So reiste die verletzte Vonn zurück in die USA
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Olympia der grossen Emotionen
Vonns Drama, die Seitensprungbeichte und ein Glamour-Paar

Bei Olympia zählen vorallem die Medaillen – und wie es dazu kam. In den vergangenen Wochen wurden auch viele emotionale Dramen geschrieben. Ein Blick zurück auf Momente, die bleiben.
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Da schauten sie mal kurz verwirrt: US-Vize JD Vance und seine Frau Usha wurden beim Einmarsch des US-Teams während der Eröffnungsfeier auf der Grossleinwand eingeblendet und prompt ausgebuht.
Foto: Getty Images
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Patrick MäderAutor Blick Sport

Politisch brisant wurden die Olympischen Spiele in Italien bereits an der Eröffnungsfeier: Als US-Vizepräsident JD Vance und seine Frau Usha während des Einmarsches der US-Athleten auf dem Stadionscreen eingeblendet wurden, gab es Pfiffe und Buhrufe. Vance, dessen Tross mit 14 Flugzeugen und 100 Autos nach Mailand gereist war, bekam umgehend Rückendeckung von seinem Chef in Washington. Trump kommentierte die Pfiffe mit dem Satz: «In den USA passiert ihm das nicht.»

Was passieren kann, wenn man Trump und seine Getreuen kritisiert, musste Ski-Freestyler Hunter Hess unliebsam erfahren. Er sagte bei einer Pressekonferenz, es rufe bei ihm «gemischte Gefühle» hervor, die USA zu vertreten. Nur weil er die Flagge trage, heisse das nicht, dass er alles repräsentiere, was gerade in den USA geschehe. Hunter wurde daraufhin in den sozialen Medien beschimpft. Der Boxer und US-Youtuber Jake Paul riet ihm, in ein anderes Land zu ziehen. Präsident Trump erklärte, Hess sei ein «echter Loser»; es sei schade, dass er bei den Spielen dabei sei. Hunter revanchierte sich später. Als er den Final in der Halfpipe erreichte, formte er mit den Fingern ein «L» vor seiner Stirn, das Zeichen für «Loser».

Vonns doppeltes Drama

Mehr Schlagzeilen und solche ganz anderer Art bekam Lindsey Vonn. Ohne Drama geht es bei ihr nicht. Als bei der Abfahrt der Frauen alle Augen auf die US-Ski-Queen gerichtet waren, passierte Schreckliches: Trotz Kreuzbandriss wollte die 41-Jährige Olympia-Gold gewinnen, doch es kam ganz anders – kurz nach dem Start hängte sie mit dem rechten Arm an einem Tor ein, verdrehte sich, stürzte schwer und erlitt eine komplexe Fraktur des Schienbeins.

Ihre Schreie, die viel zu lange von den Mikrofonen an der Strecke eingefangen wurden, liessen uns am TV erschaudern. Seither wurde Vonn fünfmal operiert, der zertrümmerte Knochen mit Platten und Schrauben wieder stabilisiert. Auf ihrem Instagram-Kanal kann jeder mitlesen und mitleiden. Und damit nicht genug des Dramas: Am Tag ihres Sturzes starb ihr Hund Leo. Sein Herz hatte versagt. Vonn hinterliess eine letzte Botschaft an ihn: «Ich werde dich für immer lieben, mein grosser Junge.»

Seitensprungbeichte zur falschen Zeit

Ja, die Liebe. Sie hat ihre Tücken. Das musste auch Biathlet Sturla Holm Laegreid erfahren. Der Norweger gewann im Einzel Bronze, gestand danach vor laufender Kamera, dass er seiner Partnerin, die er erst vor sechs Monaten kennengelernt hatte, vor drei Monaten untreu gewesen sei. Und das, obwohl die Betrogene die Liebe seines Lebens sei. Er wolle sie nun mit seiner Offenheit zurückgewinnen, nachdem sie sich von ihm wegen seines Seitensprungs getrennt hatte. Doppelt bitter: Kein Mensch sprach nach dieser Beichte noch von der gewonnenen Bronzemedaille, und seine gehörnte Ex-Freundin meldete sich auch noch zu Wort: «Es ist schwer, zu vergeben. Selbst nach einer Liebeserklärung vor der ganzen Welt.»

Wie schnell ein Mensch bergauf auf Langlaufski sein kann, zeigte ein anderer Norweger: Superstar Johannes Kläbo. Das Bild, das zeigt, wie er dank einer unvergleichbaren Technik den Berg hinauffliegt, gehört zu den absoluten Highlights dieser Spiele. «Lauf, Kläbo, lauf!» Die Anlehnung an die Filmszene aus «Forrest Gump» passt prima. Denn während seiner Goldjagd in Italien ging ein älteres Video des Norwegers viral, das Kläbo auf einem Bänkchen sitzend zeigt. Er sagt: «Und von diesem Tag an konnte ich schneller rennen, als der Wind bläst» – ganz genau so, wie es einst Tom Hanks gesagt hatte, bevor er losrannte. Kläbo hat nun insgesamt elf olympische Goldmedaillen gewonnen, sechs allein an diesen Spielen, und ist damit der erfolgreichste Wintersportler der Geschichte.

Michelle Gloor setzt sich neue Ziele

Vielleicht die schönste Story liefert eine Schweizerin. Der grosse Traum der Bobfahrerin Michelle Gloor war, an Olympia am Start zu stehen und Geschichte zu schreiben. Der verdammte Krebs hatte etwas dagegen. Noch im Sommer schien sie auf gutem Weg, fühlte sich gut und geheilt. Doch dann der Rückschlag: «Im November musste ich notfallmässig ins Spital. Dort sah man, dass der Krebs wieder da ist. Die Ärzte empfahlen eine Strahlentherapie. Deswegen musste ich leider meine Bobsaison beenden – sprich, den Olympiatraum musste ich begraben.»

Trotzdem reiste sie nach Cortina, nicht als Athletin, aber als Fan ihres Verlobten Cédric Follador (31), Pilot von Bob Schweiz 2. Man sah sie ein Schild in die Höhe halten, auf dem stand: «My fiancé slides better than yours», was mit «Mein Verlobter fährt schneller Bob als deiner», übersetzt werden kann.

Sam Farmer, ein Journalist der «Los Angeles Times», sass während der Olympischen Spiele im Bus zufällig Michelle Gloor gegenüber. Er sprach sie an: «Wie geht es Ihnen?» – «Ich bin nervös», antwortete sie. Und so entwickelte sich ein langes Gespräch darüber, wie schnell sich ein Leben ändern kann. Die «Los Angeles Times» hat Michelle Gloors Schicksal darauf publiziert. Eine berührende Geschichte, die nicht traurig endet (dass nach den Olympischen Spielen weitere Untersuchungen für die Schweizerin anstehen), sondern hoffnungsvoll, gespickt mit neuen Träumen: «Mein Ziel ist, in vier Jahren bei den Olympischen Spielen dabei zu sein», sagt sie. «Dann werde ich 29 sein. Das Alter ist noch gut – für eine Bobfahrerin sogar besser als jetzt.»

McGraths Flucht in den Wald

Olympia, das ist der Ort, an dem Kindheitsträume in Erfüllung gehen – oder zerplatzen können. So wie bei Atle Lie McGrath. Der Norweger startete als Führender in den zweiten Lauf beim Olympiaslalom von Bormio. Sein Vorsprung war riesig. Doch er schied aus und wollte nur noch weg. Er schleuderte die Skistöcke von sich, stieg aus seinen Latten und marschierte quer über die Piste in Richtung Wald, um sich dort am Rand in den Schnee zu legen. Selten wurde eine Enttäuschung bildlich so emotional festgehalten wie bei McGrath.

Ausgeschieden war er vor den Augen des Schweizer Trainers Thierry Meynet, der über das Missgeschick des Norwegers ausgelassen jubelte – weil damit klar war, dass sein Schützling Loic Meillard Gold gewonnen hat. Dieser Jubel hatte den Schmerz des Norwegers noch verstärkt. «Ich brauche Hilfe», sagte er danach zurück im Ziel. «Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es ist der schlimmste Moment meiner Karriere». Zu Beginn der Spiele hatte er seinen Grossvater verloren, zu dem er ein inniges Verhältnis hatte. Ihm wollte er diese Goldmedaille widmen. Jetzt muss er erst mal eine grosse Niederlage verarbeiten. «Lieber Fafao», schrieb er danach, «ich habe alles gegeben, habe versucht, die zerbrochenen Stücke meines Herzens zu reparieren. Nur damit es wieder zerbricht.» 

«Manche Dinge sind wichtiger als Medaillen»

Zum Start gar nicht erst zugelassen wurde der Ukrainer Wladislaw Heraskewitsch. Er wollte im Skeleton mit einem Helm starten, auf dem Fotos von im Krieg getöteten Athletinnen und Athleten seines Landes zu sehen sind. Nach ukrainischen Angaben haben inzwischen 680 Sportler und Trainer durch russische Angriffe ihr Leben verloren. Das IOC disqualifizierte Heraskewytsch mit der Begründung der politischen Propaganda.

IOC-Chefin Kirsty Coventry, früher selbst eine Spitzenathletin, erklärte unter Tränen: «Wir haben diese Regeln, um fair zu sein und den Athleten beides zu ermöglichen: ihre Meinung zu sagen, aber auch sicher zu sein.» Aus dieser Begründung wurde niemand so richtig schlau. 

Heraskewitschs Vater, der nach Italien gereist war, um seinen Sohn anzuspornen, sah man danach weinend im Schnee sitzen, eine herzzerreissende Szene. Sein Sohn sagte derweil: «Manche Dinge sind wichtiger als Medaillen.» Er zog mit seinem Fall schliesslich vor das Internationale Sportgericht CAS. Egal, was in Lausanne entschieden wird, es wird dem Ukrainer nicht das zurückgeben können, was er eigentlich erleben wollte: bei Olympia, diesem Fest des Sports, dabei zu sein, um sein Bestes zu geben und seine Liebsten stolz zu machen.

Immerhin wurde Heraskewitsch daheim in der Ukraine nicht ganz überraschend wie ein Kriegsheld gefeiert. Nach seiner Rückkehr erfuhr er nicht nur moralische Unterstützung, sondern auch finanzielle: Der Milliardär Rinat Achmetow kündigte an, Heraskewitsch knapp 200’000 Euro zukommen zu lassen. Die Summe entspricht der Prämie für eine olympische Goldmedaille. Es sei eine Anerkennung für seinen «Kampf für die Interessen der Ukraine auf internationaler Bühne».

Alle Augen und alle Kameras auf die Holländerin gerichtet

Für viel Furore sorgte auch Eisschnellläuferin Jutta Leerdam. Während sie auf dem Eis zu Gold lief, weinte auf der Tribüne ihr Verlobter Jake Paul vor laufender Kamera Freudentränen. Die permanente Inszenierung der Eitelkeiten gehört zum Alltag des Glamour-Paars.

Die Tochter eines Tomatenbauern reiste im Privatjet nach Mailand zu den Spielen. Das weckte natürlich die Neider und begeisterte die Verehrer. Als Influencerin spricht sie über Menstruationsgesundheit und Druck rund um Gewichtsmanagement, sie bricht Tabus und lässt alle an ihrer Extravaganz teilnehmen.

So weiss ihre Fangemeinschaft auch, dass sie kurz nach dem Olympiasieg mit ihrem Freund nach Miami geflogen ist und ihn in eine Klinik begleitet hat. Dort wurde er zum wiederholten Mal operiert. Grund: Jake Paul, der sich als Boxer inszeniert und damit Millionen generiert, ging im Dezember gegen Ex-Champion Anthony Joshua brutal k.o., erlitt einen doppelten Kieferbruch. Seither trägt er Titanplatten im Gesicht – und ein paar neue Zähne.

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