«Blume auf dem Joggeli-Rasen»
Ex-Nati-Spielerin fand durch den Cup ihre grosse Liebe

Berufswunsch? «Sonnenblume», sagte klein Sonja. Die Eltern hatten einen Blumen- und Gemüsehandel. «Wenn ich gross bin, will ich eine Sonnenblume werden.» Sie wurde aber Nati-Fussballerin. Warum das in der Geschichte des Schweizer Cups eine Rolle spielt? Weiterlesen.
Publiziert: 07:35 Uhr
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Aktualisiert: 11:43 Uhr
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Prisca Steinegger, frisch geduscht, 2007 im neuen «Wankdorf» mit der Cup-Trophäe.
Foto: Privatarchiv
Bänz Friedli*

Der fünfzigste Schweizer Cupfinal der Frauen steht an: am letzten Märzwochenende 2026. Bemerkenswert ist das, weil wir soeben den hundertsten der Männer gefeiert haben. Und die Frauen gerade dabei sind, in horrendem Tempo und mit dem Schwung der Heim-EM eine jahrzehntelange Ungleichbehandlung wettzumachen und in eine Gleichstellung zu verwandeln. Wie in den meisten Ländern war ihnen das Fussballspiel auch in der Schweiz bis 1970 nicht erlaubt.

Und wenn wir bedenken, dass die Männer auch hierzulande bereits gut und gerne fünfzig Jahre gekickt hatten, als sie ihren ersten offiziellen Cupfinal austrugen, beträgt deren historischer Vorsprung gar hundert Jahre. Auch medial waren sie bis vor kurzem stark bevorteilt, die erste Live-Übertragung eines Liga-Spiels von Frauen hatte das Schweizer Fernsehen erst 2020 im Programm.

Die Geschichte des Frauen-Cups neu schreiben

Während über die Männer seit je berichtet wurde und die Helden sich in die Geschichtsbücher eintragen konnten, ihre Anekdoten in Büchern und Archiven zu finden sind, wurden etliche Geschichten der Frauen noch gar nie erzählt. Dies möchten wir gemeinsam mit den Akteurinnen nachholen, deshalb widmen wir uns hier in den kommenden Monaten regelmässig dem Schweizer Cup der Fussballerinnen. Manche sind durch einen Matchbesuch an der «Weuro» oder vor dem TV «gwundrig» geworden: Wenn der SV Sissach in der ersten Cup-Hauptrunde gegen die Servettiennes spielt und der FC Mutschellen die FCZ-Frauen empfängt, geschieht es nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Just dies hat Prisca Steinegger erlebt: einen Cupfinal, «der keinen Menschen interessierte», wie sie lakonisch sagt. Ihren ersten Final spielte sie 1993 auf dem Areal der Brauerei «Hürlimann», DFC Blue Stars gegen Seebach, zwei Zürcher Vereine.

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«Wenn du zuvor auf mittelprächtigen ‹Grümpiwiesen› gespielt hattest, war es schon mega lässig, wenigstens ein einziges Mal im Jahr in einem professionellen Umfeld spielen zu können.»
Prisca Steinegger, ehemalige Capitaine der Nati
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«Es war eine mittelprächtige Grümpi-Wiese, kein richtiges Fussballfeld», erinnert sich Steinegger. Und lacht. Damals durfte sie, streng genommen, noch kein Bier trinken – denn sie war noch nicht sechzehn. Den «Hürlimann»-Humpen, den es als Preis für die unterlegenen Blue-Stars-Spielerinnen gab, hat sie dennoch aufbewahrt. Er war unlängst sogar in einer Sonderausstellung im FIFA-Museum zu sehen. Zum Lachen sind solche Episoden heute nur darum, weil der Fussball der Frauen dank der EM-Endrunde endlich für alle sichtbar geworden ist. Ignorieren geht nicht mehr, schlechtreden schon gar nicht. Aber bis zum Beginn des Jahrtausends war der Cup der Frauen buchstäblich ein Nebenschauplatz, ausgetragen auf Nebenplätzen und «mittelprächtigen Grümpi-Wiesen».

Von 2001 bis 2009: Frauen-Final als Vorspiel der Männer

Das änderte sich erst 2001, als der SFV beschloss, den Final der Frauen jeweils als Vorspiel des Männer-Cupfinals anzusetzen, in den grössten und modernsten Stadien des Landes, zunächst fünfmal in Basel, von 2006 bis 2009 dann im neuen «Stade de Suisse» in Bern. Und selbst wenn die meisten Zuschauenden erst wegen des zweiten Matchs ins Stadion strömten, war es doch für viele Fussballinteressierte das erste Mal überhaupt, dass sie Frauen spielen sahen. Allein: Bei Anpfiff mittags um zwölf war das Stadion noch fast leer. «Anwesend waren unsere Mütter, Väter und Fans, die grosse Masse kam dann erst aufs Männerspiel», resümiert Steinegger. 

«Und sogar solche, die unsere Partie hätten sehen wollen, gelangten viel zu spät ins Stadion, weil nicht rechtzeitig genügend Gates geöffnet worden waren.» Offiziell wurden für die Frauen schliesslich Zahlen von 3’000 bis 5’000 Zuschauenden ausgewiesen; für die Männer hingegen stets «ausverkauft»: 33’433 in Basel, 30’569 in Bern. «Klar, es war der Männerfinal, aber das hat mich nicht gestört», sagt Prisca Steinegger rückblickend.

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«Mir war ‹wurscht›, dass die meisten nicht unseretwegen hier waren. Ich war 18 und konnte in einem grossen Stadion spielen.»
Sonja Lundsgaard-Hansen, damalige Kessi, Cupsiegerin 2001 im «Joggeli»
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«Meine Erinnerungen sind überhaupt nicht negativ. Der coolste Unterschied war, wenn du zum ersten Mal in ein solches Stadion fährst, dich dann in den Katakomben aufhältst und eine richtige, riesige Garderobe zugeteilt bekommst … – da bringst du den Mund nicht zu.» Als Kapitänin der Nati war die Innenverteidigerin eine Lia Wälti ihrer Zeit, wurde jedoch kaum je öffentlich wahrgenommen. «Wenigstens ein einziges Mal im Jahr in einem professionellen Umfeld spielen zu können, war dann eben schon mega lässig.» 

Einzig in Schweden hatte sie im Nationaltrikot einmal vor 23'000 Leuten gespielt, in der Schweiz kamen damals nie annähernd so viele zu Länderspielen. Zweimal verlor Steinegger mit ihren Seebacherinnen einen Final gegen SC Luwin.ch, 2005 im «Joggeli» mit 1:3 und 2006 in Bern gar mit 0:5. Dann aber schlug ihre Stunde, 2007 im neuen «Wankdorf». Als Capitaine des FFC Zürich Seebach schlägt sie die damaligen B-Ligistinnen des FFC Zuchwil 05 mit 2:1. «Und dann? Haben wir geduscht und danach den Final der Jungs geschaut.» Den übrigens eine Frau pfiff: Nicole Petignat. Und natürlich motzten die Luzerner Männer, als Petignat in der Nachspielzeit auf den Penaltypunkt zeigte. Ein gewisser Murat Yakin verwandelte, der FC Basel gewann 1:0.

Die Frauen des FC Bern gewannen achtmal in Serie

Cupfinals, die kaum jemanden interessiert hätten? Sonja Lundsgaard-Hansen kennt sie nur zu gut. Ihren ersten Final erlebte sie 1999 als 17-Jährige in Effretikon ZH, den zweiten im Jahr darauf in Rapperswil SG. Zu jener Zeit legten die Frauen des FC Bern, denen sie angehörte, sagenhafte acht Cupsiege in Serie hin. Womit auch erklärt ist, warum die YB-Frauen in ihrem Palmarès so viele Titel aufweisen: Die Cupsiege datieren allesamt aus der Ära des FC Bern, der zwischen 1978 und 2001 binnen dreiundzwanzig Jahren fünfzehnmal die Trophäe holte. In den BSC YB integriert wurden Berns Frauen erst 2009. 2001 dann der grosse Moment für Sonja, noch unter ihrem Mädchennamen Kessi. Cupsieg im funknagelneuen St.-Jakob-Park! 4:0 gegen den FC Sursee.

«Ich fand das super, mir war ‹wurscht›, dass die meisten nicht unseretwegen hier waren. Ich war achtzehn und konnte in einem grossen Stadion spielen», schwärmt sie noch heute. «Wir plauderten auch mit den Herren, die nach uns dran waren, und am Ende schenkte Alexandre Quennoz vom FC Basel mir sein Leibchen.» Apropos Frauenfinal 2001 im «Joggeli»: Für eine Teilnehmerin wäre es wohl zum Karrierenende auch ein -höhepunkt gewesen – Schiedsrichterin Vroni Schluchter musste aber nach einer Viertelstunde verletzt aufgeben.

Die Liebe ihres Lebens fand sie auf dem «Bitz»

Und Sonja Kessi? Die nächsten beiden Cupfinals verlor sie. Aber das war nicht so wichtig. Sie fand dafür in einem jungen Sportjournalisten die Liebe ihres Lebens. Kennengelernt hatten sie sich «auf dem Bitz», Nils Lundsgaard-Hansen trainierte auf dem Berner «Neufeld» YB-Junioren, Sonja auf derselben Anlage eine Mädchen-Équipe des FC Bern, in der auch Nils’ kleine Schwester mittat. Und er, der neben dem Studium für Zeitungen schrieb, übertitelte 2003 im «Berner Bär» eine Vorschau auf den Cupfinal: «Eine Sonnenblume auf dem Sankt-Jakob-Rasen».

Gemeint war die spätere Frau seines Herzens, Sonja. Deren Berufswunsch als Fünfjährige gelautet hatte: «Wenn ich gross bin, werde ich eine Sonnenblume.» Heute haben die beiden zwei erwachsene Söhne, noch immer ist die Familie fussballverrückt. Für den FC Breitenrain hat Sonja ein Frauenteam aufgebaut, das sie seit der Gründung trainiert, bis Ende der abgelaufenen Saison gemeinsam mit Andy Egli – in drei Jahren gelangen zwei Aufstiege und zwei Berner Cupsiege! Die technische Co-Leitung hat das Ehepaar Lundsgaard-Hansen heute gemeinsam inne. Sonnenblumen? Wachsen auf dem Kunstrasen des FC Breitenrain im «Spitalacker» keine. Aber die Liebe gedeiht. Die Liebe zum Fussball. Egal, welches Geschlecht diejenigen haben, die ihn spielen.

*Der Autor und Kabarettist Bänz Friedli befasst sich seit vielen Jahren mit dem Fussball der Frauen, unter anderem in seinem Kinderbuch «Machs wie Abby, Sascha!». Sein erstes Frauenspiel sah er 1980 auf dem Berner «Neufeld»: FC Bern – FC Bad Ragaz mit der Spielertrainerin Marie-Theres «Maite» Nadig.

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