Darum gehts
- Wendy Holdener (32) strebt weitere Medaillen bei Olympia 2026 in Cortina an
- Sie gewann bislang 5 Olympia- und 9 WM-Medaillen
- Holdener erinnert sich an Highlights ihrer drei bisherigen Winterspiele
Wendy Holdener (32) ist eine Frau für Grossanlässe. Auch diesmal? Fünf Olympia- und neun WM-Medaillen. Das ist ihre Ausbeute. «Ich hätte gerne noch mehr», sagt sie schmunzelnd. Mindestens zweimal geht Holdener noch auf Beutezug. In Cortina (It) und bei der Heim-WM 2027 in Crans-Montana VS. «Dann schauen wir weiter.» Sie wäre dann knapp 34 Jahre alt. Das muss nicht das Ende sein, oder? Lindsey Vonn ist 41 und fährt mit einer Teilprothese. «Ich ziehe vor ihr den Hut. Ob ich das auch schaffen würde, weiss ich nicht. Im Slalom ist die Spritzigkeit wichtiger als in der Abfahrt – sie nimmt im Alter ab.»
Das ist Zukunftsmusik. Die Gegenwart heisst Cortina (It). Holdeners Winter war turbulent. Sie stürzte, war krank, konnte ihr Potenzial nicht immer abrufen, liess sich nicht hängen und schaffte es aufs Podest. Der erhoffte Sieg kam nicht. Noch nicht? Nun wäre der richtige Moment dafür. «Das Potenzial, das in mir steckt, treibt mich an. Ich bin immer noch motiviert – egal ob im Training, im Weltcup oder bei Olympia.» Auf die Frage, ob man ihre beste Version schon einmal gesehen hat, antwortet sie: «Immer wieder mal. Ich hoffe, dass sie noch oft zum Vorschein kommt.»
Die Familie ist für Holdener eine wichtige Kraftquelle. «Sie bedeuten mir enorm viel. Egal wo ich bin und ob sie da sind oder nicht – ich trage sie im Herzen», sagt sie. Ihr Bruder Kevin (†34) ist nicht mehr da – geht aber nicht vergessen. Vor der Mission Cortina erinnert sich Holdener an ihre drei Olympischen Winterspiele und verrät, was ihr neben den sportlichen Leistungen besonders hängen geblieben ist.
Sotschi 2014, vom Flughafen an die Sprungschanze
Holdener: «Ich war 20 Jahre alt. Technik-Trainer Alois Prenn holte mich am Flughafen ab und wir fuhren direkt zur Skisprungschanze. Er wusste, dass ich immer wieder mal in Einsiedeln mit Simon Ammann Kondi trainiert hatte. Dass ich ihn nun sehen durfte, war eine tolle Überraschung. Für mich war Sotschi nicht einfach. Meine ersten Winterspiele, ich war ziemlich überfordert und machte mir Sorgen um belanglose Dinge. Ich habe mir zum Beispiel überlegt, ob mir die Schuhe, mit denen wir im Fall der Fälle bei der Podest-Zeremonie auflaufen würden, gefallen oder eben nicht.
«Da war ich sehr naiv. Wenn man eine Olympia-Medaille holt, ist dies das Geilste überhaupt – wen kümmern da schon Schuhe? Sotschi waren keine einfachen Spiele, aber ich habe sehr viel gelernt. Danach wusste ich, dass ich Olympia viel mehr geniessen soll.»
Das Resultat: Ausfall im Riesenslalom, Ausfall im Slalom.
Pyeongchang 2018, mit Cologna in der Business Class
Holdener: «Meine Südkorea-Erfahrung begann schon 2015. Kevin studierte damals in Seoul. Ich war im Sommer zwei Wochen bei ihm, ganz alleine. Ich wollte das Land kennenlernen. Denn ich wusste: Als Sportlerin habe ich dafür während der Winterspiele gar keine Zeit. Ich wollte dann nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Das klappte super. Drei Jahre später war bis auf meinen Vater meine ganze Familie dabei. Das gab mir Kraft. Sehr gut erinnere ich mich an den Slalom. Nach dem ersten Lauf hatte ich zwei Zehntel Vorsprung auf Frida Hansdotter – sie war und ist eine Freundin. Vor dem zweiten Durchgang redete ich mir ein, dass sie extrem nervös sein müsste, weil sie angekündigt hatte, letztmals an Olympia anzutreten. Doch sie gewann und ich holte Silber.»
«Nach der Rangverkündigung am Abend sagte mir Frida: ‹Hey Wendy, du hast so schlecht ausgesehen vor dem zweiten Lauf. Du hast mir richtig leid getan!› Zufrieden war ich dennoch. Ein letztes Highlight war, dass ich mit Dario Cologna, der zweimal Gold im Langlauf geholt hatte, heimfliegen konnte – Business Class. So schön bin ich nie zuvor geflogen.»
Das Resultat: Gold im Team-Parallel, Silber im Slalom, Bronze in der Kombination, Platz 9 im Riesenslalom.
Peking 2022, die Pin-Sammlung wächst
Holdener: «Die Corona-Spiele. Mein zweiter Bruder, Steve, lebte damals in Hongkong. Er hatte bis zum Schluss gehofft, dabei sein zu können. Leider war Publikum nicht erlaubt. Immerhin schaffte es das Wendy-Transparent meines Fanclubs nach China – SRF hatte es mitgenommen. Das war sehr cool. Ich erinnere mich, wie die Schweizer Bobfahrer unsere Rennen schauten und jubelten. Eine coole Sache.»
«Was mir auch geblieben ist, sind die Minions. Die vielen in weissen Ganzkörper-Schutzanzügen gekleideten Chinesen erinnerten mich an sie. Ich habe auch viele Pins getauscht, eine beliebte Tradition unter Olympioniken. Von Sotschi habe ich keine, aber viele aus Pyeongchang und Peking – sicher 30. Ich werde auch in Cortina weitermachen, auch wenn dort nicht so viele Athleten anderer Sportarten stationiert sind.»
Das Resultat: Silber in der Kombination, Bronze im Slalom, Platz 6 im Team Parallel und Platz 9 im Riesenslalom.
Wie gehts weiter?
Sind vier Olympische Winterspiele genug? Holdener weiss nicht, ob sie in vier Jahren noch dabei sein wird. «Irgendwann ist es an der Zeit, um anderes zu tun», sagt sie. Skifahren will sie auch ohne Leistungssport noch lange. «Nach dem Rücktritt muss ich schauen, dass ich fit bleibe, um ähnlich coole Schwünge wie jetzt fahren zu können.»
