Leitartikel zu den Chancen der Nati an der EM
Jetzt träumen wir gross!

An der EM läuft bis jetzt praktisch alles für die Nati – sogar der Last-Minute-Rückschlag gegen Deutschland könnte Gold wert sein. Das gilt es nun auszunutzen, schreibt Blick-Sportchef Emanuel Gisi.
Publiziert: 29.06.2024 um 01:14 Uhr
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Aktualisiert: 29.06.2024 um 16:29 Uhr
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Schweizer Jubel in Deutschland: Die Nati-Fans dürfen jetzt von Grossem träumen.
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Emanuel GisiSportchef

Ja, wir dürfen träumen. Und zwar vom ganz grossen Wurf. Das mag uns Schweizern ein bisschen unheimlich vorkommen und öffentlich zugeben tun wir das ungern. Aber tief drin in der nationalen Fussball-Seele wissen wir: Jetzt ist an der EM für die Nati alles möglich.

Das 1:1 gegen Deutschland mit dem Ausgleich in der Nachspielzeit für die Gastgeber entpuppt sich mit ein paar Tagen Abstand als Geschenk des Himmels. Dank dem Verpassen des Gruppensiegs hat es die Nati in die schwächere Tableauhälfte gespült, wo es mit Italien und England zwar grosse Namen hat, die aber bei kritischer Betrachtung als Mogelpackung durchgehen. Keines der beiden Teams hat so gross aufgespielt, wie es der Name vermuten lassen würde. Ein möglicher Weg in den Final mit Italien, England und dann Österreich oder Holland … Wer die EM-Vorrunde gesehen hat, weiss: Klingt kühn, ist aber möglich.

Gleichzeitig zeigt der Füllkrug-Treffer in der Nachspielzeit: Es verträgt auch in Spielen, in denen viel für die Nati läuft, nicht viel. Wir sehen das positiv und sagen: Das schärft die Sinne. 

Das ist auch nötig. Denn wenn am Samstag um 18 Uhr im Berliner Olympiastadion angepfiffen wird, steht viel auf dem Spiel:

  • Für die Generation Xhaka geht es darum, sich zu vergolden. Dafür muss nicht gleich der Titel her – auch wenn sich der Mannschaftskern um Captain Granit Xhaka (31), Yann Sommer (35) und Manuel Akanji (28) in diesem Moment nicht mit weniger zufriedengeben wird. Aber mag die Schweizer Nati sich nun sechsmal in Folge für die K.-o.-Phase bei einem grossen Turnier qualifiziert haben – nur einmal kam sie bislang über die Achtelfinals hinaus, vor drei Jahren beim Coup gegen den damaligen Weltmeister Frankreich. Ein Triumph gegen Italien wäre der nächste grosse Sieg, mit England würde wohl der nächste Brocken gleich warten. Und damit die nächste Chance, Sportgeschichte zu schreiben.
  • Für Trainer Murat Yakin (49) geht es um die Zukunft. Zieht er in den Viertelfinal ein, hat er beste Karten in der Hand. Im Frühjahr noch lehnte er eine mögliche Vertragsverlängerung ab, nachdem ihm die Skeptiker im eigenen Verband eine Klausel reinschreiben wollten, die es ermöglicht hätte, ihn beim Verpassen der Viertelfinals wieder loszuwerden. Gleichzeitig würde er seinen Ruf, als grosser Taktiker in Spielen gegen grosse Teams zu Höchstform aufzulaufen, weiter festigen. Und er würde, auch noch ein netter Nebeneffekt, die Achtelfinal-Schmach vom 1:6 an der WM in Katar gegen Portugal wieder auswetzen.
  • Für den Schweizer Fussball geht es um Ruhm, Ehre und gutes Geld. Ein Sieg über Italien bringt Prestige, klar. Doch auch der finanzielle Schub ist nicht zu verachten. Ein Viertelfinaleinzug spült 2,5 Millionen an zusätzlichen Prämien in die Kassen (im Halbfinal würde man weitere 4 Mio. kassieren). Geld, das der Verband brauchen kann, um den Xhakas der nächsten Generation optimale Bedingungen zu bieten.

Machen wir uns aber nichts vor. Für die Italiener geht es um noch viel mehr. Mamma mia, wäre das eine Schmach, als Titelverteidiger gegen die kleine Schweiz bereits im Achtelfinal die Segel streichen zu müssen. Und doch: Nüchtern betrachtet ist jetzt alles möglich. Wenn die Nati die Ruhe bewahrt. Und der Rest der Fussballnation träumt.

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