Es ist eine überragende Serie! Seit 2015 hat bei jeder Ski-Junioren-WM mindestens ein vom Schweizer Europacup-Speedchef Franz Heinzer betreuter Athlet eine Medaille in der Abfahrt oder im Super-G gewonnen. Die berühmtesten Beispiele sind Marco Odermatt (Doppel-Gold 2018), Alexis Monney (Abfahrtsgold) und Franjo von Allmen (Doppel-Silber).
Letzte Woche hat der Schwyzer Sandro Manser im norwegischen Narvik wie im Vorjahr Silber im Super-G eingefahren. Hat der 20-Jährige auch das Potenzial, um demnächst bei den Grossen durchzustarten? Erfolgstrainer Heinzer, der 1991 in Saalbach Weltmeister in der Königsdisziplin wurde, macht deutlich, «dass Sandro grosse Fähigkeiten besitzt. In technischer Hinsicht hat er zwar noch Aufholbedarf. Aber weil er sehr akribisch und konsequent an sich arbeitet, traue ich Sandro sehr viel zu.»
Der nicht ganz legale Sieg
Manser, der in seiner Kindheit auch als Fussballer, Tennisspieler, Geräteturner und als Taekwondo-Kämpfer reüssierte, ist zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester an einem besonders schönen Flecken in Pfäffikon SZ aufgewachsen. In seinem Elternhaus geniesst er einen traumhaften Ausblick auf den Zürichsee. Am Küchentisch erzählt uns die jüngste Schweizer Abfahrtshoffnung, wie er zu Beginn seiner Rennfahrer-Karriere mit einer spitzbübischen Aktion grosse Verwirrung auslöste.
«Nachdem ich bei meinem ersten Start beim Migros Grand Prix in der Final-Qualifikation aufgrund eines Innenskifehlers ausgeschieden bin, sind wir in den Familienurlaub nach Obersaxen gefahren, wo zufälligerweise das nächste Qualirennen zum Migros-GP auf dem Programm stand.» Weil es gemäss Reglement des grössten Nachwuchsrennens der Schweiz strengstens verboten ist, dass ein Kind im selben Winter zweimal die Quali bestreitet, hat Sandro zusammen mit seinen Eltern getrickst.
«Weil Mama und Papa wussten, dass ich liebend gerne Rennen fahre, haben sie mich dennoch angemeldet. Ich bin unter dem Namen meines besten Pfäffiker Kollegen gestartet, der nie ein Skirennen bestritten hat. Zur grossen Überraschung habe ich diesen Vergleich gegen die starken Bündner gewonnen.» Was ist dann passiert? «Auf die Teilnahme im Final habe ich verzichtet. Aber in unserem Skiclub hat sich herumgesprochen, dass ein Bub aus Pfäffikon im Bündnerland die Migros-GP-Quali gewonnen hat, obwohl er nicht im Skiclub ist. Meine Mutter musste deshalb die Verantwortlichen aufklären, dass ich hinter dem Namen des Siegers steckte.»
Weltcup-Fixplatz ist greifbar
Susanna Manser hat einen ordentlichen Anteil an der sportlichen Entwicklung ihres Sohns. «Mama war in meinen ersten vier Jahren im Skiclub meine Trainerin», erklärt Sandro. Im Gegensatz zu anderen Talenten aus der Innerschweiz hat sich Manser mit 14 Jahren nicht an der Sportmittelschule in Engelberg, sondern in der Kunst- und Sportklasse der Kantonsschule Ausserschwyz in seiner Heimatgemeinde eingeschrieben. «Diese Klasse ist für mich ein absoluter Glücksfall, ich kann hier Sport und Gymnasium unter einen Hut bringen. Im Frühling werde ich das Gymi abschliessen.»
Vorher will sich Manser, dessen Vorbild der Zürcher Abfahrtsspezialist Niels Hintermann ist, beim Europacupfinale im österreichischen Saalbach einen Fixplatz für den kommenden Weltcupwinter sichern. Die Chance, dass dieses Vorhaben gelingt, ist gross. Der Atomic-Pilot belegt derzeit in der Europacup-Abfahrtswertung mit 58 Punkten Vorsprung auf den vierten Platz den zweiten Rang. Einen Weltcup-Fixplatz erhalten die Top 3.
Der letzte Schritt
Falls es wie erwartet mit dem Aufstieg in den Weltcup klappt, wird sich Manser auf technisch sehr viel anspruchsvolleren Pisten bewähren müssen als im Europacup. Obwohl Franz Heinzer in diesem Bereich bei seinem Schützling noch ein paar Defizite erkennt, darf festgehalten werden, dass Sandro durch im Vergleich zum Vorjahr bereits einen ordentlichen Fortschritt gemacht hat. «Im letzten Winter war ich fast nur auf den flachen Gleiter-Abschnitten schnell, in dieser Saison habe ich auch in technischen Passagen sehr gute Zeiten erzielt.»
Das ist natürlich auch dem magischen Auge von seinem prominenten Trainer entgangen. «Mir hat besonders gut gefallen, wie Sandro im technisch anspruchsvollen Teil vom Super-G bei der WM gefahren ist. Aber für die selektiven Weltcupstrecken wird er sich technisch dennoch noch einmal steigern müssen», hält Heinzer fest.
Physikalisch erklärbar
Manser kann sich gut vorstellen, «dass ich nach der Ski-Karriere mit einem Physik-Studium anfange.» Im selben Atemzug macht er klar, «das mir ganz einfache physikalische Überlegungen auch in einer Abfahrt ein paar Hundertstel retten können.» Manser wird konkret: «Abgesehen von Kitzbühel kommst du in einer Abfahrt mit wenig Tempo zum ersten Tor. Mit weniger Tempo bedeutet ein grösserer Weg einen viel grösseren Zeitverlust, als wenn du mit hohem Tempo einen grösseren Weg fährst. Deshalb fahre ich so gerade wie möglich aufs erste Tor. Mit dieser Strategie fahre ich nicht so schlecht...»