Spätes Geständnis seines Konkurrenten
Als Goalie Ike Shorunmu zum FCZ-Helden wurde

Als Goalie auf der Ersatzbank sitzen und zusehen müssen, wie dein Konkurrent gefeiert wird. Wie würdest du dich fühlen? Wie reagieren? Kann man ein guter Mensch sein und dem Kollegen trotzdem Schlechtes wünschen? Ex-FCZ-Goalie und Blick-Autor Patrick Mäder erzählt.
Publiziert: 26.10.2023 um 15:46 Uhr
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Aktualisiert: 26.10.2023 um 16:21 Uhr
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Ike Shorunmu spielte zwischen 1996 und 1999 total 71 Mal für den FCZ und trug 35 Mal das Trikot der nigerianischen Nationalmannschaft.
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Patrick MäderAutor Blick Sport

Genau das ist mir passiert – im Sommer 1996 wars, lange her – da verletzte ich mich zwei Wochen vor Meisterschaftsstart und musste operiert werden. Der FC Zürich holte als «Übergangslösung» Ike Shorunmu, der gerade beim FC Basel mittrainierte und zur Verfügung stand. Man sagte mir, dass der Nigerianer spiele, bis ich wieder fit sei. Shorunmus fünfter Einsatz war im Hardturm das Derby gegen GC. In diesem Spiel wurde Ike zum Helden. Er hielt einen Türkyilmaz-Penalty spektakulär, Züri gewann 1:0. Damals wars noch ein Traum für jeden FCZler gegen das stolze GC zu gewinnen. Ike wurde frenetisch gefeiert und durfte einen Tag später einen Fünfjahres-Vertrag beim FCZ unterschreiben. 

Ich sass mit Krücken auf der Tribüne. Und ich weiss noch, als Kubi zum Penalty antrat, da dachte ich: «Bloss nicht … Mach ihn rein!» Klar ist diese Reaktion verstörend, weil ich mir als FCZler eigentlich nichts anderes gewünscht habe damals als den Sieg im Derby. Doch in diesem Moment kam so viel hoch. Die Existenzangst eines jungen Familienvaters. Der Egoismus eines ehrgeizigen Sportlers. Ich wusste natürlich von der Klasse Shorunmus. Ich hatte ihn im Training beobachtet. Ganz ehrlich: Ich hätte ihm auch einen Fünfjahres-Vertrag gegeben.

Entweder man spielt, oder man sitzt

Warum ich diese alte Geschichte jetzt ausgrabe? Weil ich gern in den Gesichtern der Ersatzgoalies lese, die zuschauen müssen, wie der Konkurrent im Rampenlicht steht. So wie im Frühjahr 2022 im ausverkauften Wembley, als die Schweiz gegen England spielte, Yann Sommer krank war und im Tor Jonas Omlin zum Zug kam. Da fing die TV-Kamera Gregor Kobel ein, der bloss auf der Ersatzbank sass, obwohl er vor dem Spiel fest mit einem Einsatz gerechnet hatte. Er verzog keine Miene, liess sich nichts anmerken. Ich kann also nur mutmassen.

Ich denke auch an arbeitslose Trainer, die darauf hoffen müssen, dass irgendwo ein Kollege entlassen und ein Platz frei wird. Zugeben werden sie es nicht, aber dem Konkurrenten in solchen Situationen Schlechtes wünschen, ihm zumindest nicht die Daumen drücken, ist in einem knallharten Geschäft, wo jeder in erster Linie auf sich selber schaut und es um viel Geld geht, um Sein oder Nichtsein, wohl gang und gäbe und auch menschlich. Bei den Goalies gibt es schliesslich nur einen Platz zu vergeben, anders als bei den Feldspielern. Entweder man spielt, oder man sitzt. Dieser Fakt verstärkt die Konkurrenzsituation ungemein.

Was jetzt mit Ulreich passiert

Doch gibt es offensichtlich Ausnahmen. Sven Ulreich, 35-jähriger Schlussmann von Bayern München, immer da, wenn man ihn braucht. Ein solider, richtig guter Keeper, der mit Bayern am Dienstag im Champions-League-Auswärtsspiel gegen Galatasaray noch seinen Mann stand und triumphierte, muss jetzt trotz sehr starker Leistungen in den letzten Monaten wieder auf der Bank Platz nehmen. Vielleicht schon ab Samstag, dem Spiel der Bayern gegen Darmstadt.

Obwohl in München niemand weiss, wie stark der 37-jährige Manuel Neuer nach seiner schweren Verletzung und dem monatelangen Ausfall noch ist, gibt es keine Diskussionen. Das Leistungsprinzip ist auf dieser Position offenbar aufgehoben: «Wenn Manu fit ist, dann spielt er», sagt Trainer Tuchel. Und er sagt auch: «Sven Ulreich kennt seine Rolle und sieht sich nicht als Konkurrent.» Und Ulreich selber sagt Neuer seine volle Unterstützung zu – ohne Wenn und Aber. Keine negativen Schwingungen, keine Missgunst und man glaubt ihm aufs Wort, wenn er sagt: «Ich freue mich für ihn.»

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Wie stark ist Neuer noch?

Eine aussergewöhnliche Situation. Das Beste, was Tuchel und Neuer passieren kann. Und Ulreich muss ein ganz aussergewöhnlicher Typ sein oder einfach ein cleverer Stratege, der weiss, wie man rechnet: Solange er bei Bayern diese Rolle des «Traumschwiegersohns» einnimmt, wird er nicht hinterfragt. Er profitiert von den Erfolgen, er kassiert kräftig mit, sammelt Titel und Meriten, eckt nirgends an, muss niemandem mehr etwas beweisen, bloss auf den Mund sitzen und stillhalten. Ein Traumjob eigentlich, aber …

Müsste er nicht genau jetzt eine Kampfansage machen? Bei jeder Gelegenheit Neuer den heissen Atem spüren lassen? Dem Trainer jede Sekunde zeigen, dass er falsch liegt, wenn er nicht auf ihn setzt? Jetzt ist die einmalige Chance für Ulreich von einer Randnotiz in den Annalen der Bundesliga zu einer historischen Figur zu werden. Als derjenige Keeper in die Geschichte einzugehen, der die Karriere von Manuel Neuer bei den Bayern beendet hat. Ulreich wird sich mit der Randnotiz zufriedengeben, schade eigentlich, aber auch nachvollziehbar. Denn immerhin winkt dem lieben Sven jetzt eine Vertragsverlängerung – als Bankdrücker.

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