Darum gehts
- Siegbert Prestl, Ex-Abfahrer, erlebte 1977 dramatischen Unfall in Val Gardena
- Er landete nur 1,5 Meter neben einer Gartenmauer
- Rücktritt nach Trainingsstartverweigerung am 21. Januar 1978 in Kitzbühel
Der vierfache Streif-Sieger Franz Klammer beginnt zu grinsen, wenn er an Prestel denkt: «Der Sigi ist ein lustiger Kerl, und als Abfahrer war er ein richtig guter Gleiter. Aber beim Springen ist er regelmässig in grössere Turbulenzen geraten.» Klammer liefert ein Müsterchen: «Ich kann mich an einen Trainingstag in Wengen erinnern, an dem wir vier Läufe absolviert haben. Der Sigi hat in diesem Training mindestens drei heftige Abflüge gehabt.» Als wir Prestl, der 1975 einen Abfahrtssieg im Europacup bejubelte, in seinem Daheim in Oberstaufen besuchen, korrigiert der mittlerweile 70-jährige Klammers Aussage: «Ich bin in Wengen nicht drei, sondern zweimal gestürzt. Bei der Minschkante und im Ziel-S.»
Dramatische Vorgeschichte
Den dramatischsten Moment seiner Rennfahrer-Laufbahn erlebte Prestl aber im Dezember 1977. Bei der Abfahrt in Val Gardena bog er mit der fünftbesten Zwischenzeit in den letzten Abschnitt ein. «Ich wollte im Zielhang genau wie mein Teamkollege Sepp Wildgruber eine besondere Linie ausprobieren, doch das hätte um ein Haar tödlich geendet. Damals stand neben der Strecke ein Haus. Nach meinem Abflug bin ich eineinhalb Meter neben einer Gartenmauer gelandet.»
Prestl kam zwar auf wundersame Weise ohne Verletzung davon, aber sein Mut schrumpfte. «Nachdem ich kapiert habe, wie knapp ich in Gröden am Tod vorbei geflogen bin, hatte ich vor den Abfahrten zu viel Respekt.» Insbesondere vor der Kitzbühler Streif.
«Nachdem ich im Training wie auf Eiern gefahren bin, habe ich meinem Trainer klar gemacht, dass für mich ein Rennstart bei der Hahnenkamm-Abfahrt keinen Sinn macht.» Doch der deutsche Abfahrtschef akzeptierte das nicht. «Sigi, wenn du den Start verweigerst, verspielt du die Chancen auf einen Start bei der WM. Deshalb gehst du jetzt sofort zum Start hinauf!»
«Kein schönes Gefühl»
Tatsächlich kam Prestl am Morgen des 21. Januar 1978, wie vom Coach gewünscht, mit seinen Ski im Startgelände an. «Dort habe ich dann aber fix entschieden, dass ich nicht starten werde. Ich hatte zu viel Schiss vor dieser brutal präparierten Piste», gesteht Prestl, der nach dieser Entscheidung die peinlichsten Minuten in seiner Rennfahrer-Laufbahn erlebte.
«Es ist kein schönes Gefühl, wenn du als Einziger auf der Startliste nicht zum Starthaus hinaus, sondern mit der Gondel hinunter fährst.» Und wie vom Trainer angekündigt, wurde Prestel wegen dieser Start-Verweigerung mit der nicht Berücksichtigung für die Heim-WM in Garmisch bestraft. Deshalb erklärte er kurz nach seinem 23. Geburtstag seinen Rücktritt vom Skirennsport. Dafür machte Siegbert Prestl nach seiner unglücklichen Abfahrtslaufbahn eine erfolgreiche Karriere als Kurdirektor von Oberstaufen.