Als Rennfahrer hat Ivo Zihlmann lediglich ein paar FIS-Rennen bestritten. Trotzdem spielt der 34-jährige Entlebucher bei der jüngsten Lauberhorn-Abfahrt eine entscheidende Rolle. Aber der Reihe nach. Nach dem vierten Rang im Super-G unterhält sich Marco Odermatt mit seinem Speed-Servicemann Zihlmann über die Auswahl des Abfahrtskis. Dieser plädiert für eine ziemlich riskante Variante.
«In den beiden Trainings ist Marco mit einem Ski-Modell gefahren, welches tipptopp funktioniert hat. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mit einem anderen Ski noch mehr möglich ist. Weil wir diesen Ski in dieser Saison aber noch nie gefahren sind, war das mit einem gewissen Risiko verknüpft.»
Neuer Lauberhornrekord
Letztendlich entscheidet sich auch Superstar Odermatt für die riskante Variante. Eine Stunde vor dem Rennstart gibt es dann aber eine Programmänderung. Weil im oberen Abschnitt starker Wind weht und der vom OK verpflichtete Meteorologe kein baldiges Nachlassen des Windes vorhersagt, wird der Start zum Hundschopf hinunterversetzt. Somit wird die Lauberhorn-Abfahrt um rund fünfzig Sekunden gekürzt. Bevor Odermatt das Rennen mit der Nummer 7 in Angriff nimmt, setzt sich Vincent Kriechmayr (34, Ö) mit einer blitzsauberen Fahrt an die Spitze.
Im Lager der Österreicher keimen in diesem Moment die Hoffnungen auf den ersten Abfahrtssieg seit Kriechmayrs Triumph im März 2023 in Soldeu auf. Aber nicht lange, denn: Odermatt gelingt mit seinem «Risiko-Ski» eine weitere Traumfahrt! Im Kernen-S, wo er am Vortag im Super-G gepatzt hat, macht Odermatt diesmal den ganz grossen Unterschied aus. Im Ziel liegt er fast acht Zehntel vor Kriechmayr und sichert sich somit den vierten Lauberhorn-Abfahrtssieg in Folge, was bedeutet, dass der 28-Jährige nun den alleinigen Weltcup-Rekord am Lauberhorn hält.
Auf der Originalstrecke hätte Klammer auf einen anderen Sieger getippt
Bis am Samstag hat Odermatt den Rekord mit Franz Klammer (1975 – 1977) und Beat Feuz (2012, 2018, 2020) geteilt. Feuz verneigt sich vor dem neuen Lauberhorn-König: «Vor seinem Start hatte ich zwar das Gefühl, dass Kriechmayrs Zeit schlagbar ist. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass Marco so viel schneller ist. Das war richtig stark!»
Aus Kärnten meldet sich auch der entthronte Franz Klammer zu Wort: «Was Odermatt aufführt, ist sensationell. Ich bewundere seine Konstanz. Wenn man das Lauberhorn auf der verkürzten Strecke gewinnt, ist es aber schon nicht dasselbe, wie wenn man vom Originalstart aus triumphiert. Wenn diese Abfahrt nicht verkürzt worden wäre, hätte ich auf den Sieg von Franjo von Allmen gesetzt.»
Gefahr aus Italien
Selbstverständlich wird auch Odermatt mit der Frage konfrontiert, ob er mit der Verkürzungsentscheidung der Jury einverstanden war. «Ich kann das nicht beurteilen, ich habe mich keine Sekunde mit dem Wetter beschäftigt. Für mich ist das Wichtigste, dass die Sicherheit und die Fairness gewährleistet sind. Und das war in diesem Rennen der Fall.»
Beat Feuz erkennt aber, dass eine immer grösser werdende Gefahr aus Italien auf Odermatt und den Rest des Schweizer Speed-Teams zukommen: «Nach zwei Bestzeiten im Training hat Giovanni Franzoni den Lauberhorn-Super-G gewonnen und ist nun in der Abfahrt Dritter geworden. Weil Giovanni auch einen sehr starken Riesenslalom-Schwung hat, werden wir uns nächste Woche bei der technisch sehr schwierigen Abfahrt in Kitzbühel vor ihm in Acht nehmen müssen.»