Marco Odermatt staunt über Pirmin Zurbriggens Fahrt im Jahr 1985
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Auf Olympia-Strecke in Bormio:Odermatt staunt über Zurbriggens Fahrt 1985

«Stelle ich mir brutal vor»
Odermatt schaut Zurbriggens legendäre Bormio-Fahrt

Vor 41 Jahren ist Pirmin Zurbriggen in Bormio kurz nach einer Knie-OP in sensationeller Manier Weltmeister in der Abfahrt geworden. Marco Odermatt wird am Samstag auf der gleichen Piste um Olympia-Gold in der Abfahrt kämpfen.
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Pirmin Zurbriggen hat schon einen besonderen Pokal aus Bormio: Der Walliser zeigt Marco Odermatt die WM-Trophäe von 1985.
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

  • Marco Odermatt trifft Pirmin Zurbriggen am 6. August 2025 in Zermatt
  • Zurbriggen gewann 1985 WM-Gold drei Wochen nach einer Knieoperation
  • Zurbriggen: Eisige Piste auf Stelvio favorisiert Odermatts Technik für Olympia-Sieg
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Zermatt, am 6. August 2025: Nach einer intensiven Trainingseinheit auf dem Gletscher spaziert Marco Odermatt zum Suitenhotel Zurbriggen, welches nur einen Steinwurf von der Talstation des Matterhorn-Express entfernt steht.

Dieses wunderschöne Haus hat der grosse Pirmin Zurbriggen 1998 gemeinsam mit seiner Frau Moni erbauen lassen. Der Abfahrts-Olympiasieger von 1988 hat das aussergewöhnlichste Kapitel in seiner glorreichen Biografie auf der Piste verfasst, wo Odermatt an diesen Spielen um Olympia-Gold kämpfen wird – auf der Stelvio in Bormio.

Es ist die unglaubliche, aber wahre Geschichte vom Knie der Nation. Drei Wochen nachdem er sich im Januar 1985 beim Sieg in Kitzbühel am Meniskus verletzt hat und operiert werden musste, hat Zurbriggen WM-Gold in der Abfahrt gewonnen. Zurbriggen serviert Odermatt ein kühles Getränk, dann schauen sich die bedien erfolgreichsten Athleten der Schweizer Ski-Geschichte Pirmins Goldfahrt auf dem Laptop des Blick-Reporters an.

Odermatt: Das sieht schon sehr geil aus!

Zurbriggen: Findest du das wirklich?

Odermatt: Ja! Heute reden wir ständig über Tempokontrolle, aber damals war die Kurssetzung auf der Stelvio ja extrem gerade. Deshalb sind vor allem die Sprünge im oberen Abschnitt weiter gegangen als heute. Dabei sollte man nicht vergessen, dass das Material in den 80er-Jahren ganz sicher nicht so stabil war wie in meiner Zeit.

Zurbriggen: Ich hatte damals das Gefühl, dass wir sehr gut geschützt sind. Aber wenn ich mir eines von deinen Rennen anschaue, muss ich eingestehen, dass wir vergleichsweise schlecht geschützt waren. Der Airbag war in den 80er-Jahren noch nicht in Sicht, in Kitzbühel wurde die Mausefalle bis 1987 nicht von einem Fangnetz, sondern von einem Holz-Staketenzaun abgesichert. Anstatt mit blauer Farbe wurden unsere Rennstrecken mit Tannenchries markiert. Und im Riesenslalom bin ich ausschliesslich ohne Helm gestartet.

Odermatt: Wirklich? Riesenslalom ohne Helm stelle ich mir brutal vor!

Zurbriggen: Für mich war das nie ein Problem, weil in meiner Jugendzeit niemand einen Helm getragen hat. Mein Vater hätte mich ausgelacht, wenn ich ihn gebeten hätte, mir einen Helm für die technischen Disziplinen zu kaufen. Aber mit den über zwei Meter langen Latten, die wir im Riesen- und Slalom angeschnallt haben, war das Tempo auch nicht so hoch wie jetzt.

Blick: Zurück zu Ihren Heldentaten vor 41 Jahren in Bormio: Wie war es möglich, dass Sie so kurz nach einer Knieoperation Gold in der Abfahrt und in der Kombination gewonnen haben?

Zurbriggen: Ich konnte dank der damals komplett neuen Form der Arthroskopie schon fünf Tage nach dem Eingriff am Meniskus eine Jogging-Runde absolvieren. Der Arzt hat mich schier für verrückt erklärt, als ich ihm das erzählt habe. Aber es hat wirklich perfekt funktioniert. Aber heute muss ich den Preis dafür zahlen.

Odermatt: Inwiefern?

Zurbriggen: Zu den Langzeitfolgen kann ich dir sagen, dass mein Knie bis zum 60. Geburtstag phänomenal funktioniert hat. Aber jetzt spüre ich es schon ziemlich heftig. 

Wie heftig waren die verbalen Auseinandersetzungen, die Sie sich mit Peter Müller, der bei der WM-Abfahrt hinter Ihnen Zweiter wurde, geliefert haben?

Zurbriggen: Es hat in unserer Mannschaft einige gegeben, die nie mit Pitsch ein Hotelzimmer teilen wollten. Aber ich hatte damit überhaupt kein Problem. Und ich habe mit Pitsch kürzlich in Crans-Montana, wo er 1987 bei der WM-Abfahrt vor mir Gold gewonnen hat, zwei sehr schöne Tage erlebt.

Müller hat aber im letzten Jahr in einem Interview mit dem «Walliser Boten» behauptet, dass Sie ihn nach einem Weltcuprennen im argentinischen Las Leñas eine Woche lang nicht gegrüsst hätten, nachdem er gewonnen habe und Sie auf dem dritten Rang gelandet sind.

Zurbriggen: Das stimmt nicht. Und es gibt eine Geschichte, die ein Beleg dafür ist, dass der in Wahrheit herzensgute Peter Müller der Öffentlichkeit immer ein Bild von unserer Beziehung vermitteln wollte, welches nicht der Realität entspricht.

Blick: Erzählen Sie uns diese Geschichte?

Zurbriggen: Es war in einem Trainingscamp in Sölden, als ein Fotograf kurz vor dem Auftakt in die Weltcup-Saison ein Foto von Pitsch und mir machen wollte. Ich habe dem Foto-Reporter sofort zugesagt, aber Müller schaltete plötzlich auf stur: Mit dir mache ich kein Foto. Ich war schier fassungslos und fragte, ob er etwas getrunken hätte. Pitsch wiederholte, dass er kein Bild mit mir machen würde. Erst als der Fotograf den Vorschlag machte, dass er uns Rücken an Rücken stellen würde, gab Müller seine Zusage für das Shooting.

Odermatt: Das heisst im Klartext, dass er mit diesem Foto kurz vor Saisonbeginn untermauern wollte, dass ihr nicht in erster Linie Teamkollegen, sondern Konkurrenten seid.

Zurbriggen: Ja. Aber ich wollte es nie so empfinden. Ich war nämlich immer der Meinung, dass du mit dieser Tour längerfristig Zweiter machst. Für mich war es immer wichtig, dass Mannschaftsintern Zufriedenheit herrscht. Aktuell ist es im Swiss-Ski-Team auch so. Und ich habe das Gefühl, dass du, lieber Marco, hauptverantwortlich für diese positive Stimmung bist.

Odermatt: Dazu muss ich aber auch ganz ehrlich sagen, dass es aus meiner Sicht auch viel einfacher ist, für eine gute Stimmung zu sorgen als für einen Athleten, der noch nicht so viel gewonnen hat. Ich kann das teaminterne Duell mit einem Loïc Meillard lockerer bestreiten, weil ich ja die meisten Goldmedaillen und Kristallkugeln schon gewonnen habe.

Zurbriggen: Wir waren in den 80er-Jahren in der Technik-Trainingsgruppe auch eine sehr verschworene Einheit, obwohl auf der Piste jeder dem anderen gefährlich werden konnte. 1985 waren wir im Weltcup-Riesenslalom besonders stark. Dennoch war unser Cheftrainer während des WM-Riesen richtig böse.

Odermatt: Aus welchem Grund? 

Zurbriggen: Das Rennen hat für uns schlecht begonnen. Riesen-Olympiasieger Max Julen, Martin Hangl und Thomas Bürgler, der den letzten Weltcup-Riesenslalom vor der WM gewonnen hat, haben viel Zeit verloren. Als ich mit der Nummer 15 am Start stand, brüllte Cheftrainer Frehsner in den Funk: «Tami numal, was seid ihr für Hosenscheisser! Gebt endlich richtig Stoff!». Das Problem: Der österreichische Trainer hat den ersten Lauf gesetzt und wir sind davon ausgegangen, dass er für Hans Enn einen stark drehenden Lauf setzen würde, aber genau das Gegenteil war der Fall – es ging teilweise pfiifegrad das Loch hinunter. Deshalb ist auch Hans Enn im Startgelände schier ausgeflippt. «Unser Trainer is a depperte Sau!», sagte er.

Odermatt: Solche Reaktionen bin ich nach den Besichtigungen von Henrik Kristoffersen gewohnt. Aber wie ist dieses Rennen damals ausgegangen?

Zurbriggen: Der deutsche Markus Wasmeier wurde quasi aus dem nichts Weltmeister. Ich habe mit vier Hundertsteln Rückstand Silber gewonnen. Kürzlich habe ich länger mit Wasi telefoniert. Er ist ein sehr netter Kerl.

Odermatt: Mit welchen deiner ehemaligen Rennfahrer-Kollegen hast du sonst noch Kontakt? 

Zurbriggen: Abgesehen von meinem Zermatter Freund Max Julen ist das interessanterweise Marc Girardelli, mit dem ich zu Aktivzeiten kaum Kontakt hatte. Nach dem Ende unserer Rennfahrer-Karrieren haben Marc und ich bemerkt, dass uns viel mehr verbindet, als wir geglaubt haben. 

Der Zeitpunkt ist gekommen, wo sich der erfolgreichste Skirennfahrer der 80er-Jahre und der grösste Alpin-Champion der Gegenwart die Hand zum Abschied reichen. 24 Stunden vor dem Start zur Olympia-Abfahrt meldet sich Zurbriggen telefonisch bei Blick und gesteht, dass er sich mit einem Sieger-Tipp «sehr schwertue». Das Endergebnis werde stark von den Pistenbedingungen abhängen. Zurbriggen: «Ich wünsche mir für Marco, dass die Nacht vor diesem Rennen klar ist, damit es auf der Stelvio ordentlich klappert. Je eisiger und schwieriger die Piste ist, umso besser für Marco. Dann kann er mit seiner genialen Technik den Unterschied machen.»

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