Ski-Held Martin Julen wird bald 98
Erster Chuenisbärgli-Sieger will nicht 100 Jahre alt werden

Das allererste Chuenisbärgli-Rennen wurde von Martin Julen gewonnen. Die Söhne des Wallisers haben sich Jahrzehnte später ebenfalls grosse Namen gemacht. Julen wird am 31. März 98 Jahre alt.
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Marcel W. PerrenReporter Sport

In der 71-jährigen Geschichte der internationalen Skirennen in Adelboden gibt es zwei Familien, bei denen Vater und Sohn den Sprung auf das Chuenisbärgli-Podest geschafft haben. Der Vorarlberger Hubert Strolz hat im Weltcup zwar nie triumphiert, dafür stand der Kombi-Olympiasieger von 1988 beim Riesen-Klassiker im Berner Oberland zwischen 1984 und 1987 viermal auf dem «Stockerl» (zweimal Zweiter, zweimal Dritter).

Sein Sohn Johannes feierte 2022 vor seiner Olympiagala in Peking (Kombi-Gold, Slalom-Silber) im Adelboden-Slalom seinen bislang einzigen Weltcupsieg. Zu den grossen Gegenspielern von Strolz Senior gehörte Max Julen (64). Der Riesenslalomspezialist aus Zermatt VS wurde 1984 in Sarajevo mit seinem Bruder Franz als Servicemann in eindrücklicher Manier Olympiasieger.

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Im Januar 1955 hat Martin Julen beim ersten internationalen Rennen in Adelboden triumphiert.
Foto: ATP/RDB

Im Winter zuvor belegte er in Adelboden hinter seinem Walliser Kumpel Pirmin Zurbriggen und vor dem Freiburger Jacques Lüthy den zweiten Schlussrang. Julens Papa Martin hat auf derselben Piste sechs Jahre vor der Geburt seines Goldjungen eine ganz besondere Premiere gefeiert – er siegte 1955 im ersten FIS-Wettkampf am Chuenisbärgli. Im Slalom verwies der Bauernsohn aus dem Matterhorn-Dorf den Franzosen Adrien Duvillard und den Neuenburger Weltmeister Georges Schneider auf die Ehrenplätze.

Der Partymuffel

Während Schneider mit lediglich 38 Jahren bei einem Jagdunfall ums Leben kam und Duvillard im Alter von 82 verstarb, fährt Martin Julen auch zweieinhalb Monate vor seinem 98. Geburtstag mit dem Velo durch seine Heimatgemeinde. «Ich fühle mich mittlerweile auf dem Velo sehr viel sicherer, als wenn ich zu Fuss in den Dorfladen oder zur Kirche laufe», erklärt das Urgestein.

Die Erinnerungen an seinen geschichtsträchtigen Erfolg in Adelboden sind etwas verblasst. «Ich kann mich an den Rennverlauf nicht mehr genau erinnern. Aber ich glaube, dass ich bereits nach dem ersten Lauf geführt habe und dass mir dieser Sieg besonders viel bedeutet hat, weil es mein erster bei einem internationalen Wettkampf war. Am folgenden Wochenende habe ich dann auch den Slalom in Wengen für mich entschieden, im selben Winter gewann ich zudem ein Rennen im amerikanischen Sun Valley.»

Richtig gefeiert habe er seine grossen Siege nie. «Ich war nie der grosse Partytyp, sondern eher introvertiert. Ich habe mich innerlich über meinen Sieg in Adelboden gefreut und bin dann ganz nüchtern zu den Rennen am Lauberhorn gereist.»

«Meillard wird dasselbe schaffen wie ich»

Am kommenden Wochenende wird unser ältester Skiheld in seiner guten Stube im Martinihof gemeinsam mit seiner 92-jährigen Frau Trudi vor dem Fernseher sitzen, wenn in Adelboden um den Riesenslalom- und Slalomsieg gefightet wird. Julen: «Ich verfolge den Skirennsport zwar nicht mehr so intensiv wie noch vor drei Jahren, die technischen Rennen schaue ich mir jedoch meistens an.» Allerdings nicht in voller Länge. «Zu Beginn des zweiten Durchgangs schlafe ich meistens ein. Meine Frau weiss aber, dass sie mich wecken muss, bevor die zehn Schnellsten vom ersten Lauf ins Rennen gehen.»

Obwohl Loïc Meillard am Mittwochabend beim Slalom in Madonna di Campiglio nicht über den elften Rang hinauskam, erwartet der Altmeister aus dem Oberwallis vom Slalomweltmeister aus dem Unterwallis im Berner Oberland besonders viel: «Die Technik von Loïc ist absolut genial. Und deshalb glaube ich, dass er wie ich 1955 den Slalom in Adelboden und Wengen gewinnen wird!»

Der schwarze Fleck

Wenn Martin Julen an Adelboden denkt, wird ihm nicht nur aufgrund der sportlichen Erinnerungen warm ums Herz. «Adelboden hat in unserer Familie auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil mein Sohn Max hier zweimal aufs Podest fuhr und an dem Ort auch seine Frau Karin kennengelernt hat.»

Karin und Max Julen haben Martin eine Enkelin und zwei Enkelsöhne geschenkt. In diesem Zusammenhang steht das dunkelste Kapitel im Leben des Grandseigneurs des Schweizer Skisports: Sein Enkel Marc ist mit 23 Jahren an den Folgen einer Herzkrankheit gestorben. «Meine Frau und ich haben den Krankheitsprozess von Marc sehr eng begleitet, das hat uns grosse Schmerzen zugefügt. Aber der Glaube an Gott hat uns geholfen, diese Schmerzen zu ertragen.»

Keine Lust auf den 100. Geburtstag

Richtig viel Lebensfreude legt der strenggläubige Katholik aber nicht mehr an den Tag. «Beklagen will ich mich nicht, schliesslich bin ich bisher von schweren Erkrankungen verschont geblieben. Und ich höre fast nichts mehr und ich bin seit zwei Jahren nie mehr Ski gefahren. Im letzten Sommer habe ich erstmals seit Jahrzehnten kein einziges Mal Golf gespielt. Die Beine, mein Körper werden schnell müde. Ich schlafe jeden Tag zwischen 13 und 15 Stunden. Ich spüre mein Alter mit jedem Tag mehr.»

Franz Julen, der sich nach seiner Zeit als Servicemann zu einem begnadeten Manager von Pirmin Zurbriggen und Vreni Schneider entwickelte, möchte seinem Papa ein besonderes Geschenk zum 100. Geburtstag machen. Als OK-Präsident setzt Franz derzeit alles daran, dass die renovierte Abfahrt am Gornergrat im März 2028 erstmals im Weltcupkalender fungieren wird.

Doch Martin Julen macht nicht den Eindruck, dass er 100 Jahre alt werden möchte: «Mein ganzer Stolz ist nicht der Skisport, sondern die Familie. Meine Aufgabe ist erledigt. Ich bin bereit für den Gang in die Ewigkeit, zurück zum lieben Gott.»

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