Es ist ein geschichtsträchtiger Tag, dieser 8. Oktober 1997. In Nordkorea wird Kim Jong Il (1941–2011) zum Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas gewählt, in den USA erobert Elton John mit seiner Hymne «Candle in the Wind» auf die verstorbene Prinzessin Diana die Spitze der US-Charts. In Zürich läuft die Suche nach den Tätern des Fraumünster-Postraubs. Und in Stans NW bringt Priska Odermatt einen strammen, blonden Jüngling namens Marco zur Welt.
Weil die Geburt nicht ohne Komplikationen verläuft, muss die junge Mama auf die Intensivstation verlegt werden. «Es hat deshalb etwas länger gedauert, bis ich meinen Bub in die Arme nehmen durfte.» Doch ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich der Junge prächtig. «Marco war ein äusserst pflegeleichtes Kind», erzählt Priska Odermatt.
Und es wird schnell ersichtlich, dass der Kleine ein grosses Ski-Talent verkörpert. Mit acht Jahren gewinnt er erstmals im Riesenslalom den Grand-Prix-Migros-Final. Sein Triumph beim Silvano-Beltrametti-Jugendskirennen wird mit einem Ski-Tag mit Didier Cuche belohnt. «Marco fuhr technisch schon als elfjähriger Knirps enorm stark, ich habe bei ihm damals lediglich bei der Haltung der Arme ein bisschen Kosmetik betrieben», berichtet der Streif-Rekordsieger aus dem Kanton Neuenburg.
25'000 bis 30'000 Franken pro Jahr
Um den Buben optimal fördern zu können, müssen die Eltern tief ins Portemonnaie greifen. «Ab dem Zeitpunkt, als Marco die Sportmittelschule in Engelberg besucht hat, haben wir 25'000 bis 30'000 Franken pro Jahr für ihn bezahlt», erzählt Papa Walti. Eine vergleichbare Summe bezahlen die Odermatts für die Förderung von Tochter Alina, welche es bis in den Europacup schafft, ehe sie ihre sportliche Laufbahn im Frühling 2021 beendet.
Walti und Priska Odermatt sind deshalb extrem dankbar, dass der Junior zeitig einen Kopfsponsor erhält. «Manfred, der Vater von Riesenslalom-Spezialisten Andrea Ellenberger, war damals Geschäftsführer bei der Sicherheitstechnik-Firma ‹Frey+Cie›. Er hat damals dafür gesorgt, dass Marco im Alter von zehn Jahren von diesem Unternehmen einen Fix-Betrag inklusive einer kleinen Podestplatz-Prämie erhalten hat.»
Kurz nach seinem 15. Geburtstag fliegt Odermatt erstmals zusammen mit seinen Kumpels Lucien Barandun und Marco Michel für ein Skirennen nach Nordamerika. Das Trio aus der Zentralschweiz gewinnt beim Whistler Cup in Kanada die Teamwertung. «Unser Marco war zu diesem Zeitpunkt aber nicht überlegen, Marco Michel schien damals das grössere Talent zu sein», blickt Papa Walti zurück.
Das Problem: Odermatts körperliche Entwicklung kann beim Übergang von der JO- in den FIS-Bereich nicht mit seiner Technik mithalten. Mit 16 ist er knapp 1,70 Meter klein und die Beine sind im Vergleich zu jenen der Konkurrenz ziemlich dünn. «Marcos FIS-Ergebnisse waren auch im Winter 2014/15 nicht überragend», erinnert sich Osi Inglin, der zu diesem Zeitpunkt C-Kader-Coach war.
«Irgendetwas hat mir an Marco aber besonders gut gefallen. Und deshalb habe ich mit meinem Trainer-Urteil durchgesetzt, dass er im C-Kader aufgenommen wird. Es hat einige Kollegen gegeben, die meine Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehen konnten.»
Er hat wie ein Routinier verhandelt
Einer, der wie Inglin sehr früh von Odermatts Qualitäten überzeugt war, ist der heutige Swiss-Ski-Präsident Peter Barandun, der CEO von Electrolux Schweiz. «Marco ist mir früh aufgefallen, weil er im JO-Bereich praktisch gleich schnell war wie mein Sohn Lucien. Marco hat mir aber nicht nur mit seiner genialen Technik imponiert, er war schon damals ein sehr cooler Typ.» Und deshalb hat Barandun mit seinem Unternehmen mit Odermatt einen Sponsoring-Deal ausgehandelt, als dieser noch nicht ganz 17 Jahre alt war. «Bei diesen Verhandlungen hat sich gezeigt, wie reif Marco in seinem jungen Alter bereits war», verrät Barandun. «Er ist damals ohne seine Eltern zu mir gekommen und hat wie ein Routinier einen Vertrag mit Erfolgsprämien ausgehandelt. Marco hat aber nicht nur das Geld interessiert. Er wollte von mir genau wissen, wie unsere Geräte funktionieren. Das hat mir enorm imponiert.»
Imposant ist nur der Vorname von dem, was der Nidwaldner in der Zwischenzeit geleistet hat. 50 Weltcupsiege, der Gewinn von vier grossen und neun kleinen Kristallkugeln, drei WM-Titel und ein Olympiasieg. Und am Samstag könnte Marco Odermatt mit seinem fünften Riesen-Sieg in Adelboden einen neuen Chuenisbärgli-Rekord aufstellen. Der absolute Odi-Wahnsinn!