Ex-Ski-Star Schmidhofer blickt zurück
«Ich bin unglaublich froh, noch zwei Beine zu haben»

Sie wollte Masseurin werden, wurde Weltmeisterin, verlor fast ihr linkes Bein und fasste während einer Fahrt in Cortina den Entschluss: Ich höre für immer auf! Heute ist Nicole Schmidhofer (34, Ö) ORF-Kamerafahrerin.
Publiziert: 24.01.2024 um 11:36 Uhr
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Aktualisiert: 24.01.2024 um 11:45 Uhr
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Ins Schwitzen kommt Nicole Schmidhofer auch nach der Karriere noch. Warum?
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Mathias GermannReporter Sport

Blick: Nicole Schmidhofer, wie schnell sind Sie als Kamerafahrerin?
Nicole Schmidhofer: Acht bis zehn Sekunden langsamer als früher. Aber so genau will und brauch ich es ja nicht zu wissen. 

Warum?
Dieses Kapitel Spitzensport ist vorbei. Ich will gute Bilder liefern, die Strecke erklären – das ist meine Aufgabe, und diese macht mir extrem Spass.

Was ist anders?
Früher habe ich versucht, die Sprünge kurz zu halten. Jetzt muss ich am Sprung etwas wegziehen, also wegspringen, damit ich im Steilen lande. Ich fahre auch keine Kampflinie mehr. Würde ich dies tun, wäre die Kamera sofort futsch, weil ich früher oft mit dem Helm in die Tore geknallt bin.

Wie fit sind Sie heute im Vergleich zu vor 365 Tagen?
Bis September 2023 habe ich gar kein Kondi-Training gemacht. Danach habe ich den Job beim ORF bekommen – heute bin ich etwa bei 50 Prozent meines früheren Fitnesslevels. Aber Kniebeugen mit 80 Kilo kann ich immer machen, ich bin ein Krafttyp.

Wie war der erste Sommer nach dem Rücktritt?
Meine Freunde haben über zehn Jahre lang gefragt, ob ich dahin oder dorthin mitkommen wolle. Ich habe sie immer vertröstet und gesagt: «Ich komme mit, wenn ich nicht mehr Ski fahre.» Nun war es so weit. Ich war in Jordanien, Montenegro, zu Hause in der Steiermark auf den Bergen und auf verschiedenen Seen in Österreich. Herrlich.

Tönt nicht, als seien Sie in ein Loch gefallen.
Dafür hatte ich keine Zeit (schmunzelt). Wenn ich mal vier oder fünf Tage daheim bin, will ich schon wieder los. So ticke ich – es muss immer etwas gehen.

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Und wie wäre der Winter, wenn der ORF nicht angefragt hätte?
Auch lässig, ich hätte noch 100 Ideen gehabt. Aber der Podcast mit Conny Hütter («Wos dahinter steckt», Anm. d. Red.) wäre vielleicht etwas schwieriger zu machen, weil ich nicht viel dabei wäre.

Wir sind in Cortina. Wie fühlt es sich an, erstmals seit langem kein Rennen zu fahren.
Cortina ist für mich besonders. Hier habe ich vor einem Jahr während des Abfahrtstrainings gemerkt, dass ich zurücktreten möchte.

Tatsächlich?
Vor dem Start war mir klar, dass ich hier das Ruder rumreissen musste, um noch zur WM zu fahren. Das Wetter war schlecht, ich bin gestartet…

Und dann?
Beim zweiten Tor habe ich mir gedacht: Was mach ich hier überhaupt? Ist es das Risiko noch wert? Beim Tofana-Schuss und beim Tuch-Sprung nahm ich das Tempo raus. Mir wurde klar: Das wars!

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Weshalb haben Sie danach niemandem etwas gesagt?
Ich wollte vor der WM keine Unruhe ins Team bringen. Und die Leute, die es wussten, haben mir zugeredet: Ich solle es mir nochmals überlegen und die Saison unbedingt fertigfahren.

Auch eine emotionale Rückkehr erlebten Sie vor einigen Wochen in Val d’Isère. Wie war es, zum ersten Mal seit ihrem fürchterlichen Sturz 2020 die Piste herunterzufahren?
Richtig schwierig. Als ich zur Stelle kam, wo es passiert war, wechselten die Emotionen innerhalb von Minuten: Lachen, weinen, es ist mir egal, ich will nicht, ich freue mich. Ich hatte einen Druck auf der Brust und atmete flach – es war unkontrollierbar. Die ersten zwei Tage waren brutal, am Renntag hats dann Spass gemacht.

Böse Erinnerungen werden wach: Hier stürzt Schmidhofer in Val-d'Isère schwer(00:31)

War das wichtig für die Verarbeitung?
Es hat sich ein Kreis geschlossen. Ich war aber froh, dass ich keinen Rennanzug mehr getragen habe.

Sie haben damals die Plane mit den Ski durchgeschnitten und verschwanden dahinter. Man befürchtete das Schlimmste.
Der Oberkörper donnerte durchs Netz, die Beine blieben aber darin hängen. Meine Eltern standen daheim am TV unter Schock. Ich habe noch an der Unfallstelle meinen Trainer gebeten, meine Mama anzurufen und gesagt: «Mein Knie hat was. Aber mir geht es gut, ich melde mich später wieder.»

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Die Folgen waren fatal, es kam zu einem Verrenkungsbruch, dazu rissen alle Bänder.
Kein Wunder, mein linkes Bein wurde in die falsche Richtung gebogen und dazu noch verdreht. 

Drohte eine Amputation?
Ja. Heute bin ich unglaublich froh, noch zwei Beine zu haben.

Silvano Beltrametti war auf der gleichen Strecke 2001 gestürzt, er ist seither querschnittgelähmt.
Ich hatte das Glück, dass noch ein zusätzliches Netz da war.

Was haben Ihnen die Ärzte im Spital gesagt, nachdem Sie das Bein erstmals operiert hatten?
«Unser Ziel ist es, dass du wieder halbwegs normal laufen kannst.» Sie waren brutal ehrlich.

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Was haben Sie erwidert?
Ich habe mir gedacht: Es ist mir egal, was ihr sagt. Ihr werdet sehen, was noch möglich ist. Ich werde wieder Skifahren! Sie haben mich unglaublich unterstützt, es hat sich ein tolles Team gebildet von etwa acht Personen – alle haben sehr viel Herzblut und private Zeit für mich gegeben.

Es folgten drei weitere Operationen, sie blieben monatelang im Spital. Haben Sie noch Schmerzen?
Wenig. Ich muss aber immer etwas machen, Radfahren oder Krafttraining – sonst funktioniert das Knie nicht. Das wird auch immer so bleiben. Aber das ist schon in Ordnung. Dafür, dass mein Bein noch da ist, nehme ich das sehr gerne in Kauf.

Den grössten Erfolg haben Sie 2017 mit dem WM-Titel in St. Moritz gefeiert. Es gibt ein Bild, wie Lara Gut-Behrami Ihnen auf dem Podest die Tränen wegwischt…
Was viele nicht wissen, ist, warum ich damals geweint habe.

Jetzt können Sie es auflösen.
Meine Eltern waren nur selten bei meinen Rennen, weil sie eine Skihütte am Lachtal haben und im Winter viel um die Ohren haben. Damals hatte ich in St. Moritz aber ein Zimmer für sie gebucht. Es war eine Vorahnung: Ich wollte unbedingt, dass sie dabei sind. Als ich sie dann ganz hinten auf der Tribüne sah, brach alles aus mir heraus.

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Sie wollten ursprünglich gar nicht Skifahrerin werden, oder?
Ich wollte Masseurin sein – mir gefällt es, den Menschen zu helfen. 2012 habe ich mit der Ausbildung angefangen und sie dann unterbrochen. Im kommenden Sommer würde ich sie gerne abschliessen. Und dann lege ich vielleicht die Ausbildung zum Reha-Coach obendrauf – das würde eineinhalb Jahre dauern, plus Praktikum. 

Mit 18 Jahren wurden sie zweifache Junioren-Weltmeisterin. Fünf Jahre später flogen sie aus dem ÖSV-Kader.
Im ersten Moment dachte ich: Die ganze Welt ist gegen mich! 

Wie konnte es so weit kommen?
Ich hatte als Teenager viel Talent, war sehr schnell sehr gut. Doch der nächste Schritt passierte nicht. Einerseits, weil ich nicht die richtigen Trainer um mich herum hatte. Andererseits, weil ich im Kopf nicht reif genug war. Als ich mich dann noch verletzte, wurde alles zu viel – ich hatte keine gute Vorbereitung, weil mein Team in den USA war und ich zu Hause. Gefühlt war niemand für mich verantwortlich und kümmerte sich darum, ob und wann ich wieder auf Ski stehe.

Wie ging es weiter?
Ich versuchte, trotz wenig Training im Weltcup zu starten. Aber es war sinnlos – ohne gutes Speedtraining kann man im Weltcup nicht bestehen. Und so kam es, dass ich am Ende der Saison nicht in den Top 30 in der Rangliste war und in der Folge auch keinen Kaderstatus mehr beim ÖSV hatte.

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Wie gelang Ihnen der Turnaround?
Ich habe gesagt: «Das kann es nicht sein, ich zeige es euch!» Man hatte die Rebellin in mir geweckt (schmunzelt). 

Was passierte dann?
Ich war die meiste Zeit im Sommer auf mich gestellt. Privat, mit meiner Konditrainerin, haben wir alles auf mich ausgerichtet. Auch Schneetrainingskurse habe ich selber organisiert und bezahlt. Nach einem bestandenen Leistungstest im Herbst durfte ich mit der Europacup-Mannschaft trainieren. Da wurde ich gut integriert von den Trainern und bekam auch wieder Skiservice. Roland Assinger, der aktuelle Frauen-Cheftrainer, war damals Coach und hat mir viel geholfen. In derselben Saison habe ich mein erstes Weltcup-Podest geschafft und bin ohne Kaderstatus zur Heim-WM nach Schladming gefahren. Ich war im Super-G gesetzt und konnte in der Saison sogar einen Top 10 Platz in der Disziplinenwertung erreichen. Der Kaderstatus war damit auch wieder gegeben.

Social Media zeigt häufig eine heile Welt. Sie teilen auch schwierige Momente. Weshalb?
Gegenfrage: Wer zeigt schon gerne was Schlechtes? Fast alles ist immer schön, es gibt für Fotos tausend Filter. Aber das Leben ist nicht immer toll – ich finde es wichtig, dass vor allem die jungen Menschen das mitbekommen und verstehen.

Lara Gut-Behrami hat vor einigen Jahren Social Media ganz aufgegeben.
Das finde ich stark. Wenn sie nichts damit anfangen kann, warum sollte sie dann etwas posten? 

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Unter anderem, weil die Sponsoren dies in der Regel wünschen.
Klar. Aber es ist nicht für jeden Sponsor wichtig, und es lässt sich auch alles ausreden. Partner und Sponsoren wissen, was sie an einem haben – oder eben nicht.

2007 bei der Junioren-WM ging ihr Stern hoch – so wie auch jener von Gut-Behrami. Erinnern Sie sich?
Ich weiss noch, wie sie am Start in allen möglichen Sprachen redete: Da Englisch, dort Italienisch, mal Deutsch, dann Spanisch. Dazu hat sie bis wenige Sekunden vor dem Start gelacht! Es war der Wahnsinn – wir haben sie damals «Radio International» getauft.

Nervte das?
Wenn ich gleich hinter ihr im Starthaus stand, habe ich oft gedacht: «Halt doch die Pappn!» (schmunzelt). Aber Lara redete und lachte – sie war eine total Lustige.

Sie sprechen sehr offen über psychische Probleme. Braucht das Mut?
Sportler sagen oft, sie gehen zum Mentaltrainer. Das klingt cool und sportlich. Wenn ich aber sage, dass ich zum Psychologen gehe, werde ich sofort schräg angeschaut. Dabei ist für mich am Ende das Gleiche.

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Ob Mentaltrainer oder Psychologe: Sie haben sich komplett geöffnet und ihr Herz ausgeschüttet.
Das hat Mut gebraucht, mir aber viel gebracht. Ich ging eigentlich zur Sprechstunde, weil ich mich beim Skifahren weiterentwickeln wollte. So weit sind wir aber gar nicht gekommen, es ging nur um Privates. Statt einer Stunde war ich drei dort. Ich habe viel geweint und war mir nicht sicher, ob ich nochmals hingehen werde. Aber beim zweiten Mal war es um vieles leichter zu sprechen, und es hat mir viel gebracht.

2019 haben sie an der Speed-Ski-WM teilgenommen und den österreichischen Rekord auf 217,590 km/h verbessert. Wie kam es dazu?
Die 200 km/h-Marke reizte mich. Aber das Ganze hatte mit Skifahren nicht viel zu tun. Du steckst in einem Latex-Anzug, fährst im Steilhang nur in der Hocke geradeaus. Du hast einen Vollvisierhelm auf und siehst nur knapp 15 bis 20 cm über die Skispitzen hinaus. 

Brauchte das viel Mut?
Ja. Ich war happy, die 200 km/h geknackt zu haben. Nach der Fahrt mit 217,590 km/h war ich aber auch froh, das ganze heil überstanden zu haben.

Ihre Weltcup-Trainer hatten wohl keine Freude am Experiment. Was haben sie gesagt?
Dass ich spinne! (lacht). Auch meine Sponsoren waren dagegen. Aber ich habe geantwortet: «Ich habe gerade den Abfahrtsweltcup gewonnen, also werde ich wohl noch geradeaus fahren können.»

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Was ist anders mit 217 km/h als mit 130 km/h?
Jeder glaubt, dass es wegen des Fahrtwindes irrsinnig laut ist. Aber ab 200 km/h wird es wieder ruhig. Keine Ahnung, warum – ist einfach so.

Themawechsel. Sie spielen Schlagzeug im Musikverein Schönberg-Lachtal.
Wir haben eine 48-Mann-Kapelle, nach Ostern ist immer ein Konzert. In 24 Jahren habe ich nur zwei Konzerte versäumt.

Was gibt Ihnen die Musik?
Im Verein bin ich einfach nur die Nici. Das war schon während der Karriere so – es ist sehr schön. Die Musik ist wohl auch der Grund, warum ich immer noch zu Hause in Oberwölz wohne und nicht woanders.

Sind Sie eine Rampensau?
Ja, kann ich auch. Manchmal im Mittelpunkt zu stehen ist ganz ok. Immer möchte ich es aber nicht.

Was machen Sie in zehn Jahren?
Hoffentlich weiterhin fürs TV arbeiten – als Kamerafahrerin und vielleicht auch als Ski-Expertin.

Sie trauen sich Letzteres zu?
Auf jeden Fall, es würde mir, glaube ich, Spass machen. Dazu wäre ich gerne Masseurin und Reha-Trainerin. Das wäre eine schöne Abwechslung im Sommer und Winter. Aber ich bin auch jetzt schon ein sehr zufriedener Mensch.

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