Das Podest
1. Giovanni Franzoni (It) 1:52,31
2. Marco Odermatt (Sz) +0,07
3. Maxence Muzaton (Fr) +0,67
Das Rennen
Mit Startnummer 2 zaubert Giovanni Franzoni eine Zeit in den Schnee, an der sich die Konkurrenz die Zähne ausbeisst. Vor allem ganz unten kann keiner mit dem erstaunlichen 24-jährigen Aufsteiger mithalten. Auch Marco Odermatt nicht. Der Nidwaldner liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Italiener, ist mal knapp vorne dann wieder knapp hinten. Und hat im Ziel die Hundertstel nicht auf seiner Seite. Um deren sieben muss sich Odermatt geschlagen geben – das grosse Ziel, Sieg in der Hahnenkammabfahrt, muss ein weiteres Jahr warten.
Nach ihm prüft der nächste Schweizer die Zeit von Franzoni. Und Franjo von Allmen zeigt, dass man die Streif schneller meistern kann. Der amtierende Weltmeister ist auf dem Weg zur Bestzeit – bis zum Zielhang. Dort sorgt er für einen Schreckmoment. Wie bereits im Training überdreht es ihn, er stürzt beinahe. Von Allmen rettet sich, fällt damit aber weit zurück. Im Ziel jubelt Franzoni ausgelassen, er weiss, die beiden wohl härtesten Konkurrenten lässt er hinter sich.
Auch danach kann den Italiener lange keiner mehr in Bedrängnis bringen. Auf dem Leaderthron sitzend wird er von seinen Emotionen übermannt, vergiesst Freudentränen. Und kommt bei Startnummer 29 noch einmal ins Zittern. Maxence Muzaton fährt ihm oben davon, holt bis zu einer halben Sekunde Vorsprung heraus. Für die Bestzeit reichts nicht, aber fürs Podest. Der 35-Jährige fährt neun Jahre nach seinem bisher einzigen Podestplatz (Zweiter in der Wengen-Kombi) wieder in die Top 3.
Und Franzoni? Der feiert innert acht Tagen seinen zweiten Weltcupsieg. Und das nicht irgendwo – er gewinnt am Lauberhorn (Super-G) und auf der Streif. Odermatt ist auch Minuten nach der Zielankunft die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Dabei schreibt er mit seinem Podestplatz ein Stück Ski-Geschichte. Als erst fünfter Fahrer knackt er die Marke von 100 Weltcup-Podestplätzen, ist jetzt gleichauf mit Henrik Kristoffersen (No) und Marc Girardelli (Lux). Öfters in den Top 3 klassiert waren bisher nur Marcel Hirscher (Ö, 138) und Ingemar Stenmark (Sd, 155). Zudem findet eine Schweizer Serie dank Odermatt ihre Fortsetzung. In nun saisonübergreifend 19 Abfahrten stand immer mindestens ein Swiss-Ski-Athlet auf dem Podest.
Die Schweizer
6. Niels Hintermann +0,71
16. Franjo von Allmen +1,56
26. Alessio Miggiano +1,73
32. Stefan Rogentin +2,03
35. Alexis Monney +2,10
44. Justin Murisier +2,85
47. Lars Rösti +3,13
48. Livio Hiltbrand +3,24
DNF Marco Kohler
Niels Hintermann beweist als erster Fahrer, dass man gewisse Abschnitte schneller als Giovanni Franzoni fahren kann. Bis ins Ziel durchziehen kann er das aber nicht. Ab dem Hausberg fällt er deutlich hinter den jungen Italiener zurück. Trotzdem reichts für die Top 10. Das ist in Anbetracht von Hintermanns Geschichte mit der überstandenen Krebserkrankung ein starkes Resultat. Der Zürcher ist denn auch mehr als zufrieden, auch wenn er sich vor allem über den Hausberg grausam aufregt. «Ich bin jetzt zum siebten oder achten Mal hier, die huere Kurve hab ich noch nicht einmal richtig erwischt», sagt er ins SRF-Mikrofon. «Jedes mal springe ich ins Nirvana raus, ich weiss nicht wie blöd man dort sein kann.»
Einmal mehr lässt Alessio Miggiano sein grosses Talent aufblitzen. Oben ist er nur wenige Hundertstel hinter Franzoni unterwegs, erst ab dem Lärchenschuss schleichen sich Fehler in seine Fahrt, die ihn zurückfallen lassen. Für Punkte reichts aber locker.
Auch Marco Kohler ist oben voll dabei. Ihm gelingt eine starke Fahrt. Und dann das. Er rutscht weg und verpasst das Tor bei der Einfahrt in den Zielhang. Hoffentlich hat er sich dabei nicht verletzt. Denn als er ins Ziel kommt, setzt er sich in den Schnee, vergräbt das Gesicht in den Händen.
Lars Rösti verschlägt es ziemlich oft, so kann er diverse Passagen nicht in der Hocke fahren. Das kostet Zeit. Und bedeutet über drei Sekunden Rückstand. Damit verpasst er die Punkte deutlich. Auch der Rückstand von Livio Hiltbrand ist zu gross, um ihm Punkte einzubringen.
Vor einem Jahr ist Alexis Monney Zweiter geworden. Daran kann er bei weitem nicht anknüpfen. Schon früh bremst ihn ein grosser Fehler, danach geht er nicht mehr das letzte Risiko. Das reicht nicht für die Top 30.
Justin Murisier geht angeschlagen ins Rennen. Und hat gleich mehrere Schreckmomente zu überstehen. Schon beim Start rutscht er mit dem linken Stock weg, auch danach ist seine Fahrt von Fehlern geprägt. Die sorgen nicht nur für einen grossen Rückstand, sondern auch dafür, dass er die Punkteränge verpasst. Er kann damit seine letzte Chance nicht nutzen, sich doch noch für Olympia zu empfehlen.
Stefan Rogentin kann nur während den ersten rund 50 Sekunden mit Franzoni mithalten. Danach muss er deutlich abreissen lassen und handelt sich einen grossen Rückstand ein, der ihn letztlich bis auf Platz 32 zurückfallen lässt.
Die Stimmen gegenüber SRF
Niels Hintermann: «Ich muss mit den Emotionen aufpassen. Die ganze Woche war schwierig, ich bin nicht ins Fahren gekommen. Hier angekommen war ich auf der Schnorre, hatte so Muskelkater. Aber wir wussten nicht, woher der kam. Ich habe mich einfach unterirdisch gefühlt. Nun hab ich mich vom ersten Stockstoss an wohl gefühlt, musste gefühlt zwar überall improvisieren, aber da wusste ich, dass ich nicht unbedingt langsam bin. «Mit dem Resultat bin ich sehr zufrieden.»
Marco Odermatt: «Schwierig, ich habe alles gegeben. Logisch, ich hatte ein Ziel. Wenns dann so knapp ist – das tut weh. Kurz war es besser, wenn ich nun darüber rede, gehts wieder etwas schlechter. Ich habs schon noch nicht verdaut. Es war genial, das war meine beste Fahrt auf der Streif. Aber genau dann tuts noch mehr weh, wenn man weiss, man ist gesund und fit. Ich habe gemerkt, das Material ist perfekt. Wenn dann so wenig fehlt, tuts besonders weh. Ich fühle mich fast ein bisschen blöd, wenn man mit Platz 2 enttäuscht ist. Vor allem um Kollegen rum, die viel weniger erreicht haben und mich trösten. Da fühle ich mich blöd. Ein paar hätten es mir gegönnt, aber es ist auch niemand traurig, gewinnt mal ein anderer. Die kann ich auch verstehen. Aber ja, für mich ist es eine Niederlage.»
Franjo von Allmen: «Der grosse Rückstand ärgert mich noch mehr als der kleine gestern. De huere Fehler – den hab ich inklusive Training schon vier- oder fünfmal gemacht. Werde noch nicht schlau, wie ich das machen muss. Ich habe einen guten Plan gemacht, man versucht es taktisch zu fahren – deswegen regts mich noch mehr auf.»
Das gab zu reden
Im Vergleich zu den Trainings ist die Strecke etwas entschärft worden. Der Sprung bei der alten Schneise ist mit der Motorsäge abgerundet worden, rund 1,5 Grad Gefälle wurden abgetragen. Wie Renndirektor Markus Waldner gegenüber ORF sagt, ist die Initiative dafür von den Athleten aus gegangen. «Alexis Monney hat mich nach dem zweiten Training als Athleten-Sprecher kontaktiert. Er hat Meinungen seiner Kollegen auch aus anderen Nationen eingeholt, die meinten, dass der Sprung etwas zu weit geht», erklärt er. Die Verantwortlichen haben das zur Kenntnis genommen und entsprechend reagiert. Im Training sprangen die Athleten zwischen 35 und 44 Meter weit. Nun werden es wohl zwischen 30 und 35 Meter sein. «Da müssen wir nichts riskieren», meint Walder. «Das Rennen wird sowieso toll.»
Das gab zu reden II
Neun Abfahrten hat Vincent Kriechmayr (34) bisher gewonnen – 2023 auch diejenige auf der Streif. Nun feiert der Doppel-Weltmeister (Abfahrt und Super-G 2021) auf dieser Strecke ein besonderes Jubiläum. Zum 100. Mal startet Kriechmayr in einer Weltcup-Abfahrt. Und das bei diesem legendären Rennen in seiner Heimat. Eine andere, beeindruckende Marke stellen Romed Baumann (40) und Christof Innerhofer (41) auf. Die beiden Altmeister fahren die Kitzbühel-Abfahrt jeweils zum 22. Mal – so oft wie noch kein anderer vor ihnen.
Die Bedingungen
Am Freitag hat die Sonne dominiert, nun ist der Himmel über Kitzbühel wolkenverhangen. Das erschwert die Bodensicht. Die Piste ist griffig und stellenweise eisig, mit der Zeit schlägt es ein bisschen mehr.
So gehts weiter
Das Rennwochenende in Kitzbühel wird am Sonntag mit dem Slalom (1. Lauf 10.30 Uhr) abgeschlossen. Danach geht die Reise weiter nach Schladming (Ö), wo mit dem Riesenslalom (Dienstag, 1. Lauf 17.45 Uhr) und dem Slalom (Mittwoch, 1. Lauf 17.45 Uhr) zwei Nachtrennen auf dem Programm stehen. Bevor danach bei Olympia um Medaillen gefahren wird, gastieren die Speed-Asse noch einmal in der Schweiz. In Crans-Montana VS findet am Sonntag in einer Woche eine Abfahrt (11 Uhr) statt.



