Marco Odermatt blickt auf Olympia und seine Medaillen zurück
«Ich bin mit 98 oder 99 Prozent gefahren»

Marco Odermatt schreibt Schweizer Sportgeschichte – und wird trotzdem zur «tragischen Figur» erklärt. Ein Gespräch über Erwartungen, Erschöpfung, verpasste Goldträume, und weshalb er sich selbst nichts vorzuwerfen hat.
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Yara Vettiger (Text) und Pascal Mora (Fotos)
Schweizer Illustrierte

Endlich keine Mikrofone mehr. Und keine Kameras. Darauf freute sich Marco Odermatt (28) am Ende seines Olympia-Einsatzes am meisten. Am Morgen nach dem Riesenslalom gings für ihn zurück nach Buochs NW. Ein wenig müde, aber gut gelaunt erschien der Ausnahmesportler in der Hotellobby. Er nahm sich vor der Rückkehr noch ein letztes Mal Zeit, Rede und Antwort zu stehen – und sprach ehrlich wie selten über turbulente, emotionale und doch wahnsinnig erfolgreiche Olympische Spiele.

Odermatt reiste mit drei Medaillen im Gepäck heim. Damit hat er diesen Winter – mal wieder – einen neuen Rekord aufgestellt. Er ist der erste Schweizer, der insgesamt vier olympische Medaillen gewonnen hat!

«Das Licht ist hier grad so gut, lasst mich ein Selfie machen!», ruft Odermatt den Fotografen zu und strahlt mit seinen drei Medaillen.

Und trotzdem wurde der Teamleader von verschiedenen Medien zerrissen: Die Resultate seien eine Enttäuschung, er sei die tragische Figur dieser Spiele. Der Skicrack kann darüber nur den Kopf schütteln. Und lachen. «Wer mit drei Medaillen nach Hause fährt und nicht zufrieden ist, hat ein Problem.»

Er habe in den Olympia-Wochen selbst nichts gelesen. Was man über ihn schreibt, quittiert er mit Nachsicht: «Irgendwie habe ich immer für alles Verständnis. Es ist ja auch meiner Position als bester Skifahrer der Welt geschuldet. Dann haben alle das Gefühl, Gold ist das Einzige, was zählt.» Natürlich sei Gold das Ziel gewesen.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Aber trotzdem sei er sehr zufrieden mit seiner Leistung. «Ich bin in vier Rennen viermal in die Top 4 gefahren und habe meine Konstanz zeigen können. Darauf bin ich stolz.»

Ob er aber seine drei Medaillen für Abfahrtsgold eintauschen würde? Kurz zögert er. Und sagt dann: «Nein, ich glaube nicht. Drei Medaillen an Olympischen Spielen sind schon sehr gross. Vielleicht wenn ich die goldene von Peking nicht hätte, würde man es sich überlegen, um sagen zu können, dass man Olympiasieger sei. Aber das bin ich ja schon. Ich habe jetzt eine schöne Kollektion.»

Die Familie fiebert mit! Freundin Stella (2. v. l.), Mutter Priska und Vater Walti Odermatt waren immer dabei.
Foto: PASCAL MORA

Sind Sie mit 100 Prozent gefahren an diesen Spielen?
Marco Odermatt: Nein, mit 98 oder 99 Prozent. Das ist auch dem Rennkalender geschuldet. Ich weiss, ich sage das jedes Jahr, aber dieser Winter war der härteste bis jetzt.

Waren die Olympischen Spiele für Sie nicht das Allerwichtigste?
Es gibt sicher viele Sportler, die sagen würden, es ist das Wichtigste. Aber für mich ist der Weltcup genauso wichtig. Ich habe auch dort meine Ziele. Und ich war nicht bereit, da irgendwo Abstriche zu machen.

Dafür haben Sie das beim Feiern gemacht.
Es klingt blöd, aber ich habe dieses Jahr wirklich so wenig gefestet wie nie! (Lacht) Wegen des strengen Programms habe ich versucht, meine Energie zu bündeln, und nicht schon in Adelboden oder Wengen Party gemacht. Es war irgendwie schwer, Erfolge zu haben, aber sie nicht richtig auszuleben. Das hat das Ganze anders gemacht diesen Winter.

Was ist Ihre Konsequenz daraus?
Dieses harte Programm werde ich in den nächsten Jahren sicher nicht mehr so machen. Wahrscheinlich werde ich weniger Riesenslaloms fahren.

Jetzt gönnt sich Odermatt erst mal eine Auszeit. Die nächsten Rennen warten bereits Ende Februar in Garmisch-Partenkirchen – eine Abfahrt und ein Super-G. Was er jetzt erst mal tun wird? «Zeugs erledigen, das erledigt werden muss. Dann erholen, fein essen und einfach mal nichts müssen.» Denn der berühmteste Skifahrer der Schweiz kann sich vor Fans, Anfragen, Selfie-Bitten kaum retten. Von jedem Balkon in Bormio wird «Odi, Odi!» gebrüllt. Teamkumpane Alexis Monney (26) der leider leer ausging, verglich Odis Berühmtheit mit der von Roger Federer. Und dass er nicht mit ihm tauschen möchte.

Würden Sie gern tauschen?
Marco Odermatt: Es gibt schon Momente, wo man das gern würde, aber das gehört einfach dazu. Ich wäre ja auch nicht bereit, die vielen schönen Erlebnisse oder Erfolge einzutauschen. Aber jetzt ist ja Franjo zum Glück da! (Lacht.)

Apropos Franjo von Allmen: Ist es für ihn einfacher, weil es seine ersten Olympischen Spiele sind?
Ja, ich sehe mich oft in ihm, wie ich vor drei, vier Jahren war. Er hat genau diese Unbekümmertheit, wo du nichts musst, aber alles kannst. Wo alles noch ein wenig mehr Spass macht, alles ist noch frischer, interessanter, neuer.

Wünschen Sie sich dieses Gefühl zurück, wenn Sie Franjo sehen?
Nein, nicht unbedingt. Ich würde nichts von meiner Karriere hergeben oder eintauschen wollen. Es gehört zum Prozess, vom jungen Lausbuben zum professionellen Spitzensportler zu werden. Vor einigen Jahren war noch jeder Spruch von mir lustig, aber irgendwann kann man diese nicht mehr bringen.

Schon zum zweiten Mal zusammen auf dem Podest: Nach der Teamkombi gibts im Riesen Silber für Odermatt und Bronze für Loïc Meillard.
Foto: PASCAL MORA

In Peking vor vier Jahren wurde Odermatt Olympiasieger im Riesenslalom. Im Gegensatz dazu kannte der Schweizer Bormio und die Stelvio bereits sehr gut vom Weltcup. Und trotzdem kritisiert er den dezentralen Austragungsort: «Mit Olympischen Spielen hatte das hier wenig zu tun. Der olympische Spirit ist bei niemandem von uns Athleten angekommen.»

In China herrschte zwar vor vier Jahren immer noch das Corona-Chaos. Aber: «China war speziell und irgendwie komisch. Aber wenn ich in 20 Jahren auf Olympische Spiele zurückschauen werde, werde ich ganz klar eher Peking in Erinnerung haben.»

Und dann gibt es ja noch ein nächstes Mal, 2030 finden die Spiele in den französischen Alpen statt. Wenn alles gut geht, sagt er, werde er ziemlich sicher noch einmal in mindestens einer Disziplin am Start stehen. Er ist einer, der schon alles abgehakt hat – und trotzdem noch nicht fertig ist.

Vielleicht, weil ihn genau das ausmacht: Dass er Rekorde sammelt, ohne sich darin zu verlieren. Dass er Gold will, aber nicht verbittert ist, wenn es Silber oder Bronze wird. Und dass hinter dem laut gerufenen «Odi, Odi!» noch immer der Junge aus Buochs steckt, der einfach Ski fahren möchte.

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