«Ich traue es mich fast nicht zu sagen, aber ...»
Das unerwartete Geständnis von Ex-Lauberhornsieger Bruno Kernen

Bruno Kernen hat in seiner Abfahrts-Laufbahn zwei WM-Medaillen, olympisches Edelmetall und drei Weltcuprennen gewonnen. Als TV-Konsument ist ihm aber eine andere Disziplin viel lieber als die Abfahrt.
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Marcel W. PerrenSki-Reporter

Obwohl Bruno Kernen seine Rennfahrer-Karriere vor bald 19 Jahren beendet hat, ist sein Name am Lauberhorn allgegenwärtig. Weil das Brüggli-S im Sommer 2007 in Kernen S umbenannt wurde, erinnern die TV-Kommentatoren nahezu bei jeder Fahrt an den Abfahrtsweltmeister von 1997. Dass der damalige OK-Präsident Viktor Gertsch dem Metzgersohn aus Reutigen auf der längsten Abfahrt der Welt ein derartiges Denkmal gesetzt hat, basiert darauf, dass Kernen in dieser S-Kurve kurz vor seiner WM-Goldfahrt ganz übel gestürzt ist.

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2003 hat der Weltmeister von 1997 in Wengen seinen wichtigsten Weltcupsieg bejubelt.
Foto: SOL

Zudem legte der gelernte Tiefbauzeichner 2003 im «Brüggli» mit seiner feinen Technik die Basis für den bislang letzten Sieg eines Berner Oberländers bei der Lauberhornabfahrt. «Ich bin mir aber sicher, dass ich ab kommendem Samstag nicht mehr der letzte Berner Oberländer Sieger bei der Lauberhornabfahrt sein werde», hält der mittlerweile 53-Jährige fest. «Im Vorjahr hat Franjo von Allmen den Super-G vor Marco Odermatt gewonnen, in der Abfahrt triumphierte Odermatt vor von Allmen. In diesem Jahr wette ich darauf, dass Franjo die Abfahrt für sich entscheidet und Odermatt den Super-G gewinnt.»

Deshalb wettet Kernen auf von Allmen

Von Allmen stammt wie Kernens Mutter Vreni aus Boltigen. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum der Altmeister einen besonderen Bezug zu Franjo von Allmen hat. «Ich kenne Christine und Beat Gerber aus Därstetten sehr gut, die Franjo bereits in seiner Jugendzeit unterstützt haben. Deshalb habe ich auch einmal den Mitgliederbeitrag von seinem Fanklub bezahlt. Franjo ist ein supercooler Typ.»

Hat Kernen als Managing Director vom Skiwachs-Hersteller Toko aktuell auch einen Anteil daran, dass von Allmens Head-Ski besonders schnell sind? «Es trifft zu, dass wir auch das Wachs von Toko verwenden», bestätigt Head-Rennchef Rainer Salzgeber. Aber natürlich setzt Kernen nicht nur wegen des Skiwachses auf den Lauberhornabfahrtsieg von Franjo von Allmen. «In Wengen gibt es einige Gleitabschnitte, die mit der Saslong in Gröden vergleichbar sind, wo von Allmen in diesem Winter nicht zu schlagen war. Gleichzeitig ist Franjo auch in den technisch anspruchsvollen Passagen sehr schnell.»

«Wenn ich Franzose wäre, würde ich überhaupt keine Abfahrt anschauen»

Aber bei aller Sympathie und Bewunderung für den amtierenden Abfahrtsweltmeister spricht Kernen unerwartete Worte aus: «Als ehemaliger Abfahrtsweltmeister traue ich mich das fast nicht zu sagen, aber im TV schaue ich mir mittlerweile viel lieber einen Slalom oder einen Riesen als eine Abfahrt an!»

Kernen schiebt die Begründung hinterher: «Es ist unbestritten, dass die spektakulärsten Bilder in der Abfahrt mit weiten Sprüngen zu sehen sind. Aber: Die Dramaturgie ist in den technischen Disziplinen viel besser. Während die meisten Abfahrten nach der Startnummer 15 entschieden sind, ist ein Slalom wirklich bis zur letzten Sekunde total spannend, weil es einen zweiten Lauf gibt, in dem das Klassement noch einmal komplett auf den Kopf gestellt werden kann.»

Und noch etwas: «Während die Speed-Disziplinen ganz klar von den Schweizern, den Österreichern und noch ein wenig von den Südtirolern dominiert werden, hast du im Slalom ungefähr elf Nationen, die um den Sieg mitfahren. Das liegt daran, dass es in viel mehr Ländern Slalom- als Abfahrtspisten gibt. Wenn ich ein Franzose oder Deutscher wäre, würde ich überhaupt keine Abfahrten mehr anschauen.»

«Da ist der Kernen, die Pfeife»

Kernen hat in seiner Aktivzeit vor allem unter der Dominanz der Österreicher gelitten. «Es ist vorgekommen, dass ich in einem Rennen Top-Athleten wie den Franzosen Luc Alphand, den US-Amerikaner Daron Rahlves, die Norweger Lasse Kjus und Kjetil André Aamodt besiegt hatte. Dummerweise sind dann aber mit Maier, Eberharter, Knauss, Strobl, Walchhofer und Trinkl noch sechs Österreicher gekommen, die schneller waren.»

Und deshalb hat sich Kernen in der Phase zwischen seinem Weltmeistertitel und dem Lauberhorntriumph vor allem in Wengen viele schmerzliche Kommentare anhören müssen. «Nach einer Lauberhornabfahrt habe ich gehört, wie ein Vater zu seinem Sohn sagte: ‹Schau, da ist der Kernen, die Pfeife!› Entsprechend gross war meine Genugtuung, als ich ein paar Jahre später dieses Rennen doch noch gewinnen konnte.»

Der Tod eines guten Kumpels

Richtig traurig war Kernen am Dienstag, als er vom Tod des Snowboarders Ueli Kestenholz erfahren hat. «Ueli ist in der Region Thun aufgewachsen, ich habe lange am Thunersee gelebt. Als ich in Gunten gewohnt habe, hat mich Ueli an einem prächtigen Sommerabend besucht. Wir sind bis in die Morgenstunden auf der Terrasse zusammengesessen. Er war ein richtig guter, lustiger Kerl. Ich möchte seinen Angehörigen mein herzliches Beileid aussprechen.»

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