Erste Spiele als Swiss-Olympic-Präsidentin
Metzler-Arnold träumt in Italien von Olympia in der Schweiz

Mit Kuhglocken, Fahnen und Goldjubel erlebt die höchste Sportlerin des Landes die ersten olympischen Stunden in Bormio – in ihrem Kopf schon die Zukunft der Spiele in der Schweiz.
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Yara Vettiger (Text) und Pascal Mora (Bilder), aus Bormio
Schweizer Illustrierte

Mitternacht. Mailand geht schlafen, als ein Fahrzeug mit Kennzeichen Appenzell Innerrhoden die Autostrada Richtung Nordosten nimmt. Die olympische Eröffnungsfeier war lang und berührend für Ruth Metzler-Arnold (61). Sie ist als Swiss-Olympic-Chefin dabei, als im Fussballstadion San Siro Superstar Mariah Carey singt, Laura Pausini die italienische Nationalhymne anstimmt. «Es war eine würdige Eröffnungsfeier. Man hat nicht versucht, einen Gigantismus herbeizuzaubern, die Feier passte zu Italien. Da war Mode, Flair. Einfach Italianità», sagt sie.

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Inmitten der Fans fiebert die Swiss-Olympic-Präsidentin Ruth Metzler-Arnold (in roter jacke, rechts) in der Männer-Abfahrt mit.
Foto: © Pascal Mora

Nach der Feier überwindet die frühere CVP-Bundesrätin mit ihrem Gatten Stephan Zimmermann (69) und ihrer Mitarbeiterin Melanie Bernhard (50) über 1000 Höhenmeter. Um drei Uhr nachts kommt das Trio nach 200 Kilometern Fahrt in der gemieteten Wohnung in Bormio an – inklusive Souvenir aus der Modestadt. «Stephan hat mir in Mailand eine Swatch gekauft, im richtigen Schweizer-Stil!» Stolz zeigt die Luzernerin tags darauf ihr Handgelenk: ein Zifferblatt mit einer Kuh in einem Herz, das Band mit Edelweiss bestickt samt Glöckchen dran.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Es war eine kurze Nacht für die höchste Sportlerin der Schweiz. Am letzten Samstag steht die Männer-Abfahrt auf der legendären Stelvio an. «Ich bin kurze Nächte gewohnt», sagt die alt Bundesrätin schulterzuckend. In Mailand merke man wenig vom Olympia-Feeling, wenn man nicht gerade bei der Eröffnungsfeier dabei sei. «Hier in Bormio hats überall Fahnen, die Stimmung ist so, wie man sich Olympia vorstellt.» 

Sportexperten unter sich: Die alt Bundesrätin scherzt mit Olympiasieger Beat Feuz, der nun für SRF Rennen kommentiert.
Foto: © PASCAL MORA

Mitten im Olympia-Fieber

Franjo von Allmen (24) ist es schliesslich, der die Menge zum Toben bringt. Kuhglocken läuten, Fahnen wehen, als der Berner Oberländer über die Ziellinie rauscht – und die Abfahrt gewinnt. Ruth Metzler-Arnold springt auf der Zuschauertribüne auf und jubelt laut mit der Schweizer Fahne in der Hand. «Dass Franjo gewonnen hat, genial – was für ein Start! Er präsentiert die Schweiz mit seiner unheimlich bodenständigen Art.»

Lautstarker Olympia-Jubel für die Schweiz: «Ich möchte möglichst viele Athletinnen und Athleten im Einsatz sehen», sagt Ruth Metzler-Arnold mittendrin.
Foto: keystone-sda.ch

Nach der Abfahrt schlendert die Swiss-Olympic-Chefin durch die Gassen und fällt in ihrer rot-weissen Delegationsbekleidung auf. Sie wird ständig angesprochen, alle wollen ein Selfie mit ihr: Fans in Käse-Shirts, offizielle Mitarbeiter, sogar eine italienische Polizistin spricht sie an, will ihr den Pin von der Jacke mit Schweizer Flagge und dem olympischen Zeichen abluchsen. Pins tauschen ist so ein Ding an Olympischen Spielen. Metzler-Arnold vergibt ihren gern. «Ich habe ja noch meine Kette!» Um den Hals trägt sie eine Kette mit den olympischen Ringen. Während der hohe Gast alle paar Meter anhalten muss, bleibt ihr Mann, Verwaltungsratspräsident der VP Bank, geduldig. «Das bin ich gewohnt», sagt er lächelnd. «Ich bin da relaxt.»

Alte Bekannte: Unterwegs in Bormio trifft Ruth Metzler-Arnold auf Didier Défago. Den ehemaligen Skirennfahrer kennt sie seit seiner Aktivzeit.
Foto: © PASCAL MORA

Auf dem Weg zur Bormio Bar alias «House of Switzerland» sagt Metzler-Arnold: «Ich werde die meisten Wettkampfstätten besuchen, in Cortina, im Val di Fiemme und in Anterselva. Ich möchte möglichst viele Athletinnen und Athleten im Einsatz sehen und will überall präsent sein.» Gleichzeitig schaut sie genau hin. Wie die Menschen anreisen, wie sich die Wettkämpfe in die Dörfer einfügen. «Die dezentrale Struktur interessiert mich.» Die Kandidatur der Schweiz für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2038 hat die höchste Sportlerin der Schweiz stets im Hinterkopf.

Tête-à-Tête mit Olympiasieger

«Wenn Olympische Spiele nachhaltig sein sollen, dann müssen sie genau so gedacht werden», sagt sie. In der Schweiz seien die Voraussetzungen dafür ideal. «Wir haben eine unvergleichlich gute Infrastruktur, vor allem beim öffentlichen Verkehr. Und wir haben bestehende Wettkampfanlagen. Nichts würde extra für Olympia gebaut werden.» Metzler-Arnold bleibt stehen. «Und ganz ehrlich: Wenn nicht in der Schweiz nachhaltige Olympische Spiele möglich sein sollen – wo denn sonst?»

Bei aller Euphorie weiss Metzler- Arnold, dass diese Tage auch einen ernsten Unterton haben. Die Tragödie von Crans-Montana hat die Schweiz erschüttert – und verbindet sie mit Italien auf traurige Weise. «Das beschäftigt uns, ich hoffe, der Sport steht im Mittelpunkt, und vertraue darauf, dass die italienische Bevölkerung sehr gut einschätzen kann, dass unsere Sportlerinnen und Sportler nicht für das Unglück verantwortlich sind.»

Auf der Strasse taucht plötzlich ein bekanntes Gesicht auf: Didier Défago, ehemaliger Skirennfahrer, Olympiasieger, CEO des Organisationskomitees der WM 2027 in Crans-Montana und alter Freund. Die beiden umarmen sich herzlich. Im House of Switzerland angekommen, schwelgt Metzler-Arnold in Erinnerungen. «Ich war bereits vor 21 Jahren an den Ski-WM hier in Bormio, damals noch als Präsidentin der Schweizer Sporthilfe.»

Sie verrät spitzbübisch: «Didier wurde ja an der WM Sechster. Wir haben im damaligen House of Switzerland zusammen getanzt.» Dann lacht sie. «Er hat mich beim Tanzen gefragt: «Qu’est-ce-que dit Monsieur?» (Was sagt Ihr Mann dazu?) Was sie darauf geantwortet hat, mag sie nicht verraten. Jetzt geniesst sie erst mal eine Fleisch- und Käseplatte. Wie es sich für eine Schweizerin gehört – auch mitten in Italien.

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