Die Erfolgsgeschichte von Karl Frehsner (86) beginnt mit einem Krach mit dem späteren Bundesrat Adolf Ogi im Frühling 1977. «Der Dölf war damals Direktor vom Ski-Verband, ich war Trainer im Europacup», erinnert sich der gebürtige Österreicher und erklärt, warum es bei der Saisonauswertungssitzung geknallt hat: «Es wurde darauf hingewiesen, dass die Schweizer Slalomfahrer seit bald zehn Jahren kein Weltcuprennen gewonnen haben. Ich habe daraufhin gesagt, dass diese traurige Bilanz auf die Faulheit der Athleten zurückzuführen wäre. Diese Aussage hat den Dölf extrem wütend gemacht.»
In seiner Wut setzt Ogi den bisherigen Slalom-Chef ab und installiert den Eiger-Nordwand-Bezwinger Frehsner als neuen «Zick-Zack»-Boss. «Wenn du ja alles besser weisst, kannst du jetzt beweisen, dass unser Slalom-Problem tatsächlich auf Faulheit basiert», faucht Ogi. Diese Worte treiben den «eisernen Karl» zusätzlich an, Frehsner heizt seinen Slalom-Männern in der Saison-Vorbereitung richtig ein.
Beim ersten Rennen der Weltcup-Saison 1978/79 traut Direktor Ogi seinen Augen kaum – der Walliser Martial Donnet und der Thurgauer Peter Lüscher realisieren beim Slalom in Madonna di Campiglio einen Schweizer Doppelsieg. «Zu Ogis Pech hat Lüscher im selben Winter in Garmisch für einen weiteren Schweizer Slalomsieg gesorgt. Am Ende der Saison triumphierte Lüscher als erster Schweizer im Gesamtweltcup», erzählt Altmeister Frehsner mit einem spitzbübischen Grinsen.
«Adelboden hatte damals keinen grossen Stellenwert»
Nach seiner überragenden Aufbauarbeit der Slalom-Equipe feiert Frehsner grosse Erfolge mit den Abfahrern um Peter Müller, ehe er 1984 als erster Ausländer zum Schweizer Herren-Cheftrainer ernannt wird. In dieser Phase erlebt der zweifache Familienvater den grossen Widerstand gegen den Weltcup in Adelboden. «Dieses Rennen hatte in den 80er-Jahren keinen grossen Stellenwert», hält der gelernte Ski-Wagner fest.
«Weil der Riesenslalom am Chuenisbärgli am Montag oder Dienstag nach den Lauberhornrennen angesetzt war, wurde die Startnummernauslosung damals noch in Wengen durchgeführt. Und weil es am Chuenisbärgli oft zu wenig Schnee gegeben hat, und das Rennen immer wieder auf die Tschentenalp verlegt werden musste, plädierten einige dafür, dass Adelboden aus dem Weltcupkalender gestrichen wird, selbst unser damaliger Verbandspräsident hätte dieses Rennen geopfert.»
Letztendlich sei es der Berner FIS-Präsident Marc Hodler gewesen, der den Weltcup am Chuenisbärgli gerettet habe. «Hodler hat allen klar gemacht, dass Adelboden mit diesem spektakulären Hang im Weltcup-Kalender bleiben muss.»
«Die anderen Trainer dachten, dass ich komplett spinne!»
Im Januar 1983 hatten die Skigenossen diesen selektiven Riesen-Hang besonders gut im Griff: Pirmin Zurbriggen, Max Julen und Jacques Lüthy fuhren den bis heute einzigen Schweizer Dreifachsieg in Adelboden ein. Mit jedem aus diesem glorreichen Trio verknüpft Frehsner aussergewöhnliche Erinnerungen.
Legendär ist der Hintergrund zu Julens Sternstunde beim Olympia-Riesenslalom 1984. «Der Riesenslalomhang in Sarajevo hat einen besonders tückischen Übergang beinhaltet, von dem Julen genauere Informationen haben wollte. Max hatte die Startnummer 12, aber damals hat es im Startbereich noch kein TV-Gerät gegeben, wo man sich die Fahrten der Konkurrenten mit den vorderen Nummern anschauen konnte. Der einzige Fernseher war im Jury-Raum».
Genau dort positionierte sich Frehsner dann im ersten Durchgang auch, damit er Julen die gewünschten Informationen an den Start funken konnte. «Die anderen Trainer haben geglaubt, dass ich komplett spinnen würde, als ich meinen Posten auf der Piste vor diesem so wichtigen Rennen in Richtung Jury-Raum verlassen habe.» Doch der Schachzug ging voll auf, der Zermatter Julen gewann vor Lokalmatador Jure Franko Gold. «Ob mein Besuch im Juryraum tatsächlich den Ausschlag für diesen Olympiasieg gegeben hat, weiss ich nicht. Aber es ist sicher so, dass ein Athlet motivierter zu Werke geht, wenn er spürt, dass sein Trainer alles für ihn tut.»
Das Drama um den Olympiahelden von Lake Placid
Legendär ist auch Frehsners Aktion beim Olympia-Slalom 1980. «Wegen mir hat der zweite Lauf eine Stunde später angefangen», verrät das vielleicht grösste Trainer-Schlitzohr in der Ski-Geschichte. Grund für die Verspätung war die Tatsache, dass der Österreicher Hans Enn und der Fribourger Jacques Lüthy nach dem ersten Lauf zeitgleich den fünften Platz belegten. «Damals war noch nicht reglementiert, wer von den beiden Zeitgleichen zuerst in den zweiten Lauf startet. Ich wollte, dass Enn zuerst startet, um vor der Fahrt von Lüthy ein paar Erkenntnisse zu gewinnen. Nach einer langen Diskussion mit der Rennleitung um den St. Moritzer Reto Melcher konnte ich mich schliesslich durchsetzen.»
Das Endergebnis: Jacques Lüthy gewinnt hinter Schweden-Legende Ingemar Stenmark und dem Amerikaner Phil Mahre Bronze und beschert damit dem Schweizer Alpin-Team die einzige Medaille bei diesen Spielen.
Vor fünf Jahren erkrankte Lüthy mit 61 Jahren an Demenz. Frehsner begegnete seinem leidgeprüften Olympia- und Adelboden-Helden zuletzt vor gut einem Jahr. «Da war Jacques gar nicht gut beieinander. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er mich überhaupt erkannt hat.»
«Sie fehlt mir brutal»
In den letzten Jahren war Frehsner täglich mit dieser Krankheit konfrontiert – bei seiner Frau Rosemarie wurde Demenz diagnostiziert. Das ist auch der Hauptgrund, warum der geniale Stratege und Tüftler im letzten Juli einen Monat nach seinem 86. Geburtstag seine Tätigkeit bei Swiss Ski als Chefentwickler der Rennanzüge beendet hat. «Ich wollte mehr Zeit für meine Frau haben, ich war praktisch jeden Tag bei ihr im Heim.»
Am 4. Oktober fuhr Frehsner mit den beiden Söhnen zu seiner Rosemarie. «Wir waren bis um 17 Uhr bei ihr. Ein paar Stunden später haben wir die Nachricht erhalten, dass sie gestorben ist. Ich hätte nie gedacht, dass alles so schnell gehen würde.» In dieser traurigen Situation zeigt sich, dass der «eiserne Karl» in Wahrheit ein sehr herzlicher, gefühlvoller Mensch ist. «Für Rosemarie war der Tod eine Erlösung, aber mir fehlt sie ganz brutal. Wir waren 61 Jahre und vier Tage verheiratet. Sie hat alles gesteuert. Rosemarie war nicht nur meine Ehefrau, sie war auch meine Managerin, sie hat mich vor vielen Blödheiten bewahrt.»
Von seiner Rosemarie hat Karl auch gelernt, wie man in subtiler Manier gute Arbeitsverträge aushandelt. «Wenn mich die Chefs bei den Anstellungsgesprächen gefragt haben, was ich mir für ein Gehalt vorstelle, habe ich immer dieselbe Gegenfrage gestellt: Wie viel bin ich euch wert? Auf diese Weise habe ich oft den besseren Lohn erhalten, als ich mir vorgestellt habe.»
«Die Rennfahrer sollen ‹d'Schnurre hebe›»
Im Ski-Zirkus würde es kaum jemanden wundern, wenn Frehsner noch einmal einen Vertrag als Berater aushandeln würde. Schliesslich gibt es im Alpin-Bereich nur wenige, die ein so grosses Know-how haben, wie der Oberösterreicher, der seit 1968 in Dietikon ZH residiert. Eines stört den Altmeister an der neuen Rennfahrer-Generation ganz gewaltig. «Einige Athleten reden in viel zu viele Dinge rein. Ich hätte es als Cheftrainer niemals toleriert, wenn sich meine Burschen öffentlich über Entscheidungen des FIS-Rennleiters beschwert hätten.»
Frehsner wird zum Abschluss noch einmal richtig konkret: «Der Job eines Athleten ist es, vom Start bis ins Ziel Vollgas zu geben. Bei der Ausarbeitung der Regeln sollen sie die ‹Schnurre hebe›, dafür sind die Gremien über ihnen zuständig.»