Dortmund – Mainz 2:2: BVB-Fans rühren Coach Terzic zu Tränen(08:28)

Schweizer Goalies mittendrin im Bundesliga-Drama
Kobel tröstet Freundin – Sommer muss Neuer vorlassen

Bayern München entreisst dem BVB am letzten Spieltag der Bundesliga noch die Meisterschale und stürzt Dortmund in eine tiefe Depression. Mitten drin: die beiden Schweizer Goalies Yann Sommer und Gregor Kobel.
Publiziert: 28.05.2023 um 10:58 Uhr
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Aktualisiert: 28.05.2023 um 16:27 Uhr
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Gregor Kobel ist nach der verpassten Meisterschaft mit dem BVB am Boden.
Sebastian Rieder aus Dortmund und Michael Schifferle

Der Satz stammt von Marcel Reif, vom Saisonfinal 2001, als die Bayern dem FC Schalke in der 94. Minute der letzten Runde die Meisterschale tränenreich entrissen: «Tja, so sind sie», sagte der berühmte Kommentator lapidar. Bis heute ist dem wenig beizufügen: Tja, so sind sie!

Die Bayern stolperten und strauchelten durch die Rückrunde. Sie feuerten Trainer Julian Nagelsmann zur Unzeit. Sie verpassten es, auf den Abgang von Robert Lewandowski angemessen zu reagieren. Sie hatten Theater, weil sich Manuel Neuer bei einer Skitour verletzte. Sie unterliessen es, dessen Stellvertreter Yann Sommer auch nur einmal angemessen rhetorisch zu unterstützen – obschon die Kritik am Schweizer Nati-Goalie meist zweierlei war: unsachlich und unfair. Tja, und sie patzten zuletzt gar daheim gegen Leipzig.

Und nun? Spielt das in der Bundesliga keine Rolle. Sind sie wieder Meister, zum elften Mal in Serie, und wieder klauen sie einem Ruhrpottverein die Schale in der Schlussphase der letzten Runde.

Jamal Musiala (20) liefert einen Beweis seiner aussergewöhnlichen Klasse und trifft mit einem perfiden Schuss in die weitere untere Ecke zum 2:1 der Bayern in Köln. 89 Minuten sind da gespielt. Ein Remis hätte Dortmund zum Meister gemacht. In Dortmund herrscht blankes Entsetzen. Edin Terzic, der Trainer der Dortmunder, der bereits unter Lucien Favre Assistent war, versucht seine Mannschaft noch mal anzutreiben. Doch auch seine Mimik verrät: Die Luft ist raus, der Glaube entschwunden. Der späte Ausgleich ändert nichts am Dortmunder Schicksal: Der Titel ist verspielt.

Starker Sommer

Gleichzeitig freuen sich die Bayern wie lange nicht über einen Meistertitel – der Liga-Gewinn schien zur drögen Routine verkommen zu sein. Auch Yann Sommer jubelt, jener Yann Sommer, der absurde Diskussionen über sein Können und seine Körpergrösse über sich ergehen lassen musste. Er hielt bereits gegen Leipzig ausgezeichnet, und in Köln lenkte er Mitte zweiter Halbzeit einen Kopfball des Kölners Kainz über die Latte.

Köln – Bayern 1:2: Sommers wohl wichtigste Parade für die Münchner(08:09)

Eine Grosstat, die ihm allerdings nichts mehr nützen dürfte. Denn wie es um seinen Status steht, weiss er spätestens seit der Pokalübergabe. Denn die Meisterschale der Münchner hebt kein anderer als Manuel Neuer in die Höhe. Er, der keine Minute in dieser Rückrunde auf dem Platz stand. Schon in den letzten Wochen wurde seine Rückkehr ins Training auf der eigenen Homepage salbungsvoll beschrieben. Deutlicher kann man Sommer nicht zu verstehen geben, dass sich seine Zeit bei den Bayern dem Ende zuneigt. Immerhin: Er ist erst der siebte Schweizer, der sich Deutscher Meister nennen darf.

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Auf dem Rasen steht auch Hasan Salihamidzic, der Sportvorstand der Bayern – anders als CEO Oliver Kahn, der offiziell krankgemeldet wird. Fünf Minuten nach Spielschluss sickert die Nachricht durch, die zumindest zu diesem Zeitpunkt und in dieser drastischen Form doch ein wenig überrascht: Kahn und Salihamidzic sind ihre Jobs los. Per sofort. Nicht mal der elfte Titel in Serie kann sie retten. Kahns bisheriger Stellvertreter Jan-Christian Dreesen (55) wird CEO.

Der geschasste Kahn meldet via Twittter, dass er nicht krank sei – sondern der Klub ihm untersagt habe, nach Köln zu reisen. Und via Sky: «Es ist der schlimmste Tag meines Lebens.» Einer auch, der noch länger nachhallen dürfte.

100 Kilometer nördlich von Köln der krasse Kontrast: In Dortmund herrscht in diesem Moment die totale Depression. Wie tote Bienen liegen die Schwarz-Gelben nach Schlusspfiff auf dem Rasen – Hammer statt Honig. Nur ein Sieg gegen Mainz hätte den BVB in jedem Fall zum Meister gemacht. Nur Gregor Kobel (25) steht aufrecht und klopft seinen Leidgenossen auf den Rücken.

Tränen bei Kobels Freundin

Trösten muss der Schweizer Goalie später auch seine Freundin, die sich an seiner Schulter die Augen ausweint. Er schweigt, regungslos. Die passenden Worte findet in diesem Moment nur der Trainer. «Es tut so extrem weh – nur ein Tor hat uns gefehlt», sagt Edin Terzic und hadert mit dem Schicksal: «Ich fühle eine riesige Leere und grosse Enttäuschung in mir.»

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Mit Tränen in den Augen greift er zu einer Metapher, um das Leid in eine neue Lust umzuwandeln. «Dieser Spieltag wird uns noch sehr lange wehtun. Wir waren heute so nah dran. Aber egal, wie gross der Schmerz heute ist. Das gehört jetzt zu unserem steinigen Weg. Es wird eine Motivation für morgen sein. Wir werden wieder aufstehen.»

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