Shaqiri, Xhaka und Deutschland: Ottmar Hitzfelds grosser EM-Check(01:26)

Shaqiri, Xhaka und die Deutschen
Ottmar Hitzfelds grosser EM-Check

In fünf Tagen startet die EM! Sie haben sich noch nicht damit beschäftigt? Kein Problem: Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld erklärt das Turnier, die Personalien in der Nati und wie er die Deutschen um Jogi Löw und Thomas Müller sieht.
Publiziert: 06.06.2021 um 01:09 Uhr
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Aktualisiert: 06.06.2021 um 10:54 Uhr
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  • Warum Xhaka zur AS Roma wechseln sollte
  • Wieso Shaqiri zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht
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Ottmar Hitzfeld freut sich die EM als Fan, zu verfolgen.
Andreas Böni (Text) und Toto Marti (Fotos)

Restaurant Ceresio in Riehen BS. Zwischen Tennisplätzen sitzt Ottmar Hitzfeld (72) am Tisch, lässt sich von Wirt Franco ein Rindsfilet mit Kräuterbutter und Pommes servieren. «Ich kenne ihn 50 Jahre, wir waren schon als Spieler des FC Basel immer bei ihm. Nun ist er 82 Jahre alt und steht noch immer täglich in der Küche, ich bewundere ihn», sagt Hitzfeld. «Franco ist auch der Götti von Basel-Trainer Patrick Rahmen.»

Hitzfeld ist entspannt, «es ist die schönste Zeit meines Lebens». Kein Leistungsdruck, kein Stress – wieder kann der Ex-Nati-Trainer (2008 bis 2014) in aller Ruhe ein Turnier als Fan betrachten. Der zweifache Welttrainer des Jahres, der mit Dortmund und Bayern die Champions League gewann, macht im Blick den grossen EM-Check.

Ottmar Hitzfeld über …

… die aktuelle Nati: «Es ist eine sehr gute Generation, auch dank der Migration. Fast alle spielen im Ausland, das hilft im Selbstverständnis, da kommst du mit mehr Selbstbewusstsein in die Nati. Für mich ist es eine grossartige Mannschaft.»

… das Ziel der Nati: «Man darf generell vor dem Turnier nicht über die Vorrunde hinaus denken als Trainer. Das wäre respektlos gegenüber den Gegnern.»

… den Achtelfinal-Fluch: «Jetzt ist die Nati an der WM 2014 gegen Argentinien, an der EM 2016 gegen Polen und an der WM 2018 in Russland drei Mal dort stecken geblieben. Aber irgendwann wirds klappen. Man muss jetzt diese Hürde im Kopf überwinden und es einfach mal schaffen. Und dann liegt auch ein Halbfinal drin. Aber eben: Du solltest nicht vor dem Turnier darüber reden.»

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… Captain Granit Xhaka und seine Aussage, er packe bis zum Final: «Das darf er auch sagen als Spieler. Ohne Ziele und Träume erreichst du auch nichts. Granit hat sich sehr positiv entwickelt, er war ja noch keine 18, als ich ihn in die Nati holte. Er war schon immer ein Leader-Typ mit unglaublich hoher Spielintelligenz, die wohl angeboren ist. Man kann das ein bisschen fördern, aber nicht entwickeln. Für mich ist er ein Weltklassespieler heute.»

… die Wechselgerüchte um Xhaka und die AS Roma: «Der Spieler muss selbst spüren, wann es Zeit für eine neue Herausforderung ist. Er ist jetzt fünf Jahre bei Arsenal und jeder Vereinswechsel ist in seinem Alter eine zusätzliche Motivation. In Italien käme eine neue Sprache und ein neues Umfeld dazu. Auch fussballerisch wäre es spannend. Die Italiener sind Taktikfüchse, das kommt ihm entgegen. Dazu käme mit José Mourinho ein spannender Trainer, der seine eigenen Spieler nach aussen immer sehr stark verteidigt und immense Erfahrung hat. Die Spieler mögen ihn, die Journalisten vielleicht weniger. Kurzum: Ich würde Granit raten, es zu machen.»

… die Wechselgerüchte um Xherdan Shaqiri und seinen Stellenwert allgemein: «Xherdan war immer der Lieblingsspieler der Fans, weil er ein grandioser Fussballer ist. Er hat Fussball im Blut, aber er hat bis jetzt zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht. Er hat das Potenzial, mehr zu leisten. Er wird nun 30 und ist immer noch ein liebenswerter Lausbub, aber man erwartet immer noch, dass irgendwann mehr von ihm kommt. Die Frage ist, ob Liverpool dafür der richtige Klub ist. Es ist halt eine grosse Hausnummer, mit Riesen-Konkurrenz. Mir wäre lieber, er würde zu einem anderen Klub wechseln, wo er regelmässig 90 Minuten spielt und Leistungsträger wäre.»

… Shaqiris Karriere-Fehler, Bayern 2014 zu verlassen: «Ich habe schon damals gesagt, dass er den Schritt irgendwann bereuen wird. Robben und Ribéry wurden älter, hätte er noch ein, zwei Jahre Geduld gehabt, wäre er deren Nachfolger geworden. Es war keine gute Entscheidung, die Bayern so früh zu verlassen und zu Inter zu gehen.»

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… den Partyskandal von Breel Embolo: «Es gehört zu einer Karriere, dass man auch mal ein solches Abenteuer erlebt. Wichtig ist, dass man daraus lernt. Er ist ein Riesen-Talent, hat alle Fähigkeiten, um ein Top-Spieler zu werden.»

… die Nichtnominierung von Gregor Kobel, der für 15 Millionen Euro zu Dortmund wechselt: «Das war eine Hammer-Entscheidung, als Aussenstehender war ich überrascht. Aber ich bin zu weit weg, um es inhaltlich kommentieren zu können.»

… Auftaktgegner Wales: «Auftaktspiele sind oft zäh. Dieses besonders. Wales ist robust, kann verteidigen, ist physisch stark und vorne hat man Gareth Bale, den Star von Tottenham, der immer ein Tor machen kann. Die Schweiz ist aber Favorit und muss dieses Spiel gewinnen.»

… den zweiten Gegner Italien: «Eher ein dankbarer Gegner für mich, weil man nur gewinnen kann. Italien steckt in der Erneuerung und hat als Land einen klangvollen Namen, aber als Mannschaft noch nicht die Top-Spieler. Es ist ein guter Zeitpunkt, um gegen Italien zu spielen.»

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… den dritten Gegner Türkei: «Das sind Wadenbeisser, auch unangenehm. Dann schlagen sie mal Holland und spielen dann nur 3:3 gegen Lettland. Eine launische Mannschaft. Zudem wirds eine heisse Atmosphäre, weil das Spiel in Baku, also in Aserbaidschan, nah der türkischen Grenze stattfindet und viele Gegner-Fans erwartet werden. Aber das finde ich trotzdem super, besser als Spiele ohne Fans.»

… die EM-Favoriten: «Frankreich als Top-Favorit und auch Deutschland. Frankreich hat mit Mbappé, Benzema, Griezmann und Giroud den besten Angriff von allen.»

… die EM in elf Ländern: «Es ist der ungünstigste Zeitpunkt, um so zu reisen mit Corona. Ich finde es aber allgemein nicht gut, es geht die ganze Atmosphäre verloren. Wenn ich daran denke, wie die Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien waren, mit allen Fans in einem Land – das waren Feste. Das wird fehlen dieses Jahr.»

… die Kandidaten auf den EM-Torschützenkönig: «Mbappé oder Benzema.»

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... Superstar Cristiano Ronaldo: «Er kann immer ein Spiel entscheiden, mit Freistössen und Standards. Aber ob er nochmals an sein höchstes Leistungsvermögen rankommt, bin ich mir nicht sicher.»

… Bundestrainer Jogi Löw, der nach dem Turnier aufhört: «Es war eine kluge Entscheidung, das rechtzeitig bekannt zu geben. Dann ist der Druck weg. Ob er eine Lame Duck, also eine lahme Ente, ist? Das ist ein Ausdruck der Journalisten. Ich bin überzeugt, dass es eine Erleichterung für ihn ist und er sich erfolgreich verabschieden will. Er will diesen EM-Titel, auch wenn er es nicht offen ausspricht.»

… sein offenes Interview in der «Zeit», wo er über Schwulen-Gerüchte und Kinderlosigkeit redet: «Das ist Ausdruck davon, wie gelöst er ist. Der Druck ist anders nun.»

… Löws verlorene Glaubwürdigkeit, weil er Thomas Müller aufbietet: «Im Gegenteil. Das zeugt von Grösse, dass er über der Sache steht und seinen Fehler korrigiert. Und somit die Mannschaft stärkt.»

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… Müllers Rolle nach dem Turnier unter dem neuen Trainer Hansi Flick: «Müller wird natürlich weiter gesetzt sein.»

… den Bruch von Flick mit Bayern: «Da blicke ich nicht durch, ehrlich gesagt, ich habs nie verstanden. Dass Flick nach dem Spiel in Wolfsburg sagte, er gehe und die Führung nichts davon wusste, führte sicher zum Bruch zwischen allen. Für mich ist es immer noch ein unfassbarer Entscheid, dass du als Erfolgstrainer von Bayern zum DFB gehst – er hätte bei Bayern über Jahre eine Ikone werden können.»

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