Ist die Abrechnung treffend?
Blick analysiert die HITZige Brandrede des FCB-Goalies

Marwin Hitz mag nichts mehr schönreden. Nach dem 1:2 gegen Lausanne-Sport rechnet er mit sportlicher Führung und wechselwilligen Teamkollegen ab. Blick nimmt die Abrechnung unter die Lupe.
Publiziert: 14.08.2023 um 12:48 Uhr
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Aktualisiert: 14.08.2023 um 12:58 Uhr
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Marwin Hitz spricht nach dem 1:2 gegen Lausanne-Sport Klartext.
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Sebastian WendelReporter Fussball

Frust, Verzweiflung, Hilflosigkeit! Nach dem vorläufigen Tiefpunkt, der 1:2-Heimpleite gegen Aufsteiger Lausanne-Sport, mag Marwin Hitz (35) nichts schönreden. Der FCB-Goalie, der schon in der vergangenen Saison mit einer Schiri-Abrechnung für Aufsehen sorgte, legt die rot-blauen Mängel schonungslos offen. Die Brandrede ist gleichzeitig eine Abrechnung mit der sportlichen Führung und wechselwilligen Mitspielern.

Blick nimmt die wichtigsten Aussagen auf und macht den Check: Wo hat Hitz recht? Wo liegt er falsch?

«Dass das Kader nicht reicht, ist klar»

Blick meint: richtig und falsch. Um in der Super League vorne mitzuspielen, wie von den Bossen gefordert, reichen Qualität und Breite tatsächlich nicht aus. Mindestens YB, Servette, Lugano, Luzern und St. Gallen sind derzeit besser aufgestellt. Trotzdem: Das Weiterkommen in der ersten Europacup-Qualirunde gegen Tobol Kostonay ist auch mit diesem Kader machbar. Das Out ist kein Ruhmesblatt für Neo-Trainer Timo Schultz.

«Es ist frustrierend, wenn es so läuft wie heute. Wenn wir ehrlich sind: In der Liga läuft es seit einem Jahr so»

Blick meint: richtig. In der Kür holte sich der FCB vergangene Saison Bestnoten ab, schied im Conference-League-Halbfinal gegen Fiorentina erst in der letzten Minute der Verlängerung aus. Der internationale Höhenflug überstrahlte die schon damals unterirdische Performance im Pflichtprogramm Super League. Stand Basel in der ersten Saisonhälfte noch an einigen Spieltagen in der Top 3, war im Frühling trotz Trainerwechsel (Heiko Vogel für Alex Frei) das Maximum Rang 5 – und wurde erst am letzten Spieltag gesichert.

«Die Situation ist nicht überraschend, wie vielleicht viele denken. Wir sind letzten Saison Fünfter geworden und hatten nun sehr viele Abgänge, die, Stand jetzt, nicht kompensiert worden sind»

Blick meint: richtig. Die Rechnung ist einfach: Mit Amdouni, Diouf, Males, Zeqiri und Co. wurde Rot-Blau vergangene Saison mit Ach und Krach Fünfter. Sie sind weg – und mit ihnen 97 (!) Skorerpunkte. Und jetzt soll es ohne gleichwertigen Ersatz in der Tabelle aufwärtsgehen? Was auffällt: Alle genannten Abgänge haben sich abgezeichnet, wurden aber nicht ersetzt. Gemäss Verwaltungsrat Andreas Rey will man beim FCB nicht kopflos Spieler holen. Aber: Eine gute sportliche Führung zeichnet aus, dass beim Abgang eines Schlüsselspielers der Nachfolger schon verpflichtet ist oder zumindest kurz vor der Unterschrift steht.

«Es sind zwar erst vier Spiele gespielt, aber es ist meiner Meinung nach zu spät. Vier Spieltage sind mehr als zehn Prozent der gesamten Saison. Das ist in meinen Augen sehr viel»

Blick meint: richtig. Trainer und Klubführung verweisen gerne auf Anfang September, wenn das Transferfenster schliesst und das definitive Kader steht. Als gehe die Saison erst dann los und als wäre es egal, was bis dahin geschieht. Eine Fehleinschätzung. Ausser YB kann es sich in der Schweiz kein Klub leisten, Punkte zu verschenken. Und europäisch ist die Quittung für die Überheblichkeit der FCB-Bosse mit dem Ausscheiden schon eingetroffen.

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«Erfahrung würde nicht schaden. Spieler, die so eine Situation schon mal erlebt haben. Spieler, die die Liga kennen. Die nicht aus der 2. Liga aus einem fremden Land kommen. Es ist für die jungen Spieler extrem schwierig. Sie spüren den Druck, gewinnen zu müssen. Sie kommen aus Ligen, wo es keine Zuschauer hat, über die die Zeitungen nicht schreiben und wo es keine Erwartungen gibt»

Blick meint: richtig und falsch. Natürlich ist das FCB-Kader ein Jungbrunnen. Beispiel: Gegen Lausanne war der 20-jährige Andrin Hunziker der älteste (!) von acht Feldspielern auf der Ersatzbank, alle anderen waren zwischen 17 und 19. Dennoch ist mangelnde Erfahrung nicht das Hauptroblem – mit Hitz, Fabian Frei, Taulant Xhaka und Michael Lang ist genug davon vorhanden. Doch die Routiniers sind entweder verletzt, gesperrt oder ebenfalls im Formtief. Viel mehr als Erfahrung fehlt Qualität.

«Es sind oft die Spieler, die kurz vor einem Transfer stehen, die schnell angeschlagen sind. Das ist eine Sache, die sich nicht gehört, weil man für einen Verein und die Fans spielt. Man spielt für einen Verein, für die Fans. Gewisse Sachen sind schwierig zu verdauen»

Blick meint: richtig. Namen nennt Hitz keine, aber natürlich meint er damit Riccardo Calafiori, der sich fürs Lausanne-Spiel angeschlagen abmeldete. Der Italiener will unbedingt zurück in die Heimat, Milan und Genua sind dran. Ebenfalls nach dem Europa-Out die Flucht antreten will Wouter Burger. Dass wechselwillige Spieler nicht mehr alles geben, mag traurig sein, ist aber kein neues Phänomen. Und dass es gerade beim zur Spielerbörse mutierten FC Basel häufiger vorkommt als anderswo, darf Hitz auch nicht überraschen.

«Die Fans haben einmal mehr unglaublich schön reagiert»

Blick meint: richtig. Die Stimmung ist das kleinste Problem im St. Jakob-Park. Nach Andrin Hunzikers zwischenzeitlichem Ausgleichstreffer ist das Stadion wach und laut. Und nach Spielschluss gibts trotz der nächsten Enttäuschung von der Muttenzerkurve aufmunternde Worte für die Spieler. Hut ab!

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