Die Rad-Legende Barbara Ganz im aussergewöhnlichen Gespräch
«Sie dürfen mich eine Covidiotin nennen»

Mal interessant, mal verstörend, mal überraschend: Ein Gespräch mit Barbara Ganz ist alles andere als langweilig. Warum man sie eine Covidiotin nennen darf und auf welchen Rekord sie nicht stolz ist.
Publiziert: 25.06.2024 um 05:27 Uhr
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Aktualisiert: 25.06.2024 um 09:23 Uhr
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Heute führt Barbara Ganz im Zürcher Oberland eine Praxis für Massage und Coaching.
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Daniel LeuStv. Sportchef

Blick: Frau Ganz, 1989 wurden Sie in einem Interview gefragt, was die überflüssigste Erfindung des 20. Jahrhunderts sei. Können Sie sich noch an Ihre Antwort erinnern?
Barbara Ganz: Nein.

Eine Abwaschmaschine.
Das ist lustig, denn später besass ich natürlich auch mal eine. Aber vor etwa zwei Jahren war ich an einem Vortrag, an dem der Redner aufzählte, was für Zusätze im Abwaschpulver sind. Seitdem wasche ich nur noch von Hand ab.

Ich nehme mal an, dass es auf dem Hof Ihrer Eltern keine Abwaschmaschine gab?
Das stimmt. Ich wuchs auf einem Bauernhof in Schlatt bei Winterthur auf.

Mussten Sie oft mitanpacken?
Es geht, da ich das jüngste von sechs Kindern war, mussten vor allem meine älteren Geschwister auf dem Hof mithelfen. Ich weiss nur noch, dass ich oft am Samstag den ganzen Hof wischen musste.

Die Sport-Fans kennen Sie unter dem Vornamen Baba und nicht Barbara. Wie kam es dazu?
Ich konnte als Kind nicht Barbara sagen. Deshalb war ich irgendwann für alle Baba. Mittlerweile ist es mir aber lieber, wenn man mir Barbara sagt.

Als Sie in der Primarschule waren, machten sich Ihre Eltern plötzlich grosse Sorgen um Ihre Gesundheit.
Wie das damals genau ablief, weiss ich heute nicht mehr. Ich wurde plötzlich krank, und man befürchtete, ich hätte Leukämie. Deshalb war ich zwischenzeitlich fast jeden Tag beim Arzt, der irgendwann nicht mehr weiterwusste. Als er mich ins Spital schickte, fand man dort raus, dass ich zum Glück «nur» Pfeiffersches Drüsenfieber hatte.

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Das ist Barbara Ganz

Die 59-jährige Barbara Ganz gehörte zu den besten Bahnradfahrerinnen der Welt. Sie wurde viermal Vizeweltmeisterin und startete 1988 an den Olympischen Spielen. 1994 trat sie vom Spitzensport zurück. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Partnerin Bernadette im Zürcher Oberland. Ganz führt eine Praxis für Massage und Coaching.

Die 59-jährige Barbara Ganz gehörte zu den besten Bahnradfahrerinnen der Welt. Sie wurde viermal Vizeweltmeisterin und startete 1988 an den Olympischen Spielen. 1994 trat sie vom Spitzensport zurück. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Partnerin Bernadette im Zürcher Oberland. Ganz führt eine Praxis für Massage und Coaching.

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Welche Berufswünsche hatten Sie als Kind?
Ich wollte Piratin oder Schreinerin werden, doch mein Bruder sagte mir damals, eine Schreinerlehre sei zu streng für eine Frau. Deshalb machte ich zuerst eine Schnupperlehre als Hochbauzeichnerin. Nach zwei Tagen sagten sie mir aber, ich müsse die Woche nicht unbedingt fertig machen. Weil dann eine Stelle als Radio- und Fernsehverkäuferin frei war, machte ich diese Lehre.

Wie wurde aus Ihnen eine Radrennfahrerin?
Als Kind hatte ich nie ein eigenes Velo. Irgendwann lieh ich mir eines meiner Nachbarn aus, doch das war eines für Mädchen, ich wollte aber unbedingt ein Männerfahrrad. Deshalb bin ich mit einem Besenstiel gefahren. Am Pfingstmontag 1980 schliesslich ging ich mit meinem damaligen Freund in Winterthur-Hegi an ein Rennen. Da dachte ich mir: Das möchte ich auch.

Waren Sie auf Anhieb erfolgreich?
Bei meinem ersten Rennen, das ich dann im Herbst 1980 bestritt, wurde ich Dritte.

Das ist doch gut.
(Lacht.) Es waren nur drei Frauen am Start, und ich hatte auf die Siegerin 15 Minuten Rückstand …

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«Ich sagte meinem Masseur, er solle mich so richtig beleidigen»

1985 wurden Sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil Sie in Zürich einen neuen Stundenweltrekord aufgestellt hatten. Doch heute sucht man den vergeblich in den Rekordlisten.
Ich fuhr damals – wie der legendäre Francesco Moser – mit ungleich grossen Rädern. Später strich der Weltverband all diese Zeiten kommentarlos.

Apropos Moser. Auf ihn trafen Sie mal bei «Wetten, dass …?»
Das war 1987 bei der ersten Sendung von Thomas Gottschalk, in der Moser unser Wettpate war. Zusammen mit dem Radrennfahrer Hans Ledermann wollten wir auf einem Tandem einen neuen Stundenweltrekord aufstellen. Leider schafften wir das nicht. Auch, weil wir kurz vor Schluss noch einen Platten hatten.

Wenn man auf Ihre Karriere zurückblickt, fällt vor allem etwas auf: Sie arbeiteten als eine der ersten Sportlerinnen mit einem Mentaltrainer zusammen.
Damals wurde ich deswegen noch schräg angeschaut. Heute wirst du das, wenn du keinen hast. Ich liess mich zum Beispiel jeden Morgen mit einem Kassettli wecken. Eine Stimme sagte mir: «Ich schaffe es. Ich halte durch.» Seitdem bin ich auf diesem spirituellen, esoterischen Weg, denn ich bin davon überzeugt: Wenn du an etwas glaubst, dann kann ich das auch verwirklichen.

Einen besonderen Motivationstrick liessen Sie sich auch für die Bahnrad-WM 1986 einfallen.
Kurz vor der WM hatte ich einen Zeitungsbericht über einen holländischen Leichtathletik-Trainer gelesen, der seine Athletinnen beschimpfte, um sie so zu motivieren. Deshalb sagte ich meinem Masseur Pierre Savary, er solle mich auch so richtig beleidigen.

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Hat das funktioniert?
Naja, beim ersten Lauf schrie er: «Fahr mal, du faule Sau.» Doch ich hatte ihn gar nicht richtig gehört. Als er das beim nächsten Lauf wieder schrie, musste ich in erster Linie lachen.

1987 nahmen Sie an der Tour de France der Frauen teil. Wie war das?
Wir fuhren jeweils die letzten 60 bis 80 Kilometer der Männerstrecke und starteten vor ihnen. Wenn wir im Ziel waren, mussten wir gleich verschwinden, weil dann ja die Männer kamen. Leider fuhr ich die Tour de France aber nicht zu Ende.

Warum nicht?
Nach einer Etappe lag ich im Bett, machte meine Stretching-Übungen und hörte Musik. Als ich die Kassette wechseln wollte, streckte ich das Bein zu sehr, quetschte mir den Meniskus und zog mir einen Riss zu. Ich fuhr danach noch zwei Tage weiter, musste dann aber aufgeben.

Sie gewannen auf der Bahn vier WM-Silbermedaillen, wurden aber nie Weltmeisterin. Fuchst Sie das heute?
Nein, rückblickend betrachtet muss ich sagen, dass ich nie den Ehrgeiz einer wahren Spitzensportlerin hatte. Mir ging es immer vor allem um die Freude und nicht nur ums Siegen.

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War in den 80er-Jahren Doping auch im Frauenradsport schon ein Thema?
Bei mir nicht, möglicherweise aber bei einigen meiner Gegnerinnen. Es gab zum Beispiel eine Amerikanerin, die ich immer bewundert hatte, und die dann später aufflog. Oder eine Holländerin, die ich gut kannte, die während eines Rennens einfach tot vom Rad gefallen ist. Wenn ich an sie denke, kriege ich gleich wieder Hühnerhaut.

«Die Liebe hatte eingeschlagen wie ein Blitz»

1994 traten Sie mit den Worten «Ich wollte nicht mehr Erfolg haben» zurück.
Dieses Zitat stimmt so nicht. Alles, was ich erreichen wollte, hatte ich zu diesem Zeitpunkt geschafft. Der Gedanke an eine Olympia-Goldmedaille machte für mich keinen Sinn mehr. Deshalb hörte ich auf.

Auch ein interessantes Zitat von Ihnen stammt von 1985. Sie sagten damals: «Ich möchte berühmt werden.»
Warum ich das damals gesagt habe, weiss ich heute nicht mehr. Vielleicht, weil berühmte Leute etwas bewegen können oder zumindest die Chance dazu haben.

1999 bewegten Sie etwas, als Sie sich als eine der ersten Schweizer Sportlerinnen outeten. Wie gross war dieser Schritt für Sie?
Gar nicht gross. Mir war immer klar, dass ich irgendwann mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gelangen möchte. Als ich damals Botschafterin der Euro Games wurde, quasi der schwul-lesbischen olympischen Spiele, und gefragt wurde, ob ich lesbisch sei, antwortete ich einfach mit Ja.

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Zuvor waren Sie fast ein Jahrzehnt lang mit einem Mann verheiratet. Wann realisierten Sie, dass Sie auch Frauen lieben?
Ich war damals verheiratet und wirklich glücklich. Doch dann lernte ich 1996 eine Fussballerin von Blue Stars Zürich kennen. Auf dem Nachhauseweg fühlte ich mich wie ein Teenager, weil die Liebe wie ein Blitz eingeschlagen hatte. Mein damaliger Mann hatte keine Chance und dachte zuerst, das sei nur irgendein Spleen. Das war es aber nicht. Zum Glück sind mein Ex-Mann und ich heute beste Freunde.

Als öffentliche Person erhält man auch oft Kritik. Wie war es damals?
Kein Problem, ich nutzte meine Position, um Aufklärung zu betreiben. Und ich verstand auch, dass es Menschen gibt, die damit ein Problem hatten. Doch ich selbst erhielt damals nur einen negativen Brief.

2007 waren Sie erneut eine Vorreiterin. Sie waren die erste Schweizer Sportlerin, die ihre Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare eintragen liess.
Auch damals wollte ich mit diesem Schritt aufklären. Ich konnte ja nicht wissen, dass diese «Ehe» nur zwei Jahre hielt und ich dann quasi auch die erste bekannte Person war, die sich wieder «scheiden» liess. Auf diesen Rekord bin ich definitiv nicht stolz.

In jenen Jahren machten Sie auch eine Ausbildung in spiritueller Sterbebegleitung. Warum?
Ich bin davon überzeugt, dass es ein Leben vor und eines nach dem Tod gibt. Ein sterbender Mensch befindet sich in einem Prozess des Übergangs. Ihn dabei achtsam zu begleiten, ist eine schöne, wenn auch schmerzhafte Erfahrung.

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Konnten Sie das Gelernte je mal anwenden?
Ja, als mein Mami Rosa 2012 verstarb. Damals begleiteten wir sie gemeinsam mit meinen Geschwistern in den Tod. 

Haben Sie Angst vor dem eigenen Tod?
Nein, weil ich glaube, dass es ein Danach gibt, ich weiss einfach nicht, wie das aussehen wird. Wenn ich mir die heutige Gesellschaft anschaue, denke ich manchmal: Es ist schwieriger zu leben als zu sterben.

Ende Juli werden Sie 60. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Ich merke, dass ich heute mehr Linien im Gesicht habe als früher und dass sich generell mein einst so sportlicher Körper verändert. Doch ich kann das akzeptieren. Und ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, 150 Jahre alt zu werden.

Sie sind seit neun Jahren mit Bernadette zusammen. Ist eine Hochzeit nochmals ein Thema?
Ja, doch leider ist bei mir nach zwei gescheiterten Ehen der romantische Teil verflogen.

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Eine letzte Frage noch: Was ist die überflüssigste Erfindung des 21. Jahrhunderts?
Da fällt mir spontan grad nichts ein. Was aber überflüssig war und mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat, war die Spaltung der Gesellschaft während der Corona-Zeit.

«Gab es die Mondlandung? Ich weiss es nicht.»

Wie meinen Sie das konkret?
Während der Corona-Zeit gab es in den Medien sehr viele Prophezeiungen, die nicht eingetroffen sind. Es ging damals sehr viel um Angstmacherei. Vom Hörensagen lernst du lügen.

Sind Sie demnach eine Covidiotin?
(Lacht.) Dieses Schwarz-Weiss-Denken passt mir gar nicht. Ich bin für den Dialog und für Toleranz. Während Corona war das beinahe unmöglich. Jeder, der an der Impfung oder an den Massnahmen zweifelte, wurde als Covidiot und Schwurbler abgestempelt. Deshalb lese ich seitdem keine Zeitungen mehr. In jener Zeit habe ich Novak Djokovic sehr bewundert, der sich geweigert hat, sich zu impfen. Auch ich habe mich nicht impfen lassen. Wenn Sie mich deshalb eine Covidiotin nennen wollen, dürfen Sie das gerne tun. Ich sage immer: Gäbe es einen Verein für Verschwörungstheoretiker, ich würde dem sofort beitreten.

Gewisse Verschwörungstheoretiker behaupten ja auch, dass den Geimpften ein Chip implantiert worden sei. Wurde mir bei der Impfung ein solcher eingepflanzt?
Ich weiss es nicht, im Gegensatz zu Ihnen schliesse ich das nicht aus. Wir wissen es beide nicht. Mich unterscheidet aber von ihnen, dass ich nicht voreingenommen an dieses Thema rangehe und ich nicht blauäugig bin.

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Dass Ihre Kritik der Gleichschaltung der Medien falsch ist, belegt doch die Tatsache, dass Sie hier Ihre krude Sicht der Dinge darstellen dürfen, obwohl die überwältigende Mehrheit der Experten und Wissenschaftlerinnen einer anderen Meinung sind.
Wie vorhin schon gesagt: Mir geht es um den Dialog und die Toleranz. Wir zwei sind offenbar völlig anderer Meinung, aber wir können doch darüber diskutieren, streiten und uns austauschen. Ich akzeptiere Ihre Meinung, auch wenn Sie aus meiner Sicht falsch ist. Aber gleichzeitig sollten Sie auch meine Meinung respektieren, auch wenn wiederum diese aus Ihrer Sicht falsch ist. Wir glauben beide an das Gute im Menschen, aber mit einer komplett anderen Sichtweise.

Apropos Verschwörungstheorien: Dass die Mondlandung 1969 stattgefunden hat, darauf können wir uns aber schon einigen, oder?
Nein, das können wir nicht, denn wir beide waren damals nicht mit dabei und wissen deshalb nicht, ob es die Mondlandung wirklich gab – oder eben doch nicht.

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