«Sehr schwierig zu schlagen»: Reusser kennt die Stärken ihres Teams(01:38)

TdS-Mitfavoritin zieht bald in eigene vier Wände
Rad-Star Marlen Reusser findet ihr Glück im Sumpf

Marlen Reusser ist die stärkste Schweizer Frau im Rad-Zirkus. Ob sie die Tour de Suisse gewinnt? So oder so hat sie einen Rückzugsort, der ihr besonders viel bedeutet.
Publiziert: 14.06.2023 um 17:41 Uhr
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Aktualisiert: 14.06.2023 um 21:33 Uhr
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Marlen Reusser, vor 25 Jahren mit Hündin Trixli. Sie wuchs im Sumpf auf. Im Sumpf? Der Hof gehört zu Hindelbank im Kanton Bern.
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Mathias GermannReporter Sport

Der Sumpf ist ihr Paradies. «Hier wurde ich geboren, hier wuchs ich auf, hier lebe ich heute, hier will ich bleiben», sagt Marlen Reusser (31). Zugegeben, das alles tönt auf den ersten Eindruck seltsam. Wer will schon in einem Sumpf leben? Reusser auf jeden Fall. Und wer das Gelände des ehemaligen Bauernhofs in Hindelbank BE betritt, kann sie verstehen.

Neben einem Wald gelegen, bietet Reussers Heimat Idylle pur. Verkehr gibt es keinen, dafür laufen Katzen gemütlich herum. Obstbäume blühen, der Gemüsegarten ist gepflegt. Vom Sumpf, den es hier einst gab, ist längst der Flurnamen geblieben. Ein riesiges Bauernhaus mit Fachwerk-Fassade ist der Lebensmittelpunkt. «Hier lebe ich unter einem Dach mit meinen Eltern. Gleich da drüben, im Stöckli, wohnt bald meine Schwester. Und auf der anderen Seite ist das ehemalige Melkerhaus – dort werde ich künftig leben.»

Reusser: Mit dem Freund ins Melkerhaus

Noch müssen sich Reusser und ihr Freund Hendrik Werner (40) – er ist Coach beim deutschen Team Bora-Hansgrohe – noch etwas gedulden. Die Pläne für den Umbau des alten Melkerhauses stehen, die Gesuche sind eingereicht. «Etwas gönne ich mir dabei. Wir bauen ein Höhenzimmer.»

Was das ist? Einfach: ein Raum, in dem Luft mit niedrigem Sauerstoffdruck eingepumpt wird. Viele Radfahrer vertrauen darauf, weil mit der simulierten Höhenlage die Produktion roter Blutkörperchen angeregt wird. Dadurch kann das Blut mehr Sauerstoff aufnehmen – ein Vorteil in den Rennen. «Wenn ich künftig dank dieses Zimmers auf das eine oder andere Höhentrainingslager verzichten kann, umso besser. Ich bin heute schon den grössten Teil des Jahres weg von Hause. »

«Der Radsport hat mich sozial isoliert»

Die Eltern, die Schwester, sie selbst: Die Reussers leben alle auf dem gleichen Fleckchen Erde. Nur der Bruder ist nicht mehr auf dem Hof. «Bis vor zwei Jahren waren meine Grosseltern auch noch hier, jetzt sind sie im Altersheim», so Reusser. Da stellt sich die Frage, ob so viel Nähe zu den Liebsten nicht irgendwann auch zu viel werden kann. «Der Familienzusammenhalt ist uns allen sehr wichtig. Und in meinem Fall ist es so, dass mich der Radsport sozial isoliert. Ich habe viel weniger Freunde als früher.»

Grund dafür sei, dass sie schon sehr oft Leute habe enttäuschen müssen, da sie kaum Zeit für sie habe und bei Einladungen immer wieder absagen musste. «Das tat mir weh. Aber der im Vergleich zu früher kleinere Freundeskreis ist der Preis, den ich als Radprofi bezahle. Ich bin deswegen nicht einsam, aber der Stellenwert der Familie wird automatisch grösser.»

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Reusser kann die Tour gewinnen

Reusser führt ein Leben auf der Überholspur. Die ausgebildete Ärztin fährt so stark wie vielleicht nie zuvor, sie gewann in diesem Jahr den Klassiker Gent–Wevelgem, dazu bei der Itzulia Woman im Baskenland eine Etappe und die Gesamtwertung.

Nun freut sie sich auf die Tour de Suisse der Frauen – ein Rennen, das sie letztes Jahr wegen Corona verpasste. «Ich weiss, dass ich gewinnen kann. Aber allein bin ich nicht. Ganz sicher ist die Tour de Suisse für mich eine Herzensangelegenheit.»

Besonders das lange Zeitfahren (25,2 km) am zweiten Renntag heute in einer Woche sollte der Olympia- und WM-Silbermedaillengewinnerin liegen. Sicher ist schon jetzt: Im Team SD Worx hat sie beste Voraussetzungen – die holländische Equipe ist im Frauen-Radsport das Mass der Dinge.

«Der Sumpf steht, ihm gehts gut»

Zurück nach Hindelbank, zurück im Sumpf. Reusser wird nostalgisch. «Ich war ein Luusmeitschi, und das ist der schönste Spielplatz der Welt. Hier konnte ich herumtoben, bis es dunkel wurde. Wir haben Versteckis gespielt und viel Blödsinn angestellt. Ich empfinde es als grosses Privileg, dass ich hier aufwachsen durfte. Dieser Hof war schon immer mein Fels in der Brandung», erklärt Reusser bei einem Rundgang.

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Und was wäre, wenn es mit ihrem ersehnten Sieg bei der Tour de Suisse nicht klappt? «Dann ist es so. Schlimmstenfalls nehme ich das Velo und fahre hierher zurück», meint sie schmunzelnd. Nach dieser Vorstellung lebt Reusser seit Jahren. «Egal, wo ich auf der Welt bin, und egal, was passiert: Der Sumpf, der steht, ihm gehts gut. Auch wenn einmal alle Dämme brechen sollten, hierher zurück kann ich immer.»

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