Uns fehlen die Aussenverteidiger!
Keine Lust, keine Wertschätzung, keine Auswahl

Nationaltrainer Murat Yakin hat die grosse Suche nach Aussenverteidigern ausgerufen. Es gibt Gründe, warum die Schweiz so wenig Auswahl auf dieser Position hat, die viel wichtiger ist für den Erfolg, als man denken könnte.
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Die Nati sucht die passenden Aussenverteidiger. Kommt die Lösung aus Übersee? Lucas Blondel von den Boca Juniors gibt in Belfast sein Debüt.
Foto: TOTO MARTI

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Florian RazReporter Fussball

Die Rettung soll also von ganz weit weg kommen. Rund 24’000 Kilometer wird Lucas Blondel für seine ersten Auftritte mit dem Schweizer Nationalteam im Flugzeug verbringen. Kein Aufwand zu klein, um einen 28-jährigen Rechtsverteidiger testen zu können, der seine ganze Karriere in Argentinien gespielt hat.

«Ich finde es fast dramatisch», sagt Alex Frei (45) zu Blondels Aufgebot. Nicht, dass der Schweizer Rekordtorschütze an den Qualitäten des Debütanten zweifelt. Er sieht Blondels Debüt als Zeichen für Probleme in der Schweizer Talentausbildung: «Wenn wir hierzulande niemanden finden, den wir aufbieten können, dann müssen wir wieder besser arbeiten.»

Links spielt stets der «ewige» Ricardo Rodriguez

Wobei es nicht neu ist, dass sich Schweizer Nationaltrainer auf der Suche nach Aussenverteidigern schwertun. Rechts spielte von 2006 bis 2019 einfach immer Stephan Lichtsteiner (108 Länderspiele). Danach hat fast nahtlos Silvan Widmer übernommen (49 Länderspiele). Links ist die Aufzählung noch kürzer. Hier kommt der «ewige» Ricardo Rodriguez seit 2011 auf inzwischen 126 Länderspiele. Derzeit testet Nationaltrainer Murat Yakin aus der zweiten deutschen Liga Miro Muheim und aus der zweiten englischen Isaac Schmidt.

Aber warum ist die Auswahl hinten links und rechts offenbar so klein? Wieso schafft es die Schweiz, ein halbes Dutzend an hervorragenden defensiven Mittelfeldspielern hervorzubringen, aber kaum einen Aussenverteidiger? Und: Ist das überhaupt schlimm?

Zumindest auf die letzte Frage gibt es eine Antwort, die wissenschaftlich gestützt wird. Ja, Aussenverteidiger sind wichtig. Verdammt wichtig sogar. Sie sind gemäss einer Auswertung von 1836 Bundesligamatches jene Spieler, die den grössten Anteil am Erfolg einer Mannschaft haben. Weit vor Stürmern oder Mittelfeldspielern (vgl. Tabelle).

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Es ist ein Ergebnis, das auch die Wissenschaftler überrascht hat. Sie erklären sich das Resultat unter anderem damit, dass es nicht so viele Spieler gibt, die als Aussenverteidiger ausgebildet sind. Darum sei der Qualitätsunterschied zwischen den einzelnen Profis grösser als auf anderen Positionen.

«Viele haben keine Lust, Aussenverteidiger zu spielen»

Massimo Ceccaroni (56) kann diese Beobachtung stützen. «Ich stelle fest, dass viele Fussballer keine Lust darauf haben, Aussenverteidiger zu spielen», stellt der Nachwuchs-Chef von Lausanne-Sport fest. Dabei ist er selber der Beweis dafür, dass man rechts hinten sogar Kult werden kann. In 452 Matches hat «Cecca» zwischen 1987 und 2002 für den FC Basel die rechte Seite beackert.

Aber das war eine andere Zeit. Gibt Ceccaroni selber zu: «Damals sagte man: ‹Du bist der Aussenknebel.› Der Ausdruck sagt schon einiges. Du warst ein eher rüder Spieler. Und sicher nicht derjenige, der den Ball sauber am Fuss nach vorne gebracht hat.» Und heute? «Haben sich die Aufgaben stark verändert», sagt Ceccaroni, «nebst Geschwindigkeit sind Technik und taktisches Verständnis extrem wichtig geworden.»

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Um das zu verstehen, hilft ein Besuch im Training des FC Basel. An einem Dienstagnachmittag spielt der Innenverteidiger seit 15 Minuten einen Pass nach dem anderen nach rechts aussen. Joe Mendes (22) stoppt den Ball mit mehr oder weniger Erfolg. Es wirkt wie die belangloseste aller Situationen in einem Fussballspiel. Aber bereits unterbricht Fabio Celestini (49) die Übung.

Wieder und wieder. Und stets erklärt der Trainer des FC Basel seinem Rechtsverteidiger, dass es allein seine Ballannahme ist, die darüber entscheidet, wie sich danach die gesamte Mannschaft bewegt. Kann er sich mit Ball nach vorne drehen, wird der Angriff gestartet. Stoppt er aber den Ball in Richtung Spielfeldmitte, ist der Spielzug vertan. Der ganze Aufbau muss von neuem beginnen.

Werden Aussenverteidiger immer wichtiger?

Es gibt die These, dass Aussenverteidiger in den letzten Jahren immer wichtiger geworden sind. Weil in der Mitte des Spielfelds die Räume dank Pressing und Gegenpressing furchtbar eng geworden sind. Peter Knäbel (58) meint dazu: «Der Aussenverteidiger ist nicht wichtiger geworden. Er war schon immer wichtig. Sehr wichtig sogar.»

Knäbel war FCB-Nachwuchs-Chef und Technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), für dessen Präsidium er derzeit kandidiert. Er weiss also aus eigener Erfahrung, warum es so schwierig ist, Talente für den Ausbildungsweg «Aussenverteidiger» zu begeistern: «Das Zentrum ist attraktiv. Dort stehen die Tore, dort ist meistens der Ball. Kein Kind sagt, es will einmal Aussenverteidiger werden.»

Aber Knäbel stellt auch den umgekehrten Mechanismus von Trainerseite fest. «Bei der Talentsichtung fallen meist jene Kinder auf, deren Freund der Ball ist. Und die spielen halt meist dort, wo sie am häufigsten an den Ball kommen. Also in der Mitte.» Für ihn stehen darum zwei Dinge fest: «Wir müssen die Attraktivität dieser Position für die Spieler erhöhen. Und es braucht ein spezifisches Ausbildungsprogramm für Spieler, die sich in diesen Räumen aufhalten.»

«Wir müssen die Spieler schätzen»

Bei Patrick Bruggmann (50) stösst er damit auf offene Ohren. «Einen Aussenverteidiger musst du bewusst suchen», sagt der Direktor Fussballentwicklung beim SFV. Er meint damit auch, dass Talente von der Spielfeldmitte auf die Seite verschoben werden: «Aber dann muss ich diesen Spieler wirklich fördern, ihn wertschätzen und mit ihm einen Entwicklungsplan ausarbeiten.»

Für Bruggmann kann ein Spieler wie Dominik Schmid Vorbild sein. Der gab sein Profidebüt einst als zentraler Mittelfeldspieler. Inzwischen ist er beim FCB ein Linksverteidiger mit enormem Zug gegen vorne. Ein anderes Beispiel ist der einstige Stürmer Junior Ligue, der momentan beim FC Zürich den zweiten Bildungsweg als Linksverteidiger macht.

«Wir sind ein kleines Land, wir müssen mehr machen»

Aber Bruggmann würde gerne schon früher ansetzen, bei 16- oder 17-Jährigen. Weil die Schweiz derzeit im Vergleich zu anderen Nationen Probleme hat beim Übergang vom Nachwuchs in den Erwachsenenfussball. Für ihn ist die Lösung aus Sicht des Verbands klar: «Unsere Klubs müssen im Nachwuchs weniger auf Teamresultate schauen und vermehrt in die Entwicklung der einzelnen Spieler investieren.»

Klar scheint: Wenn sich nicht rasch etwas tut im Nachwuchs, droht die Schweiz den Anschluss zu verpassen. Nicht nur bei den Aussenverteidigern. «Wir sind ein kleines Land», sagt Peter Knäbel, «darum müssen wir aus weniger mehr machen als andere Nationen. Und das muss uns künftig wieder besser gelingen.»

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WM 2026 Gruppe A
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