Der vergessene Held Pfenninger: «Meine Mutter hat gesagt: Spinnst du eigentlich?»(03:42)

Louis Pfenninger (77) ist der älteste noch lebende Schweizer Tour-de-Suisse-Sieger
Der vergessene «Mister Tour de Suisse»

Zweimal Erster, zweimal Zweiter, zweimal Dritter: Louis Pfenninger (77) war «Mister Tour de Suisse». Dennoch erinnert sich kaum jemand an ihn. Dabei hat er viel zu erzählen: Von Erfolgen, seinem ehemaligen Strip-Lokal und dem Tod seines Sohnes.
Publiziert: 12.06.2022 um 12:11 Uhr
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Aktualisiert: 12.06.2022 um 16:46 Uhr
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Willkommen bei den Pfenningers! «Mister Tour de Suisse» zeigt uns sein kleines Reich in Spanien.
Mathias Germann (Text) und Benjamin Soland (Fotos)

Es ist noch nicht lange her. Genauer: Am 7. April 2022. An diesem Tag liegt Louis Pfenninger (77) regungslos neben seinem Rennrad. Minutenlang versuchen Menschen, ihn anzusprechen. Doch Pfenningers Augen sind geschlossen, er antwortet nicht. «Eine Ader in meinem Hirn war verstopft, ein Hirnschlag. Ich fiel vom Velo und war weg. Eigentlich war ich tot», erzählt er. Pfenningers Glück: Unter den Gümmelern, die er kurz zuvor überholt hat, ist eine Ärztin. Sie ahnt sofort, was passiert ist und ruft die Ambulanz. «Irgendwann wurde ich wach, sah eine Traube Menschen um mich herum. Ich wollte wissen, was passiert war, konnte aber nicht mehr reden. Alles war weg.»

Heute ist beim Mann, der 1968 und 1972 die Tour de Suisse gewann, alles wieder da. Ausser vom Unfall. «Da weiss ich nichts mehr. Vielleicht ist das auch gut so», sagt Pfenninger. Er humpelt zwar ein wenig und der Rücken schmerzt – ein Bandscheibenschaden. «Aber wenn es schlimm ist, nehme ich Voltaren. Dann gehts. Leider muss ich mich noch gedulden, bis ich wieder aufs Rennvelo kann», sagt er schmunzelnd und beisst in ein Stück Weichkäse.

«Da zückte ich 10’000 Franken in bar»

Wir besuchen Pfenninger in seinem Zuhause in Denia an der Costa Blanca. Seit 20 Jahren wohnt er hier in einem kleinen Einfamilienhaus, 800 Meter vom Meer entfernt. «Eines Tages sahen wir in der Schweiz ein Zeitungsinserat und stiegen ins Flugzeug. Jenes Haus aus der Zeitung gefiel uns zwar nicht, ein anderes aber schon. Die Besitzer, ein holländisches Paar, zweifelte, ob wir auch wirklich genug Geld hätten. Da griff ich in meine Hemdtasche, zückte 10’000 Franken in bar, und sie waren überzeugt. Seither ist das unser kleines Paradies an der Wärme.»

Mit «wir» meint Pfenninger er und seine Frau Liliane (78). Seit 53 Jahren sind sie ein Paar. «Ich habe im Radsport einige Medaillen und Blumensträusse gewonnen, einmal sogar ein Kilo Gold. Aber Liliane ist mein schönstes Geschenk», sagt er. Kennengelernt haben sie sich bei einem Sechstagerennen im Zürcher Hallenstadion. «Ich war damals Kellnerin, aber an jenem Tag privat unterwegs. Louis gefiel mir, wir tauschten Telefonnummern aus», erzählt sie. Der Rest sei Geschichte.

Kurz darauf entschuldigt sich Liliane Pfenninger, sie muss die Katzen füttern. «Wir haben vier. Aber ich habe noch weitere 15, die immer wieder über die Mauer springen. Und eine Möwe, die uns jeden Morgen besucht und auch etwas zu essen will», erzählt sie.

«Mister Tour de Suisse» – wer weiss das noch?

Die Pfenningers leben in Spanien ein einfaches Leben. Den Pool benutzen sie kaum noch, der gemauerte Grill wurde seit Jahren nicht mehr eingeheizt. «Die meisten Freunde sind weggezogen oder gestorben», sagt Louis. Nur noch selten gehen sie ins Stadtzentrum des Touristenorts, in dem 40’000 Menschen leben und der in der Badesaison auf 80’000 anwächst.

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Für den SonntagsBlick macht er eine Ausnahme – er flaniert am Strand, und im Café gibts eine «cerveza», also ein kleines Bier. Dabei fällt auf, wie viel die Zürcher Radlegende aus Bülach lacht – genauso wie seine Frau. Sie sind glücklich. Und die Erinnerungen an seine Erfolge sind bei «Pfänni» nach wie vor frisch. In seiner Garage, wo sein Rennvelo hängt, erzählt er von seinen Siegen («Die Tour de Suisse war mir wichtiger als die Tour de France»), von Eddy Merckx («Wenn er gewinnen wollte, gewann er auch») und von dubiosen Angeboten («Ich habe nie gedopt, denn ich hätte mit der Lüge nicht leben können»).

Neben seinen zwei Tour-de-Suisse-Siegen wurde Pfenninger bei der Schweizer Landesrundfahrt je zweimal Zweiter (1970 und 1971) und Dritter (1974 und 1975). Eine einzigartige Bilanz, die ihm den Spitznamen «Mister Tour de Suisse» einbrachte. «Heute denkt trotzdem kaum einer noch an mich», sagt er vor einem blühenden Bougainvillea-Strauch. Enttäuscht ist er deswegen nicht. «Andere wurden ebenfalls vergessen», meint er trocken.

«Die Leute warfen mit Geld um sich»

Auch reich wurde Pfenninger als Velo-Profi nicht. Als Buchdrucker, seinem erlernten Beruf, hätte er 1965 als junger Erwachsener 3000 Franken im Monat verdient – auf dem Rad war es zehnmal weniger, nur 300 Franken gabs. «Egal. Mein Traum war es, Velo zu fahren.»

Auch in der Folge konnte Pfenninger sein Konto kaum füllen – trotz seiner Erfolge. «Gutes Geld flatterte erst nach meinem Rücktritt ins Haus», sagt er. Wie? Dank seines Nachtclubs in St. Gallen. Der Name des Strip-Lokals: Chinchilla. «Die Leute warfen mit Geld um sich, wenn sie unsere zwei Mädchen tanzen sahen. Zuerst der Eintritt, dann das Bier und schliesslich der Champagner für 300 Franken pro Flasche. Das Chinchilla brummte, es war oft die Hölle los. Und als es die Behörden erlaubten, dass die Tänzerinnen auch ihre Höschen auszogen, gab es kein Halten mehr.»

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Das Leben als Nachteule verkraftete Pfenninger gut. «Ich schäme mich nicht, meine Frau und ich haben hart gearbeitet», sagt er. Doch auch in dieser Zeit gab es einen Tiefpunkt – den schlimmstmöglichen. «Unser Sohn Louis-Patrick starb bei einem Töff-Unfall. Er wurde nur 17 Jahre alt. Das war ein dunkles Kapitel. Wir denken noch heute täglich an ihn, die Erinnerungen an ihn kommen immer wieder hoch – zum Glück auch die schönen», blickt Liliane Pfenninger zurück. Ihr Ehemann Louis ergänzt mit wässerigen Augen: «Man sagt, dass ein Paar sich meistens trennt, wenn es ein Kind verliert. Auch Liliane und ich hatten deswegen Krisen. Wir fragten uns, was wir falsch gemacht hatten. Es brauchte lange, um zu realisieren: nichts.»

Trost spendete den Beiden auch Tochter Manuela, die Louis Pfenninger als Zweijährige adoptierte. «Sie unterstützt uns bis heute, in allen Situationen. Wir sind sehr dankbar», so der ehemalige Tour-de-Suisse-Held.

«Pfänni» fiebert via TV mit

Ansprüche an sein Leben hat Pfenninger kaum noch, Träume auch nicht. «Liliane und ich wollen einfach so lange wie möglich hier in Denia leben und es gut zusammen haben.» Von der Schweiz vermisst er nichts. Fast nichts. «Höchstens Cervelats und Bratwürste», sagt er lachend.

Bleibt die Frage: Wird Pfenninger die Tour de Suisse verfolgen? «Sicher», sagt der frühere Rad-Stilist. «Ich empfange das Schweizer Fernsehen und schaue fast jedes Radrennen. Ich freue mich, wenn die Schweizer gut fahren. Mein Lieblingsfahrer ist Stefan Küng, aber auch die anderen machen mir Spass. Ich werde hautnah dabei sein – wenn auch einige Tausend Kilometer entfernt.»

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