Kontroverse am Lauberhorn
Legenden schiessen gegen Super-G – Stars verteidigen Rennen

Bernhard Russi und Hermann Maier finden, das Gelände in Wengen sei für einen Super-G ungeeignet. Bruno Kernen hofft, dass stattdessen eine Sprint-Abfahrt mit zwei Läufen gefahren wird.
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Bernhard Russi ist kein Fan von Super-Gs am Lauberhorn.
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

  • Bernhard Russi kritisiert den Super-G in Wengen als «schlechten Kompromiss»
  • Rennfahrer wie Marco Schwarz und Christof Innerhofer befürworten das Rennen
  • Sprint-Abfahrt könnte Alternativformat sein, aber Logistik in Wengen problematisch
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Marcel W. PerrenSki-Reporter

Es gibt im Alpin-Zirkus kaum jemanden, der die Lauberhornabfahrt nicht als eine grossartige Veranstaltung taxiert. Anders sehen die Meinungen aus, wenn es um den Super-G an gleicher Stelle geht.

Mehrere Experten gehen so weit, den Super-G in Wengen gar als «unnötig» zu bezeichnen. Olympiasieger und Blick-Experte Bernhard Russi (77) gehört zu den schärfsten Kritikern des Super-Giant (zu deutsch: Super-Riesenslalom) am Lauberhorn. «Ich könnte verstehen, dass man in Wengen den Super-G als Notlösung ins Programm nehmen würde, wenn an einem andern Weltcuport ein Rennen ausgefallen ist. Aber das man hier diese Sparte fix ins Programm aufnimmt, ist in meinen Augen ein schlechter Kompromiss.»

Das Lauberhorn habe «nicht den Charakter eines typischen Super-G-Geländes», kommentiert der Abfahrtsweltmeister von 1972, der nach seiner Rennfahrer-Karriere zahlreiche Pisten gebaut hat.

Österreichs Superstar Hermann Maier (53) pflichtet Russi bei: «Im Super-G von Wengen kann man kaum einen Unterschied zur Abfahrt erkennen. Es gibt in dieser schmalen, schlauchartigen Streckenführung gar keine Möglichkeit, um einen abwechslungsreichen Super-G zu setzen.» Der Kurssetzer müsste die Tore in den Wald hinein setzen können, damit sich der Parcours wirklich von der Abfahrt abheben würde, so Maier.

Weltmeister von 2011 und von Allmen halten dagegen

Doch wie denken die aktuellen Rennfahrer darüber? Hermann Maiers Landsmann Marco Schwarz (30), der in der Altjahrswoche beim Super-G in Livigno triumphierte, entpuppt sich als Befürworter dieses Rennens: «Bis zur Fahrt durch den Tunnel ist dieser Super-G nahezu identisch mit der Abfahrt. Und auch danach gibt es nicht so viele Möglichkeiten, etwas komplett anderes zu setzen. Ich finde diesen Super-G dennoch supercool.»

Der Südtiorler Christof Innerhofer (41) hat 2011 WM-Gold im Super-G gewonnen, zwei Jahre später hat er die Lauberhorn-Abfahrt für sich entschieden. Auch er spricht sich für den Super-G am Fusse der Jungfrau aus. «Ich finde es wichtig, dass im Weltcup-Kalender die Mischung zwischen technisch anspruchsvollen und schnellen Rennen stimmt. In Beaver Creek und auch in Kitzbühel haben wir Super-Gs für die starken Techniker, in Gröden und Wengen gibt es die richtig schnellen Super-Gs für die Abfahrer.»

Und Vorjahressieger Franjo von Allmen (24) sagt, «dass ich mit diesem Super-G aufgrund des Erfolgs im letzten Jahr natürlich besonders schöne Erinnerungen verknüpfe. Und Passagen wie das Brüggli-S machen diesen Super-G zu etwas ganz Speziellem.»

Kommt es zum grossen Comeback einer alten Disziplin?

Bernhard Russi lässt sich in dieser Angelegenheit nicht umstimmen: «Es gäbe für mich auf dieser Piste viel geeignetere Formate, zum Beispiel die Sprint-Abfahrt.»

Vom Comeback der Sprint-Abfahrt in zwei Läufen träumt auch Bruno Kernen. «Zu meiner Aktivzeit hatten wir oft am Freitag in Kitzbühel eine Sprint-Abfahrt. Ich habe als Rennfahrer dieses Format geliebt. Die Zuschauer wurden viel länger unterhalten als bei einer normalen Abfahrt, die meistens nach der Startnummer 15 entschieden ist.» Weil eine Sprint-Abfahrt wie im Riesen und im Slalom im zweiten Durchgang entschieden wird, bleibt es meistens bis zum letzten Fahrer spannend.

Auch Swiss-Ski-Cheftrainer Tom Stauffer plädiert dafür, dass wieder Sprint-Abfahrten in den Weltcup-Kalender aufgenommen werden. «Die Piste im schwedischen Are würde sich besonders gut dafür eignen.»

Es droht ein logistisches Problem

Aber würde sich auch das Lauberhorn für eine Sprint-Abfahrt eignen? Wohl eher nicht, weil eine Fahrt vom Start bei der Minschkante bis ins Ziel nicht wie bei den Sprints in Kitzbühel 58 Sekunden, sondern gut eineinhalb Minuten dauern würde. Doch das ist für Tom Stauffer nicht das grosse Problem: «Im Reglement ist die Maximallänge für eine Abfahrt in zwei Läufen nicht vorgeschrieben. Aber in Wengen hätten wir wahrscheinlich ein logistisches Problem, weil die Athleten nach dem ersten Abfahrtslauf ja wieder alle mit dem Zug zum Start des zweiten Durchgangs hinauf müssten.»

Das aber dauert eine ganze Weile. «Da bin ich mir nicht sicher, ob der letzte Fahrer vor der Dämmerung im Ziel wäre», meint Stauffer. Es spricht darum vieles dafür, dass der Super-G von Wengen noch länger im Weltcup-Kalender fungieren wird. Das dürfte auch im Sinn von Marco Odermatt (28) sein, der sich bereits im Sommer 2022 im Dialog mit Hermann Maier für diesen Super-G stark gemacht hatte.

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