Darum gehts
Ist dieses Städtchen bereit für eine der grössten Sensationen der jüngeren Fussballgeschichte? Die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen des Jahres wärmen die Pflastersteine der Altstadt. Blick fühlt den Puls. Die Leute versammeln sich in den Cafés an der Aare. Friedliche Stimmung. Frühlingsgefühle.
Thun erwacht gerade aus dem Winterschlaf. Es deutet auf den ersten Blick wenig darauf hin, dass hier in ein bis zwei Monaten die grosse Meistersause stattfinden soll. Kommt man mit den Leuten ins Gespräch, wird aber klar: Der Höhenflug trifft den Nerv der Stadt.
Die Berner Oberländer posaunen den grossen Wurf und ersten Titel der Vereinsgeschichte nicht so gerne heraus – aber sie sind Macher! Hinter den Kulissen braut sich was zusammen. Und verstecken muss man die Vorbereitungen dann auch nicht.
Den Anfang wagt ein Thuner Wirtepaar. Blick besucht Claudia und Tom Moser in Allmendingen etwas ausserhalb der Stadt, nur unweit des Stadions. In ihrem Restaurant Kreuz geht die erste Mannschaft seit über 15 Jahren vor den Spielen essen, jeweils gefolgt von einem kurzen Spaziergang der beschaulichen Landstrasse entlang zur Stockhorn Arena.
Nach einer freundlichen Begrüssung im Hauptbereich des Restaurants öffnen die Mosers die Türe zu einem grossen, separaten Raum mit Holzboden und drei Tischreihen. An die Wand angestellt ist ein überdimensioniertes FC-Thun-Logo.
Immer genau drei Stunden vor Anpfiff versammeln sich Team und Staff hier. Die Mosers stimmen den Ernährungsplan jeweils mit dem Klub ab. Kaum jemand kennt die Vorlieben der Fussballer besser. Extrawünsche gebe es im aktuellen Team fast keine. Den besonderen Groove im Leader-Team spüren auch sie.
Das Wirtepaar Moser führt das Restaurant seit 2002 und hat grosse Freude am Thuner Höhenflug. Deshalb will es dem Team und Umfeld etwas zurückgeben. Der Meister-Wein ist bereits in der Entstehung!
Tom Moser zeigt strahlend den Entwurf der Etikette. «Meisterlich», ist in goldener Schrift aufgedruckt. Die Trauben kommen aus dem Wallis, abgefüllt wird der Wein in der Region in Kiesen. 2400 Flaschen will er in einem ersten Schritt produzieren. «Und sollte es trotz der sehr guten Vorzeichen doch nicht klappen mit dem Titel, dann wäre die Saison in unseren Augen immer noch meisterlich.» Das Hintertürchen lässt man dann doch offen.
Hilfe, auf den Rathausplatz hinaus gibts keinen Balkon!
In einer zehnminütigen Fahrt gehts zurück in die Altstadt. Die Kirchenglocken läuten die Mittagszeit ein, als Stadtpräsident Raphael Lanz (57) dynamisch auf den Rathausplatz tritt. «Ich werde auch auswärts sehr oft angesprochen auf den FC Thun», strahlt er. «Daher profitiert letztendlich die ganze Region von der positiven Wahrnehmung rund um den Klub.» In seinen 15 Jahren im Amt hat er die Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. In diesem Jahr tritt er ab – mit einer Meisterfeier als Höhepunkt zum Schluss?
Früher habe er auch mal getschuttet, erzählt Lanz, als er in Anzugsschuhen auf dem Rathausplatz mit dem Ball jongliert. Auf diesem Platz würde eine allfällige Thuner Meisterfeier im Mai stattfinden. Geht der Blick mit der Flugbahn des Balls nach oben in Richtung des blauen Himmels und der oberen Stockwerke der Gebäude, fällt auf: Auf dem Rathausplatz hinaus gibts keinen einzigen Balkon!
Kann die Thuner Mannschaft mit den Fans gebührend den Meistertitel feiern, wie es die Basler jeweils auf dem Barfüsserplatz oder die Zürcher auf dem Helvetiaplatz tun? «Wir würden wahrscheinlich wieder eine Bühne hinstellen», sagt Lanz. Wieder? «Vor einem Jahr nach dem Aufstieg und vor gut 20 Jahren beim Champions-League-Einzug gab es das schon.» Doch wäre ein Meistertitel nicht noch eine Stufe höher zu gewichten? «Wer weiss, falls es so weit kommen sollte, werden uns die richtigen Massnahmen schon einfallen», meint er vielsagend.
Härzbluet? Da war doch mal was
Zwei Gassen weiter befindet sich der Mühleplatz. Die Aare plätschert vor den vielen Restaurants. Hier, im Herzen der Stadt, versammeln sich vor den Spielen jeweils die Fans. Luki Frieden (53) muss in der Sonne die Augen zukneifen. So ganz glauben will er noch nicht, dass Thun wirklich um den Meistertitel mitspielt. Der Filmregisseur hat auch schon ganz andere Zeiten erlebt.
Vor rund zehn Jahren machte er mit seinem Verein Härzbluet FC Thun landesweit Schlagzeilen. Als der Klub am Rande des finanziellen Ruins stand, sammelte er mit den Härzbluet-Mitgründern Lukas Klingler und Guido Feller Franken um Franken und spendete den Betrag dem Klub. Sympathisanten aus der ganzen Schweiz und Persönlichkeiten wie Sion-Boss Christian Constantin waren unter den Spendern. In Spitzenjahren kamen bis zu 300’000 Franken pro Saison zusammen. Existenzielle Beträge.
Um den Härzbluet-Verein ist es ruhiger geworden. Aber es gibt ihn immer noch. «Dass der FC Thun heute um die Meisterschaft mitspielt, erfüllt uns mit Freude und Stolz», sagt Frieden. «Ein allfälliger Meistertitel würde eindrücklich zeigen, was mit Leidenschaft und Zusammenhalt möglich ist.» Gleichzeitig beschäftigt ihn der Blick über den Tellerrand hinaus: «Bei aller Euphorie sollten wir uns jedoch bewusst sein, dass sportlicher Erfolg nicht über das Leid und die Herausforderungen vieler Menschen hinwegsehen darf.» Fussball ist nicht alles im Berner Oberland.
Auch die Thuner können ausflippen
Für eine Person allerdings schon. «Ohne den FC Thun würde ich nicht mehr leben», sagt Luana Montanaro (33). Sie war sportlich und ambitioniert, als sie mit 18 Jahren die niederschmetternde Diagnose Multiple Sklerose erhielt. Mehrere Medikamente schlugen nicht an. «Das, was mir wirklich hilft, ist der FC Thun.» Sie ist einer der treusten Fans des Klubs und hat über 200 Thun-Trikots daheim.
Sie rollt über das Kopfsteinpflaster der Oberen Hauptgasse in der Thuner Altstadt. Auf dem Rad des Rollstuhls dreht das Logo des FC Thun stets mit, auf der Augenklappe trägt sie das Logo ebenfalls prominent. Sie besucht jedes Heimspiel, ist auswärts oft vor Ort, die Mannschaft pflegt eine enge Verbindung zu ihr. Spieler und Staff kennt sie persönlich. Die Thuner Truppe um den damaligen Captain Dennis Hediger, mittlerweile FCZ-Trainer, hat einst als gesamte Mannschaft ihren 25-jährigen Geburtstag gecrasht.
Montanaro spürt, dass sich in der Stadt und Umgebung Dinge verändert haben. «Ich werde nun viel öfter auf das Rollstuhlrad und die Augenklappe angesprochen. Der FC Thun ist auf der Strasse zu einem grösseren Thema geworden.»
«Sie ist das Maskottchen des FC Thun», sagt André Sommer und klatscht mit ihr ab. Er ist ein Unternehmer aus der Region und kennt den Klub in- und auswendig. Sowohl im Business Club als auch in der Kurve mit seinem Sohn ist er regelmässig zugegen. Für seine Mitarbeiter hat er Saisonkarten gekauft.
«Es ist sensationell, was hier gerade abgeht.» Kann das Berner Oberland bei einem Meistertitel auch ausflippen? André Sommer ist der beste Beweis dafür. Er sprudelt vor ausgefallenen Ideen. «Bis 5 Uhr morgens wäre ich hier bestimmt anzutreffen.»
Kleine Thun-Welt in der Altstadt – und SCL Tigers
Bei einer allfälligen Meisterparty wäre auch Daniel Asefaw (46) bereit. Die Wege sind kurz. In der Nähe des Rathausplatzes, etwas versteckt, betreibt er die Afrobar. Findet man den Eingang, eröffnet sich eine kleine FC-Thun-Welt. «Alle sind willkommen», strahlt Asefaw. Im Hintergrund ist passend dazu ein Logo an die Wand gemalt. «Thun United» steht drauf. Der Fussball soll verbinden.
Für das Treffen am Mittag hat sich der langjährige Thun-Fan extra das Trikot des Fussballklubs übergestreift. Auf der einen Seite steht die Theke, auf der anderen Seite des Raums ein Töggelikasten und ein Fernseher. Hier flimmern jeweils die Thun-Spiele über den Bildschirm. Und jene der SCL Tigers. Ein guter Arbeitskollege von ihm sei grosser Fan, lacht Asefaw. Er ist darauf vorbereitet, den Getränkevorrat nach oben zu schrauben.
«Im Geschäftsalltag ist es deutlich spürbar»
Geht man wieder runter zum Mühleplatz und über die Brücke Richtung Bahnhof, landet man bald bei einem Traditionshaus. Louis Krebser (52) ist Geschäftsführer des Familienunternehmens, das in den Bereichen Bücher, Papeterie, Büromöbel und Digitaldruck tätig ist. Mit dem FC Thun ist er stark verbunden.
Bei einem Kaffee erzählt Krebser über das Treiben am Puls der Stadt und in seinem Geschäft. Löst der Höhenflug schon jetzt etwas aus? «Die positive Stimmung, die der FC Thun mit seiner grandiosen Leistung verbreitet, ist im Geschäftsalltag sowie im Kontakt mit Kunden und Partnern deutlich spürbar.» Der Klub sei sehr häufig Gesprächsthema. «Die ganze Stadt ist bereits jetzt ausserordentlich stolz und hofft, dass dieser Höhenflug noch lange anhält.»
Ohne angesprochen zu werden durch die Stadt? Nicht mehr möglich
Waschechte Thuner gibt es übrigens auch im Super-League-Kader des Leaders. Justin Roth (25) ist ein Paradebeispiel. Er ist in Allmendingen aufgewachsen, dort, wo das Restaurant Kreuz steht. Nach dem Abstieg 2020 war es fast vorbei mit dem Profifussball für ihn, doch über die U21 kämpfte er sich wieder zurück. Nun ist er in der Stadt ein kleiner Star.
«Plötzlich kommen Leute auf dich zu, die sich sonst nicht so für Fussball interessieren. Sie wissen dann haargenau, wann Spieltag ist», sagt er. Im Moment könne er nicht durch Thun gehen, ohne angesprochen zu werden. «Es ist wie ein Flow, alle unterstützen dabei, dass dieser immer grösser wird. Langsam kann man wirklich träumen!» Seine Augen glänzen.
Schweizer ESC-Sängerin fiebert mit FC Thun mit
Nicht alle haben in diesen Tagen die Möglichkeit, gemütlich durch Thun zu schlendern. Die Sängerin Veronica Fusaro (28) vertritt die Schweiz im Mai beim Eurovision Song Contest in Wien. Der Mai könnte mit dem ESC-Glanz und einer Meisterparty zum grossen Thuner Feiermonat werden.
Sie ist aktuell für viele Konzerte unterwegs und in den ESC-Vorbereitungen. Aber der Höhenflug berührt sie: «Ich bin ein sehr heimatbezogener Mensch», sagt Fusaro zu Blick. «Meinen Geburtsort trage ich tief in meinem Herzen und mit Stolz auf die Eurovision-Bühne. Und wenn ich dabei noch an den Erfolg des FC Thun anknüpfen kann, mache ich das umso lieber.» Auch sie wird immer öfter darauf angesprochen: «Es ist natürlich megatoll, dass Thun so an Wahrnehmung gewinnt – es ist nämlich ein wirklich schöner Fleck Erde.»
Ob sich Gölä von Meisterhelden noch packen lässt?
Als die Thuner Stockhorn Arena im Jahr 2011 eingeweiht wurde, machten die Büetzer Buebe das neue Stadion zur Festhütte. Im schwarzen Ledermantel und mit Cowboyhut stahl Gölä (57) mit seinem Auftritt vor 20'000 Leuten allen die Show – er kam per Helikopter.
Sein langjähriger Bandkollege Trauffer (46), der in Hofstetten BE am Brienzersee aufgewachsen ist, stand damals noch weniger im Rampenlicht. Er erinnert sich: «Ich durfte als Vorband von Polo Hofer und Gölä auftreten – zu einer Zeit, in der mich kaum jemand kannte und mein musikalischer Höhenflug erst beginnen sollte.»
Deshalb ist er mit der Arena verbunden. Zweimal kam er in der Zwischenzeit fürs Energy Air zurück. Mitreissen lässt ihn auch der Fussball: «Die Leistung, die der FC Thun derzeit zeigt, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – sie erinnert an die unvergessliche Champions-League-Zeit 2005/06 und bedeutet enorm viel für unsere Region. Ein Titel wäre ein echtes Fussballmärchen.»
Gölä ist in Oppligen BE ganz in der Nähe aufgewachsen, scheint aber noch nicht ganz in der neuen Thun-Realität angekommen zu sein: «Latour forever», lässt er schelmisch aus der Ferne verlauten, als Blick ihn kontaktiert. Hanspeter Latour (78), die Trainer-Legende, hat Spuren hinterlassen. Ob bald auch erstmalige Thuner Meisterhelden Gölä beeindrucken können?
Reporter-Legende Berni Schär ist angetan
Nach dem 2:1 gegen YB letzten Sonntag sind die Thuner Titelchancen nochmals grösser geworden. Nur noch neun Runden sind zu spielen. Die 14 Punkte Vorsprung sind riesig. Kann überhaupt noch irgendetwas schiefgehen?
Reporter-Legende Berni Schär (69) befasst sich leidenschaftlich gerne mit solchen Fragen. Vor seiner Karriere im Sportjournalismus hat er Mathematik studiert und unterrichtet. Mit Leib und Seele ist er als Beobachter weiterhin in den verschiedenen Stadien und Sportarten in der Schweiz unterwegs. Er ist angetan vom FC Thun und war schon mehrmals an einem Match in der Stockhorn Arena.
Verspielt Thun jetzt noch die Meisterschaft, werden sämtliche Statistiken über den Haufen geworfen. Berni Schär sagt: «Die Ausgangslage ist überaus günstig, die Perspektiven sind vielversprechend und die Wahrscheinlichkeit sehr gross», sagte er vor dem Derby gegen YB am Sonntag. Eine letzte Vorsicht ist herauszuhören – wie auch bei den Leuten in der Stadt.
Aber wenn diese Worte aus dem Mund eines Mathematikers kommen, dann kann der Meister-Wein schon einmal abgefüllt und ein Balkon-Ersatz für die Feier auf dem Rathausplatz gesucht werden.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 8. März 2026.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 29 | 34 | 68 | |
2 | FC St. Gallen | 29 | 23 | 54 | |
3 | FC Lugano | 29 | 10 | 49 | |
4 | FC Basel | 29 | 4 | 46 | |
5 | FC Sion | 29 | 8 | 42 | |
6 | BSC Young Boys | 29 | 3 | 42 | |
7 | FC Luzern | 29 | 3 | 36 | |
8 | FC Lausanne-Sport | 29 | -2 | 36 | |
9 | Servette FC | 29 | -6 | 33 | |
10 | FC Zürich | 29 | -16 | 31 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 29 | -14 | 24 | |
12 | FC Winterthur | 29 | -47 | 16 |

