Speziell für die Österreicher ist es einer der magischsten Lauberhorn-Momente – die Siegesfahrt von Andreas Schifferer am 17. Januar 1998. «Ich werde diesen Lauf nie vergessen», schwärmt der Steirer Hans Knauss, welcher damals einer von Schifferers megastarken Teamkollegen im Austria-Powerteam war. «Vor dem Start dieser Abfahrt hat die ganze Ski-Welt von Hermann Maier gesprochen, der zu Beginn dieses Winters so richtig durchgestartet ist. Aber dann hat der Schifferer dem Hermann mit seinen brutal dicken Oberschenkeln so richtig eine aufgebrennt», erinnert sich der heutige ORF-Experte.
1,33 Sekunden verliert der «Herminator» als Dritter auf seinen Salzburger-Landsmann. Der Franzose Jean-Luc Crétier, welcher ein paar Wochen später in Nagano Olympiasieger in der Königsdisziplin wurde, belegt mit einer knappen Sekunde Rückstand den zweiten Rang. Am Ende dieser Saison sichert sich der Modellathlet, der von seinen Mannschaftskameraden liebevoll «Schiffi» genannt wird, die kleine Kristallkugel für den Sieg in der Abfahrtsgesamtwertung.
In der Zwischenzeit ist dieser Glanz verblasst. Der grosse Lauberhorn-Held lebt heute nach zahlreichen psychischen Abstürzen zurückgezogen in Radstadt, wo mit Hannes Reichelt eine weitere Alpin-Legende aufgewachsen ist. «Ich habe den Schiffi seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Aber ich habe erfahren, dass vor allem das letzte Jahr sehr zäh für ihn war.»
Trennung von der Lebensgefährtin und der Tochter
Das Drama um den achtfachen Weltcupsieger beginnt 2003, nach den Weltmeisterschaften in St. Moritz. Schifferer ist zu diesem Zeitpunkt total frustriert, weil er im Engadin nicht zum Einsatz gekommen ist. Ein paar Wochen später lernt er den Energetiker Martin Weber kennen, der sein Leben komplett verändert.
Schifferer sieht in diesem Mann den Jesus in der Reinkarnation zu erkennen und tut alles, was sein «Hirte» von ihm verlangt. Er trennt sich auch von seiner Lebensgefährtin und der 17 Monate alten Tochter. «Nach dem ersten Treffen mit Martin war für mich klar, dass ich meine Lebensziele nur mit seinen Methoden erreichen kann. Aber weil meine Lebensgefährtin diesen unkonventionellen Methoden eher skeptisch gegenüberstand, habe ich sie verlassen», erklärt der Olympia-Bronze-Gewinner im Super-G im Sommer 2004 im Gespräch mit Blick.
Im Nachsatz hält er fest, «dass der Martin die faszinierendste Person ist, die mir jemals über den Weg gelaufen ist. Der braucht mit seinen Händen nur ein paar Mal über den Körper zu fahren – und schon sind sämtliche Blockaden gelöst!»
Gespräch mit dem Baum und schlafen im Stroh
Durch Weber beginnt Schifferer mit Bäumen zu sprechen. «Das war eine eindrückliche Erfahrung, als ich das erstmals getan habe.» Warum? «Der Baum hat mir erklärt, dass ich nicht nur ein Mensch, sondern genau so ein Baum wäre wie er. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich so ist, schliesslich habe auch ich Wurzeln, eine Krone und Äste …»
Schifferer schläft in dieser Zeit ausschliesslich auf Stroh. «Alleine die goldene Farbe des Strohs vermittelt mir gute Laune. Zudem tut mir der Duft des Strohs enorm gut. Es ist der Duft der Natur, der Duft der Freiheit.» Hans Knauss rümpft allerdings die Nase, als er 2004 anlässlich der Weltcuprennen in Chamonix mit Schifferer das Zimmer teilt.
«Ich habe nicht einschlafen können, weil der Andi zusammen mit einem Trainer jeden Winkel des Zimmers ausgependelt hat!» Um 22.30 Uhr platzte Knauss der Kragen. «Ich habe Schiffi deutsch und deutlich gesagt, dass er mit diesem Scheiss aufhören soll, dass er das alles gar nicht nötig habe, weil er von Natur aus so stark sei. Doch meine Ansprache war nutzlos.»
«Seine Psyche ist lädiert»
Dass Schifferer auf einem ganz speziellen Trip ist, belegt die Tatsche, dass er den Verantwortlichen von seinem Ski-Ausrüster Atomic eintrichtert, dass sie die Rennlatten nicht mit der Spitze nach oben, sondern mit der Spitze nach unten lagern sollen. Begründung: «Auf diese Weise kann die Energie besser durch die Ski fliessen.» Im Frühling 2004 trennt er sich von Atomic und wechselt zu Rossignol. Schifferers Ergebnisse werden dadurch aber nicht besser.
In der Saison 2004/05 klassiert sich der einstige Siegfahrer nur noch dreimal in den Top-Ten. Er führt das auch auf die Tatsache zurück, dass die Farbe seiner neuen Ski einen schlechten Einfluss auf ihn habe. Nachdem ihm von der ÖSV-Teamleitung eine Weltcup-Pause verordnet wird, schlägt Schifferers «Wunderheiler» im Gespräch mit der «Kronen Zeitung» Alarm: «Ich habe vor ein paar Tagen mit Andi telefoniert und deutlich gespürt, dass seine Psyche lädiert ist!»
Wie abhängig Schiffer damals von seinem Weber war, verdeutlicht das nachfolgende Statement des Energetikers: «Bis zum Weltcup-Auftakt in Sölden ging es Andi blendend, weil ich mich bis dahin in seiner Nähe aufhalten konnte. Doch als er mit der Mannschaft zu den Rennen nach Nordamerika reiste, trennten sich unsere Wege. Und seit diesem Zeitpunkt passt bei ihm überhaupt nichts mehr zusammen.»
Die leise Hoffnung
Schifferer kommt als Rennfahrer nie mehr richtig in Schwung und erklärt 2006 seinen Rücktritt. Beim Weltcup-Auftakt 2010 in Sölden steht er aber noch einmal im Mittelpunkt. Die Polizei hegt den Verdacht, dass Schifferer ein Snowboard geklaut habe. Diese Geschichte entpuppt sich aber später als Missverständnis, Schifferer wird freigesprochen.
Skurrile und beängstigende Geschichten werden in Radstadt aber auch heute über den prominentesten Einwohner erzählt. Im vorletzten Sommer sei Schifferer an einem besonders heissen Tag in der Skibekleidung zu einer Tankstelle gefahren. Und eine Nachbarin habe die Polizei alarmiert, weil sie sich vom Abfahrtsaltmeister bedroht fühlte.
Hannes Reichelt macht aber klar, «dass ich den Schiffi als herzensguten Menschen kennengelernt habe.» Und der Super-G-Weltmeister von 2015 macht Hoffnung, dass Schifferer den Rank vielleicht doch noch findet. «Ich habe gehört, dass es dem Andy derzeit wieder ein bisschen bessergeht.» Die «faszinierendste Person» seines Lebens hat Schifferer aber verloren. Der Energetiker Martin Weber ist 2019 verstorben.