China kündigt drastische Sanktionen an
Das droht der Schweiz bei einem Olympia-Boykott

Ein Jahr vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele droht China Ländern, die über einen Boykott nachdenken, mit harten Konsequenzen. «Das sind keine leeren Drohungen», so ein China-Experte. Er sagt, was Ländern wie der Schweiz blühen könnte.
Publiziert: 12.02.2021 um 13:23 Uhr
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Maskottchen enthüllt: Peking lässt sich nicht beirren.
Dino Kessler und Emanuel Gisi

Im Februar 2022 sollen rund 90 Länder ihre Sportler nach China entsenden. Im Reich der Mitte will das Internationale Olympische Komitee (IOC) seine Winterspiele aufziehen, mag kommen, was wolle. Im Westen formiert sich nun eine breite Front von Olympiagegnern, Chinakritikern und Menschenrechtlern, die gegen Olympische Spiele in China in Stellung geht.

Und Peking? Droht präventiv schon mal mit ernsthaften Gegenmassnahmen. Als ob die Funktionäre nicht schon genug Sorgen hätten.

Anfang Februar hat ein Bündnis von 180 Menschenrechts-Gruppierungen die internationale Gemeinschaft erneut dazu aufgefordert, die Spiele in Peking zu boykottieren. Britische und Kanadische Parlamentarier fordern, dass Peking die Spiele entzogen werden. Das US-Aussenministerium spricht von Völkermord an der islamischen Minderheit der Uiguren, ein Rechtsakt steht im Raum, der amerikanischen Bürgern die Teilnahme an den Spielen verbieten würde.

China gilt als autoritäres Regime

Berichte über systematische Unterdrückung, Missbrauch und Vergewaltigungen an Uiguren in den Internierungslagern in der Region Xinjiang werden von Peking reflexartig als westliche Propaganda abgetan. Dort würden lediglich Ausbildungszentren betrieben, um islamistischen Extremismus auszumerzen.

Auf dem aktuellen Demokratie-Index des «Economist» wird China auf Rang 151 von 167 Ländern geführt. Heisst übersetzt: ein autoritäres Regime. In Hongkong wurde ein umstrittenes Sicherheitsgesetz eingeführt, das menschenverachtende Repressionen nach sich zieht, Anführer der Demokratiebewegung sitzen im Knast. Und ganz nebenbei wird Taiwan wegen seiner Unabhängigkeitsbestrebungen latent mit Krieg bedroht und isoliert.

«China wird jedes Land, das sich dem Boykott anschliesst, sanktionieren»

Der Chefredaktor der englischsprachigen Tageszeitung «Global Times» stellt sich auf Twitter schützend vor das Regime in Peking. «Eine unpopuläre Idee, die nicht viele Unterstützer finden wird», schreibt Hu Xijin über den Boykott-Aufruf. «IOC und Athleten sind dagegen. Und China wird jedes Land, das sich anschliesst, ernsthaft sanktionieren.»

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Experte Weber: «Zuletzt hat es Australien erwischt»

Wie ernst muss man die Drohungen der chinesischen Seite nehmen? Professor Ralph Weber vom Europainstitut der Uni Basel: «Das sind keine leeren Drohungen. Hu, Chef einer Zeitung aus der Propagandabteilung, hat diese Meinung sicher nicht im Alleingang abgesetzt. Er formuliert das sehr eindeutig.»

Wie solche Sanktionen dann aussehen? Professor Weber: «Das kann irgendwas sein, die Hauptsache ist, es trifft das betreffende Land hart. Da ist die Kommunistische Partei sehr pragmatisch. Zuletzt hat es Australien erwischt, da wurden nach Differenzen im Umgang mit der Corona-Krise massive Zölle auf den Import etwa von australischer Gerste oder Wein erhoben.»

Kompromissloses China macht Alleingänge unmöglich

Für den China-Experten zeigt die Drohung das neue Selbstbewusstsein der Wirtschaftsmacht China. Weber: «Bis vor zwei, drei Jahren hat man politische Differenzen in den Hintergrund zu rücken versucht und mit der Welt einfach Handel getrieben. Mittlerweile ist der wirtschaftliche Einfluss so gross, dass China seine Macht bewusst und kompromisslos in den Vordergrund stellt.»

Ein Boykott scheint mindestens wirtschaftspolitisch keine gute Idee zu sein – zumindest bei einem Alleingang kleinerer Industrienationen. «Länder wie Schweden, Tschechien oder die Schweiz, die sowas alleine machen, könnten empfindlich getroffen werden. Da würde es sich empfehlen, Allianzen zu schmieden.»

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Swiss Olympic: «Menschenrechtslage entspricht nicht den Werten, die wir fordern»

Swiss Olympic verschickte vor einer Woche eine Pressemitteilung, in der mit Vorfreude eine «grosse Delegation» angekündigt wurde. Auf Anfrage lässt der Dachverband des Schweizer Sports wissen: «Bei Grossanlässen, die in autoritären Staaten ausgetragen werden, befinden sich Verbände wie Swiss Olympic stets in einem Spannungsfeld: In Bezug auf die Spiele in Peking lässt sich nicht von der Hand weisen, dass politische Freiheit und Menschenrechtslage in China nicht den Werten entsprechen, die für uns in der Schweiz selbstverständlich sind und die wir für alle Menschen fordern.»

Swiss Olympic gibt aber weiter zu bedenken: «Gleichzeitig sind Olympische und Paralympische Spiele für die Sportlerinnen und Sportler ein Höhepunkt ihrer Laufbahn, den viele bloss ein bis zwei Mal erleben dürfen. Ihnen will Swiss Olympic – unabhängig von der Politik – die bestmöglichen Voraussetzungen für den sportlichen Erfolg bieten.»

Eine unmögliche Situation

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen kocht das Thema um die Menschenrechtssituation in China wieder hoch. Und nun, was tun?

Die Probleme sind längst auf dem Tisch. Wie es um die Menschenrechte in China steht, ist bestens dokumentiert – man muss nur hinschauen.

Die Lage war auch 2015 bekannt, als die Spiele nach Peking vergeben wurden. Trotzdem und trotz Bedenken der Weltöffentlichkeit peitschte das Internationale Olympische Komitee unter Präsident Thomas Bach die Vergabe damals durch. Am Schluss siegte China knapp vor Kasachstan – mehr muss man über die moralischen Ansprüche des IOK an einen Olympia-Veranstaltungsort nicht wissen.

Was den Funktionären offensichtlich völlig egal ist: Sie legitimieren damit ein autoritäres Regime und bringen Sportler und Nationalverbände in die Zwickmühle. Aus Gewissensgründen auf eine Teilnahme verzichten und damit all die Opfer abschreiben, die für die Spitzenkarriere gebracht werden mussten? Das kann man von niemandem verlangen.

Eine unmögliche Situation, die mit den Boykottdiskussionen in den nächsten Monaten noch komplizierter werden dürfte. Weil die, die sich immer dagegen wehren, Sport und Politik zu vermischen, Sport und Politik längst vermischt haben.


Die IOC-Funktionäre haben die Athleten in eine unmögliche Situation gebracht, meint Reporter Emanuel Gisi.

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen kocht das Thema um die Menschenrechtssituation in China wieder hoch. Und nun, was tun?

Die Probleme sind längst auf dem Tisch. Wie es um die Menschenrechte in China steht, ist bestens dokumentiert – man muss nur hinschauen.

Die Lage war auch 2015 bekannt, als die Spiele nach Peking vergeben wurden. Trotzdem und trotz Bedenken der Weltöffentlichkeit peitschte das Internationale Olympische Komitee unter Präsident Thomas Bach die Vergabe damals durch. Am Schluss siegte China knapp vor Kasachstan – mehr muss man über die moralischen Ansprüche des IOK an einen Olympia-Veranstaltungsort nicht wissen.

Was den Funktionären offensichtlich völlig egal ist: Sie legitimieren damit ein autoritäres Regime und bringen Sportler und Nationalverbände in die Zwickmühle. Aus Gewissensgründen auf eine Teilnahme verzichten und damit all die Opfer abschreiben, die für die Spitzenkarriere gebracht werden mussten? Das kann man von niemandem verlangen.

Eine unmögliche Situation, die mit den Boykottdiskussionen in den nächsten Monaten noch komplizierter werden dürfte. Weil die, die sich immer dagegen wehren, Sport und Politik zu vermischen, Sport und Politik längst vermischt haben.


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Als jüngste Eskalationsstufe wurde in China der britische TV-Sender «BBC World News» vom Netz genommen. Zuvor hatte der chinesische Kanal CGTN seine Lizenz in Grossbritannien verloren, nachdem die britische Regulationsbehörde Ofcom zum Schluss gekommen war, dass der Sender Teil des chinesischen Propaganda-Apparates ist.

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