Sie holte vor 70 Jahren Gold
Schweizer Olympiasiegerin verkaufte für einen Töff ihre Schafe

Vor 70 Jahren fuhr Madeleine Chamot-Berthod in Cortina zu olympischem Gold. Am 1. Februar wird die Abfahrtslegende aus der Waadt 95 Jahre alt. Die Spiele 2026 verfolgt sie heute in ihrer Wohnung in Penthalaz VD.
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Madeleine Chamot-Berthod gewann 1956 in Cortina Olympia-Gold in der Abfahrt. Sie wird am Sonntag 95 Jahre alt.
Foto: Keystone

Darum gehts

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Mathias GermannReporter Sport

In wenigen Tagen gehen sie los. Die 25. Olympischen Winterspiele. 16 Sportarten, 116 Entscheidungen, 3500 Sportler, 90 Nationen. Viele Blicke werden nach Cortina (It) gerichtet sein. Am Fuss der Dolomiten finden die Skirennen der Frauen statt. Dazu Bob, Rodeln, Skeleton und Curling. Gut möglich, dass Madeleine Chamot-Berthod dann vor dem TV mitfiebern wird. Chamot-Berthod? In der Deutschschweiz sagt dieser Name nicht jedem Ski-Fan etwas. Aber: Sie holte 1956, als Olympia letztmals in Cortina gastierte, eine von drei Schweizer Goldmedaillen. Damals noch unter dem Namen Madeleine Berthod. Am 1. Februar gewann sie die Abfahrt. Heute, ebenfalls am 1. Februar, feiert sie ihren 95. Geburtstag.

Als wir in ihrer hellen Wohnung in Penthalaz VD ankommen, sitzt Madeleine Chamot-Berthod vor einer Snooker-Übertragung auf Eurosport. Ihre Tochter Françoise, die uns begleitet und ihre Tierarztpraxis im Erdgeschoss betreibt, amüsiert sich darüber: «Sie verfolgt alle Sportarten, sie liebt es.» Das Gespräch dreht sich schnell um Ski. Und um ihren grossen Tag in Cortina vor 70 Jahren. 

Um sich daran zu erinnern, holt Chamot-Berthod Alben voller Artikel hervor. Meine Güte, waren die Zeitungen damals gross und breit! Auf einer der Seiten sind Dutzende Telegramme aufgeklebt, deren Sätze die Begeisterung über den Sieg von «Madelon» aus Château-d’Oex VD zum Ausdruck bringen. 

Lederhelm und Stöcke mit Rundscheiben

Was ihren Charakter angeht, hat sich nichts geändert. Chamot-Berthod ist nach wie vor eine Frau ohne Schnickschnack. Blicken wir zurück. Von Cortina 1956 erinnert sie sich, «wie eng die Abfahrt vor dem Ziel war». Die italienischen Soldaten hatten zwar viel Arbeit in die Vorbereitung der Piste gesteckt, aber von Pistenraupen konnte keine Rede sein.

Es gab Buckel, die Bäume standen ganz nah. Was die Ausrüstung angeht, so vertraute sie ihren 205 Zentimeter langen Authier-Ski. Auf dem Kopf trug sie einen Lederhelm und hielt Stöcke mit Rundscheiben in den Händen. Viel später hatten sich Kinder in einer Skilift-Schlange darüber lustig gemacht. Sie hatte geantwortet: «Meine Stöcke sind vielleicht nicht schön, aber sie haben Gold gewonnen!»

Sie hütete als Kind 20 Kühe auf der Alp

Die Fotos in den Artikeln erinnern an ihre Jugend auf dem Bauernhof der Familie Moulins mit ihren Geschwistern, darunter eine Zwillingsschwester. «Ich half meinem Vater auf dem Land. Einen Teil des Vormittags kümmerten wir uns um das Vieh. Am Nachmittag wurde Heu gemacht. Aber wir waren jung und nie müde.»

Im Sommer stieg sie zur Alphütte La Lécherette hinauf, um dort etwa zwanzig Kühe zu hüten. Nicht ganz allein: Sie hatte ihr Akkordeon dabei. Wenn Besorgungen zu erledigen waren, machten sich die Zwillinge mit Rucksäcken auf den Weg nach Les Moulins. Eine Stunde bergab, eine Stunde bergauf.

Als Kind profitierte Chamot-Berthod von einem der ersten Skilifte des Kantons. «Das war noch vor den Tellerliften. Man hakte einen Gurt ein, liess sich hochziehen und liess ihn oben.» Sie ging auch mit den Ski zur Schule. «Das hat mir bei meinen Leistungen geholfen.»

Mit 120 km/h auf dem Töff

Chamot-Berthod nahm an drei Olympischen Spielen teil: 1952 in Oslo (No), 1956 in Cortina und 1960 in Squaw Valley (USA). Aber es war ihr Sieg in Italien mit mehr als vier Sekunden Vorsprung, der sie berühmt machte. Bei ihrer Rückkehr wurde sie daheim wie eine Königin gefeiert, mit einer Parade auf einem von Pferden gezogenen Wagen. Die Kinder hatten an diesem Nachmittag schulfrei.

Ihre Stärke waren die Abfahrt und der Riesenslalom. Slalom mochte sie nie besonders. Geschwindigkeit war etwas anderes. Sie war eine der ersten Frauen in der Gegend, die ein Motorrad besass. «Ich konnte es mir kaufen, indem ich Schafe verkaufte. Ob ich Geschwindigkeit mochte? Ein Motorrad ist zum Fahren da!» Sie gab zu, dass sie den Töff zum Training für die Spiele genutzt hatte: «Ich fuhr jeden Tag die Serpentinen hinauf, die zu unserem Dorf führten. Ich brachte meine Maschine auf 120 km/h. So gelang es mir, meine Angst zu überwinden.» 

«Ich war nie krank»

Zum letzten Mal stand Chamot-Berthod vor zehn Jahren auf den Ski. «Ich vermisse es ein wenig, aber ich hatte Angst, dass meine Beine es nicht mehr aushalten würden.» Ihre Tochter fügt hinzu: «Selbst mit 80 Jahren hat sie nicht viele Kurven gefahren.»

Heute geht Chamot-Berthod jeden Nachmittag spazieren, empfängt zweimal pro Woche einen Physiotherapeuten und ist «bei schönem Wetter immer draussen», sagt ihre Tochter. «Ich habe Glück, ich war nie krank», sagt sie. 

Ihre drei Kinder – der Ehemann verstarb 2009 – wohnen nicht weit entfernt und essen regelmässig mit ihr. Und Cortina 2026? Chamot-Berthod wird die Spiele genau verfolgen. Sie mag die Eröffnungszeremonien und hofft auf zahlreiche Schweizer auf dem Podium. Sie verrät: «Ich stehe immer auf, wenn die Nationalhymne erklingt.»

Marc David (Text) und Blaise Kormann (Fotos)

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