Speedsurferin Heidi Ulrich
Im Van auf Mission Titelverteidigung

Ab kommender Woche verteidigt die Urner Speedsurferin Heidi Ulrich an der WM in Frankreich ihren Titel als schnellste Frau der Welt. Auf dem Trip vereint sie Spitzensport und Arbeitsalltag – und lebt dabei auf gerade mal acht Quadratmetern.
Publiziert: 19.04.2024 um 15:27 Uhr
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Während der Wettkämpfe dient dieser Van als Hotelzimmer, Büro und Materialraum in einem.
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Nina KöpferRedaktorin Sport

Es hat 28 lange Jahre gedauert, bis Heidi Ulrich ihre Passion gefunden hat. Erst 2013 stand die Urnerin zum ersten Mal auf einem Windsurfbrett. Ein Jahrzehnt später ist sie die beste ihres Fachs, keine brettert in so waghalsigem Tempo über das Wasser wie sie. An der kommenden Weltmeisterschaft (21. bis 30. April) im südfranzösischen La Palme tritt sie als Titelverteidigerin an.

Etwa neun Jahre ist es nun her, seit sie in Frankreich ihren ersten Wettkampf bestritten hat. Als blutige Anfängerin war sie an der grössten Windsurf-Regatta der Welt, der Defi Wind, dabei, rund 1500 Teilnehmerinnen rasten beim täglichen Long-Distance-Rennen zweimal 40 Kilometer weit übers Wasser, bei heftigem Wind mit bis zu 100 km/h.

Lernen auf die harte Tour

«Am Anfang war ich traurig, weil ich noch nicht teilnehmen konnte. Zumindest dachte ich das», erzählt die Speedsurferin beim Besuch am Ufer des Urnersees. Ihre Freunde aber ermutigten sie. «Sie sagten mir, wenn du willst, machst du mit. Passieren kann eh nichts, es wimmelt hier nur so vor Rettungskräften auf Jetskis!» Also legte Ulrich los, ohne zweimal nachzudenken. «Ich konnte grad knapp auf dem Brett stehen und das Segel halten, mehr nicht. Schon gar nicht in die Schlaufen oder das Trapez. Aber ich habe es durchgezogen.»

Ein Sturz setzte dem Ganzen allerdings ein Ende, Ulrich kam nicht mehr aufs Brett und wurde so weit abgetrieben, dass das Land langsam am Horizont verschwand. «Da musste ich dann rausgefischt werden», erinnert sich Heidi Ulrich lachend. Auch das sei ein gutes Erlebnis gewesen. «Ich habe es auf die harte Tour gelernt. So funktioniert das halt bei mir.»

Acht Quadratmeter zum Leben

Wenig später lernte Ulrich ihren jetzigen Partner Christian Arnold kennen. Er teilt ihre Passion Windsurfen, beginnt durch sie sogar mit dem Speedsurfen. Und er bringt sie voran. «Zuvor habe ich einfach ausprobiert und etwas rumgemurkst, bis es funktionierte. Es hätte definitiv einfachere Wege gegeben, um mein jetziges Niveau zu erreichen. Christian feilte voller Geduld und Liebe mit mir an der Technik.» Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Seither reisen die beiden praktisch immer gemeinsam an die Wettkämpfe. Im selbst umgebauten Transporter, wie sich das für Surfer gehört. Schlafzimmer, Küche, Büro, Materialraum, Wohnzimmer. Ihr ganzer Alltag passt auf die knapp acht Quadratmeter, die ihr Van zu bieten hat. Alles hat seinen Platz, jedes Quäntchen Raum haben die beiden beim Umbau des weissen Busses rausgeholt. «Das Bett ist sogar grösser als das in unserer Wohnung!», sagt Ulrich lachend.

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20 Kilo Blei gegen die Schwerkraft

Wenn Heidi Ulrich mit weit über 85 km/h über das Wasser brettert, macht es den Eindruck, als würde sich ein Michelin-Männchen am Segel festhalten. So sehr ist Ulrichs Oberkörper aufgeplustert. Liegt es am Airbag, wie ihn Skirennfahrerinnen tragen? «So ein Airbag wäre schon keine schlechte Idee. Allerdings verträgt sich die darin verbaute Elektronik leider nicht so gut mit Salzwasser», erklärt die Surferin zwinkernd.

In Tat und Wahrheit trägt Heidi Ulrich bei den Wettkämpfen eine Bleiweste. Damit schnallt sie sich bis zu 20 Kilogramm zusätzliches Gewicht an den Oberkörper. «Ohne dieses Gewicht würden wir bei diesen Windgeschwindigkeiten abheben!» Eine Bleiweste beim Surfen? Lässt man den gesunden Menschenverstand walten, klingt das ganz und gar falsch. Heidi Ulrich beschwichtigt mit einem Lachen.

«Über dem Blei trage ich noch drei Schwimm- und Prallschutzwesten. Ich gehe also nicht unter. Das ist die einzige Sicherheitsregel, die alle Surfer einhalten müssen. Wir dürfen nicht sinken.» Das gilt auch für die kommende Weltmeisterschaft. Sinken verboten, abheben im übertragenen Sinn hingegen allemal. 

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