Technischer Leiter klärt auf: Diese Gedanken stecken hinter der Schwarzsee-Einteilung(02:41)

Mimöschen? Legenden verurteilen die vielen Wettkampf-Absagen
«Einige Schwinger haben ihre Verpflichtungen vergessen»

Die zahlreichen kurzfristigen Wettkampf-Absagen von Top-Schwingern stossen den Altmeistern sauer auf. Nöldi Forrer stellt eine ganz besondere These auf.
Publiziert: 21.06.2024 um 19:34 Uhr
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Aktualisiert: 21.06.2024 um 20:49 Uhr
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Der Bündner Armon Orlik gehört zu den Top-Schwingern, die am letzten Wochenende Forfait für ein Kranzfest erklärt haben.
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Marcel W. PerrenReporter Sport

Sind die Bösen tatsächlich zu Mimöschen mutiert? Diese Frage wird derzeit in der Sägemehlschweiz hitzig diskutiert, weil sich immer mehr Top-Schwinger mit angeblich «harmlosen» Blessuren von einem Wettkampf abmelden. Am letzten Wochenende haben die Könige Joel Wicki und Kilian Wenger, der 21-fache Kranzfestsieger Armon Orlik sowie der zweifache Eidgenosse Nick Alpiger Forfait erklärt.

Schwingerkönig und Rekord-Kranzer Nöldi Forrer (45/151) führt diese Entwicklung auf die zunehmende Medienpräsenz im Schwingsport zurück. «Ich finde es einerseits wunderschön, dass mittlerweile jedes Kranzfest im TV oder im Livestream übertragen wird. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass ein Athlet mit viel mehr Kritik leben muss, wenn er den Erwartungen nicht gerecht werden kann. Deshalb steigen viele Schwinger nur noch dann in den Sägemehlring, wenn sie zu 100 Prozent fit sind», behauptet der Schwingerkönig von 2001 im Blick-Video-Duell «Forrer vs Perren».

Der Toggenburger hält fest, dass das in seiner sportlichen Blütezeit ganz anders gewesen sei: «Bei mir ist es mehrmals vorgekommen, dass ich die ganze Nacht wegen Durchfall oder Übelkeit auf der Toilette gesessen und am Morgen dennoch geschwungen habe.»

«Das finde ich ziemlich unseriös!»

Adi Laimbacher (43), der mit seinem wuchtigen Kurz-Zug 105 Kränze erkämpft hat, war wie Forrer in einer Epoche aktiv, in der einzig die eidgenössischen Wettkämpfe live im TV übertragen wurden. «Es macht auch auf mich den Anschein, dass viele Schwinger heute wegen viel kleineren Blessuren ihre Festteilnahme absagen, als das bei uns der Fall war. Einige Schwinger haben leider ihre Verpflichtungen gegenüber den Fest-Organisatoren und ihren Sponsoren vergessen», glaubt der Schwyzer.

Der amtierende König Wicki wird diesbezüglich aber von Laimbacher aus der Schusslinie genommen: «Joel hat zwar am letzten Sonntag seine Wettkampf-Teilnahme am Nordwestschweizerischen abgesagt, dafür war er als Zuschauer in Lausen. Dadurch hat er viele Fans mit Selfies und Autogrammen glücklich gemacht.»

Aber hätte Wicki im Baselbiet nicht auch schwingen können? Trainer Dani Hüsler schüttelt den Kopf: «Ich finde es ziemlich unseriös, wenn gewisse Leute aus der Distanz den Schweregrad einer Verletzung beurteilen wollen. Als Betreuer von Joel kann ich versichern, dass es absolut fahrlässig gewesen wäre, wenn er am Nordwestschweizerischen geschwungen hätte.»

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Geständnis eines Top-Trainers

Zusammen mit Hüsler gehört Tommy Herzog zu den renommiertesten Athletik-Trainern im einstigen Sennensport. Der Aargauer mit Walliser Wurzeln hat Christian Stucki zum Unspunnen-Sieger und Schwingerkönig geformt. Herzog hält fest, «dass es auch in der heutigen Zeit Schwinger gibt, die auch mit heftigen Schmerzen einen Wettkampf bestreiten. Ich habe diese Erfahrung ganz besonders mit Joel Strebel gemacht. Aber es gibt Schwinger, die bereits wegen einer leichten Erkältung Forfait erklären.» Gleichzeitig gibt Herzog zu, dass auch er schon einen absoluten Top-Shot aus taktischen Gründen zu einer Absage gezwungen hat: «Der Stucki Chrigel war 2017 eine Woche vor dem Unspunnen auf der Schwägalp gemeldet. Und weil er vom Veranstalter 13 Tickets für seine Angehörigen erhalten hatte, wollte er dort auch unbedingt antreten. Aber ich habe so lange auf Chrigel eingeredet, bis auch er gemerkt hat, dass ein Schwägalp-Gastspiel so kurz vor dem Saisonhöhepunkt zu riskant ist.»

Der Rest dieser Geschichte dürfte den meisten bekannt sein: Stucki triumphierte am Unspunnen, während der ursprüngliche Top-Favorit Samuel Giger an diesem Tag zum Zuschauen verdammt war, weil er auf der Schwägalp eine böse Schulterverletzung erlitten hatte.

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