Swiss-Olympic-Boss Jürg Stahl im Lockerungs-Interview
«Ich kenne alle sieben Bundesräte persönlich»

Grosser Tag für den Schweizer Sport: Nach zwei Monaten ist das Grounding vorbei. Jürg Stahl über die Lockerung, Staatshilfe, die Zukunft und die Kritik von Urs Lehmann.
Publiziert: 11.05.2020 um 12:25 Uhr
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Jürg Stahl kämpft für den Schweizer Sport.
Matthias Dubach

BLICK: Ab Montag geht’s wieder los mit Sport, allerdings unter Auflagen und in höchstens Fünfergruppen. Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Jürg Stahl: Ganz klar halb voll. Ich bin sehr froh, konnten wir mit unserem Einsatz dazu beitragen, dass der Sport in der zweiten Etappe der Lockerung mit dabei ist. Natürlich bleiben für die Mannschaftssportarten oder Turnriegen die Fünfergruppen eine Einschränkung. Aber es lässt sich mit guten Ideen doch spannende und spassige Trainings machen. Bedeutsam ist aber noch was anderes.

Was meinen Sie?

Der Sport war während acht Wochen gegroundet. Nun dürfen sich die rund 2 Millionen eingeschriebenen Mitglieder der 19000 Schweizer Vereine wieder treffen. Der soziale Kontakt in Vereinen ist für viele Menschen ein wichtiger Lebensinhalt. Alle haben diesen Tag herbeigesehnt, auch wenn der Schalter noch nicht ganz gedreht wird und Trainings nur mit Schutzkonzepten möglich sind.

Dreht der Profi-Fussball zu sehr am Schalter?

Ich habe Verständnis, dass jede Sportart für sich kämpft. Das ist die Sport-DNA. Jeder will gewinnen. Trotzdem sind wir als Ganzes eine Familie und wollen gesamtheitliche Lösungen. Klar ist, dass die Ansprüche der grossen Mannschaftssportarten alleine nicht zu mehrheitsfähigen Lösungen führen. Ich kenne das Innenleben des Parlaments nach fast 20 Jahren Zugehörigkeit genau; es braucht Argumente und Vertrauen. Auch wenn die Spielersaläre der grossen Mehrheit im Eishockey und Fussball durchaus vertretbar sind, die Diskussion wird um die Spitzenverdiener und die Exzesse geführt. Das mit Steuergeld zu stützen, ist nicht mehrheitsfähig.

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Also hat der Fussball schlechte Karten?

Man kann den Profisport nicht isoliert betrachten. Im System Sport-Schweiz hängt alles zusammen. Geht ein grosser Profi-Verein unter, sind auch hunderte Junioren, Schiedsrichter und Partnerklubs betroffen. Es geht auch um Arbeitsplätze. Der Sport mit seiner grossen Vielfalt im Breiten-, Nachwuchs- und Leistungssport und den tausenden von Wettkämpfen, Events und Meisterschaften sorgt für fast 100´000 Vollzeitstellen in der Schweiz. Diese grosse Komplexität nach aussen verständlich zu machen, ist die grosse Herausforderung für uns Sportvertreter.

Ende Monat will Swiss Olympic an einem Zukunftstag die «Strategie Sportwirtschaft», präsentieren. Zu spät?

Was heisst spät…? Klar, es mag Druck geben, dass alles schneller und lauter sein muss. Aber mit der Strategie Sportwirtschaft 5.0 geht es gerade darum, das Sportsystem Schweiz, mittel- und langfristig zu sichern und weiter zu entwickeln. Dazu brauchen wir exakte Zahlen, die wir plausibel aufzeigen wollen. Und das braucht halt eine gewisse Zeit. Nur so können wir mit Handlungsoptionen und einem Massnahmenkatalog für die nationalen Sportverbände Bedürfnisse aussprechen und gegenüber der Politik Forderungen stellen. Die Sport-Wirtschaft hat schliesslich eine Brutto-Wertschöpfung von rund 12 Milliarden, das sind fast 2 Prozent vom BIP.

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Wurde der Sport vom Bundesrat stiefmütterlich behandelt? Swiss-Ski-Boss Urs Lehmann sagt im SonntagsBlick, dass Sie zu wenig fordernd aufgetreten sind.

Dass der Sport kommunikativ vom Bundesrat zunächst nicht erwähnt wurde, hat die Sportfamilie berührt. Auch ich habe mich aufgeregt und dies auch kundgetan, aber dann muss man das abhaken. Denn inhaltlich ist der Sport nicht durchgefallen. Bei den Soforthilfen war der Sport von Anfang an dabei. Jetzt bei der Lockerung sind wir in Stufe 2 dabei. Der Sport hat in der Politik viel Goodwill. Dafür arbeiten wir. Es ist sicher eine gute Voraussetzung, dass ich aus meiner Zeit in Bern alle sieben Bundesräte persönlich kenne. Und übrigens…

…ja, bitte?

Ich fordere viel für den Sport. Und zwar auf meine Art, Swiss Olympic zu präsidieren. Die Resultate der vergangenen drei Jahre sind bemerkenswert. Mein Team von Swiss Olympic und ich müssen uns diesbezüglich nicht rechtfertigen. Wir arbeiten mit Sachlichkeit, lösungsorientiert und der Gesamtbetrachtung des Schweizer Sportsystems und liegen damit nicht schlecht.

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Aber 100 Millionen an Staatshilfe werden nicht reichen.

Das war das erste Paket der Soforthilfe für zwei Monate. Wir sind sehr froh drum. Es kam auch schon zu Auszahlungen, obwohl die Hürden ziemlich hoch sind. Aktuell sind wir an Vorschlägen, wie die Fristen verlängert und nötige Anpassungen durch den Bundesrat gemacht werden könnten. Nach der aktuellen Beurteilung wird es sicher mehr Geld brauchen, vor allem wenn die Internationalität des Sports, grosse Wettkämpfe und Meisterschaften noch länger ausfallen sollten. Auch der Finanzminister und ehemalige Sportminister hat sich in diese Richtung geäussert. Es gibt Anzeichen, auch durch unsere Bestrebungen, dass man den Betrag noch nach oben korrigieren wird.

Wieviele Millionen zusätzlich erwarten Sie?

Schwierig abzuschätzen. Eine Herausforderung ist zudem, dass viele Finanzprobleme verzögert auftauchen werden. Wenn bei tausenden Vereinen das jährliche Grümpelturnier, die Abendunterhaltung oder die Beiz am Stadtfest ausfällt, zeigt sich das Loch erst Ende Jahr.

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Swiss Olympic zahlt jährlich 60 Millionen an die Verbände. Ist das auch 2020 möglich?

Ja. Ich bin sehr froh, dass wir damit den Verbänden in diesen Zeiten diese Gewissheit bieten können. Die erste Tranche wird in den nächsten Tagen ausbezahlt.

Ist auch 2021 bereits gesichert?

Da gibt’s noch einige unklare Faktoren. 80 Prozent unserer Einnahmen stammen von den Lotterien und vom Bund. Mit der Strategie Sportwirtschaft 5.0 können wir ziemlich genau die unterschiedlichen Szenarien in Modellrechnungen abbilden.

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Im September soll die Rad-WM in der Schweiz stattfinden. Ist das realistisch?

Wenn es die Situation der Pandemie ermöglicht: ja! Irgendwann kommt der erste internationale Sportanlass in der Schweiz nach der Krise. Das wird ein wichtiger Meilenstein. Selbst wenn es noch nicht der ganze grosse Erfolg wird und womöglich weniger Zuschauer zugelassen sind. Meine grössere Sorge ist eine andere.

Welche?

Die Reisebeschränkungen. Die besten Radprofis der Welt müssen anreisen können. Da sind wir bereits im Kontakt mit den Behörden. Es ist sehr wichtig, das Thema frühzeitig auszuloten und nach Lösungen zu suchen. Das gilt übrigens auch für die Schneesport-Weltcupsaisons und alle internationale Anlässe im In- und Ausland.

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Wie realistisch ist Tokio 2021?

Ich bin zuversichtlich. Man muss wissen, dass bei Grossanlässen Krankheiten schon immer ein Thema waren. 2018 in Korea sind drei Schweizer Freestyler am Norovirus erkrankt. Da hatten unsere Ärzte brillant reagiert und sie sofort isoliert. In Rio 2016 war Zika ein grosses Thema. Natürlich ist Corona eine andere Dimension. Aber die Olympische Idee hat bisher alle Krisen überstanden: Weltkriege, Terroranschläge, politische Krisen, Boykotte.

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