 aus dem Swiss-Ski-Kader gestrichen. Für Simonet war aber schnell klar, dass er auf eigene Rechnung weiterfahren will. Und Sponsoren signalisierten dem älteren Bruder von Riesenslalomspezialist Livio Simonet (27) sofort, dass sie ihn weiterhin unterstützen werden.
Enttäuscht wurde Sandro dagegen von seinem langjährigen Ausrüster. «Rossignol hat mir klargemacht, dass ich ihre Ski nur dann fahren dürfe, wenn ich sie kaufen würde. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Und mir war klar, dass ich mir das nicht leisten kann.»
Neuer Schub dank ehemaligem Vizeweltmeister
Simonets Glück war auch, dass sich kurz darauf Italiens ehemaliger Weltklassetechniker Manfred Mölgg (43) bei ihm meldete. Der Slalomvizeweltmeister von 2007 bekleidet seit dem Ende seiner Skikarriere 2022 die Rolle des Rennchefs bei Nordica. Mölgg und sein Bruder Michael (Chefentwickler bei Nordica) luden Simonet zu Testfahrten ein. «Ich habe mich mit dem neuen Material schnell wohlgefühlt», gibt der 30-Jährige zu Protokoll.
Im Gegensatz zu den Kaderathleten muss Simonet seine Ski aber selber präparieren. «Diese Arbeit gefällt mir eigentlich ganz gut. Wenn ich allein im Skiraum stehe, kann ich mich meistens entspannen. Anstrengend wird es nur dann, wenn ich zwei Rennen in zwei Tagen bestreiten muss. Wenn ich nach dem ersten Wettkampf ziemlich spät ins Hotel zurückkehre, ist es schon ein wenig mühsam, wenn ich danach noch die Ski für den nächsten Tag präparieren muss.»
Parallele zu Nino Niederreiter
Sehr intensiv waren für Simonet auch die beiden letzten Sommer. Weil eine Slalomsaison inklusive Trainings- und Reisespesen rund 60’000 Franken kostet, war er auf den Nebenverdienst in einer Sägerei unweit von Savognin GR angewiesen. «Ich arbeitete dort von morgens um sechs bis am Mittag. An den Nachmittagen absolvierte ich mein Kraft- und Konditionstraining.»
Diese schweisstreibenden Einheiten absolviert Simonet seit 2019 mit dem renommierten Bündner Athletikcoach Michi Bont, welcher im Kraft- und Ausdauerbereich auch den NHL-Star Nino Niederreiter (33) betreut. «Michi ist mein wichtigster Mentor, ich bespreche alles mit ihm», hält Sandro, der 2025 seine grosse Liebe Simona geheiratet hat, fest. «Michi hat mir auch den passenden Mentaltrainer und Ernährungsberater vermittelt.»
Die nächste Chance wartet bereits
Dass Simonet die richtigen Leute an seiner Seite hat, belegen nicht zuletzt seine Europacupergebnisse. In Obereggen (It) glänzte er mit dem zweiten Rang hinter Norwegens Toptalent Hans Grahl-Madsen, in Levi (Fi) verpasste er als Fünfter das Podest um knapp drei Zehntel. Und deshalb wird der Mann ohne Kaderstatus von Swiss-Ski-Chefcoach Tom Stauffer auch wieder für den Weltcup aufgeboten. Nach der verpassten Finalqualifikation in Alta Badia (It) erhält Simonet am kommenden Mittwoch in Madonna di Campiglio (It) die nächste Chance.
Manfred Mölgg glaubt daran, dass «sein» Schweizer diese Möglichkeit nutzen wird. «Sandro ist ein sehr guter Skifahrer. Und weil die Piste in Madonna dank den eisigen Temperaturen in den letzten Tagen sehr gut präpariert werden konnte, dürfte er auch mit einer hohen Nummer gute Bedingungen vorfinden.»